Bishi

Manege frei im Zirkus London: Bishnupriya Bhattacharya, kurz Bishi, wechselt vom DJ-Pult hinters Mikro und spielt ihre Sitar wie eine Flying V Guitar. Herauskommt einer der überzeugendsten neuen Entwürfe britischer Popmusik.

BishiEin milder Oktobermittag in London: Vor der Shoreditch Church in Hackney, deren Säulen mit Bishis Konterfei beklebt sind, erzählt Fotograf Eric Watson von seiner Arbeit für die Pet Shop Boys in den achtziger Jahren, während wir auf Bishi warten. »Diese Kirche erinnert mich an die Kirche, in der wir damals das Video zu ›It’s A Sin‹ drehten! Das waren noch Zeiten … diese sechsstelligen Budgets!« Am Abend sind die Bänke der Kirche voll besetzt. Es ist der zweite von drei Abenden, an denen Bishi »Nights At The Circus«, ihr Debütalbum, vorstellt. Dass der Andrang so groß ist, wundert nicht: Bishi ist in London als DJ und Partyveranstalterin bekannt. Vor sieben Jahren organisierte die heute 24-Jährige mit Freunden die Clubnacht »The Siren Suite«, die mit einem Mix aus indischer und osteuropäischer Folklore, Klassik und Avant-Pop für Furore sorgte. Es folgten die »Kashpoint«-Abende, bei denen sich Fashion Victims und Celebrities auf die Füße traten. Es war die Hochphase des Electroclash.

    Der Duft von Glühwein hängt im Raum, das Publikum ist angetrunken. Das Konzert beginnt mit einem Auftritt von Patrick Wolf, der unter großem Hallo als Pumuckl in blauen Lackschuhen und roten Hosenträgern zur Kirchenorgel hüpft. Wolf, der gerade mit Bishi als Vorgruppe durch die USA getourt ist, singt aus voller Kehle, um nach zwanzig Minuten mit einer der ersten Kompositionen Bishis zu enden: »Den Text zu diesem Stück hat Bishi mit elf geschrieben«, verkündet er. »Ich habe sie damals durch eine Kontaktanzeige in der Musikzeitschrift Select kennengelernt«. Bishi betritt mit stolzem Blick und einer ins Haar geflochtenen Blüte die Bühne und schnallt sich ihre Sitar um. Weitere Instrumente: Tablas, Maultrommel, Akustikgitarre, Klavier und Orgel. Mit sicherer Stimme trägt sie ihr Album vor, ihre Finger fliegen über die Tabla. In den Pausen tönen frenetische »Bishi, Bishi«-Rufe durch das Kirchenschiff.


VIDEO: Bishi – Never Seen Your Face
»Meine Sitar wurde von einer der ältesten indischen Sitarbauerfamilien gefertigt. Diese kleine Studiovariante ist zum Reisen gedacht«, erklärt Bishi am nächsten Tag in einem Café gegenüber der Kirche und lacht: »Ich habe einen Gitarrengurt angebracht und spiele nicht im Schneidersitz, sondern im Stehen. Ich spiele die Sitar wie andere die E-Gitarre – ich bin die Einzige auf der Welt, die das so macht.« Jedes Jahr fliegt Bishi für einen Monat nach Indien, um »in einer Art militärischem Trainingscamp in Sitzungen, die von Meistern geleitet werden, meditierend mein Spiel zu verbessern. Indische Musik ist nicht harmonisch aufgebaut. Man lernt Ragas, auf denen man dann improvisiert.« Auch ihre Stimme unterzog sie professioneller Behandlung. »Ich spielte früher Bartók auf dem Klavier und mag osteuropäische Volksmusik sehr gerne. Dann fand ich die Telefonnummer einer Frau, die den London Bulgarian Choir leitet. Ich wollte, dass meine Stimme facettenreicher wird, also nahm ich dort, in einem Hinterzimmer der bulgarischen Botschaft, Unterricht.«

    Bishi wurde in London als Kind indischer Einwanderer geboren. Sie wuchs im Stadtteil Earls Court auf. »Viele australische Touristen, Backpacker, Schwule, dazu eine große Psychiatrie. Ein merkwürdiges Viertel. Inder gibt es dort nur wenige, dafür viele reiche Araber. Ich war eine Außenseiterin, gehörte nicht zur indischen Community, denen war ich zu extrem, und ich kam mit meinen englischen Schulkameraden nicht klar. So nutzte ich die Musik- und Kunstszene im benachbarten Chelsea, um dieser Welt zu entkommen.«

    Bishi schreibt ihre Lieder auf dem Laptop oder der Ukulele, um sie dann zusammen mit dem Londoner Underground-Impresario Matthew Hardern, in den neunziger Jahren Mitglied von Leigh Bowerys Band Minty, auszuproduzieren. »Ich kenne Matthew, seit ich zwölf bin. Patrick Wolf schrieb ihm damals einen Fanbrief, da wir beide Minty so toll fanden. Matt hilft mir, meine etwas krausen Songideen in eine robuste Form zu bringen«. Die einmalige Mixtur aus dem durchgeknallten Art-Pop Mintys, Electroclash und Elementen des Global Pop, Bollywood-Sounds und Balkan-Folklore, den man mit leicht variierten Zutaten zuletzt so gelungen nur bei M.I.A. hören konnte, ist total London. Sehr ›now‹. Herrlich eingängige Popsongs, die durch den Einsatz der Sitar das nach einem Roman der postfeministischen Goth-Autorin Angela Carter benannte »Nights At The Circus« zu einem der überzeugendsten neuen Entwürfe britischer Popmusik machen.

    In ihren Texten beschäftigt sich Bishi nicht nur mit dem Songthema schlechthin, Liebe, sie reflektiert auch ihre Selbstwahrnehmung als heimatlose Exotin – etwa im kabaretthaften Titelsong. »Angela Carter schreibt über eine hybride Künstlerexistenz, die rastlos die Welt durchstreift – ähnlich wie ich.« Bishi singt »von London als einem Zirkus, der diverse künstlerische Ausdrucksformen birgt, andauernd in Bewegung ist und eine Fluchtmöglichkeit in unserer globalisierten Welt darstellt«. »Das ist mein Leben als Musikerin«, stellt sie fest. Plötzlich guckt sie erschrocken auf die Uhr. Der Auftritt! Bishi verabschiedet sich, rafft ihre drei Plastiktüten zusammen, in denen die Kostüme für das heutige letzte Konzert verstaut sind, und eilt die Treppen zum Kirchenportal hinauf.

»Nights At The Circus« von Bishi ist bereits erschienen und als Import erhältlich (Gryphon Records).

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