Cover: Basic Volume

Kapitalisierung macht vor nichts halt, oder?
Die Musik ist aber eine Kunstform, da hat es besonders perverse Folgen. Warum machen wir uns Gedanken über die Chartposition? Sogar für die Verleihung von Musikpreisen! Grime-Künstler in London definieren sich über ihre Klickzahlen auf Youtube, während Vevo nur einen Knopf drücken muss, um deinem Video 500.000 Klicks zu verpassen. Die Musikkultur ist heutzutage eng mit der Meme-Kultur verknüpft.

Wie meinen Sie das?
Welches ist wohl der erfolgreichste Rap-Song in der gesamten Geschichte britischer Rap-Musik? „Mans Not Hot“ von Big Shaq – mit Abstand! Der Song ist ein Witz, buchstäblich! Ich mag den Song, ist ganz unterhaltsam, aber der beste Song, den wir jemals gemacht haben? Ich hoffe nicht! Der Song wird in den Geschichtsbüchern auftauchen. Das hat mit Popmusik nichts mehr zu tun, das ist das Internet. Ohne dem Ganzen einen moralischen Stempel aufdrücken zu wollen – ich möchte genau das Gegenteil machen. Herausfordernde Kunst, die für immer bleibt, nicht nur für den Moment.

Gehört werden wollen Sie aber auch.
Na klar! Es geht mir nur darum, tatsächlich etwas zu sagen, nicht nur zu labern, um zu labern. Es geht nicht um dauerhaftes Wachstum, sondern um die Musik. So wurde ich jedenfalls erzogen.

„Du musst nicht ins Gesicht geschlagen werden, um zu wissen, dass es weh tut.“

Auf Basic Volume arbeiteten Sie mit Sophie zusammen. Sophie und PC Music haben auch eine mathematische, teils ironische Herangehensweise an Pop.
Das war am Anfang auch mein Problem. Ich hielt PC Music für genau den Internet-Hype, den ich so verabscheue, für das Gegenteil der ehrlichen Musik, die ich machen wollte. Aber arrogant bin ich auch nicht, also ließ ich mich auf ein Treffen mit Sophie ein, als sie mich danach fragte. Erst war ich etwas zögerlich, bis ich bemerkte, dass ich mich echt wie ein Arsch aufführte. Ich meine, das ist eine der talentiertesten Produzentinnen unserer Generation, warum sollte ich mich kategorisch gegen eine Zusammenarbeit entscheiden? Im Studio präsentierte sie mir dann ein paar Beats und – es fühlte sich an, als könne sie meine Gedanken lesen. Wir haben direkt zwei Songs aufgenommen und ein paar Monate später gleich noch ein paar. Das ging immer extrem schnell. Sophie ist ein unglaublicher Mensch und eine unglaubliche Produzentin. Sie fragt mich, obwohl sie Charli XCX, Madonna und Rihanna haben könnte! Ihr geht es nicht um das Geld, sondern um den Drang, Neues auszuprobieren, zu lernen und zu schaffen. Wie bei mir. Das war mir eine Lehre. Man sollte sich nie von Vorurteilen daran hindern lassen, neue Erfahrungen zu machen.

Letzte Frage, gleich ist die Zeit rum. Ihre Musik steckt irgendwo zwischen street und fashion, findet überall statt. In den Medien wird oft über die Inhalte von Rapmusik diskutiert. Wo soll Ihre Musik stattfinden und von wem soll sie gehört werden?
Jeder soll meine Musik hören. Man muss die Erfahrungen nicht teilen, von denen der Rap erzählt. Du musst nicht ins Gesicht geschlagen werden, um zu wissen, dass es weh tut. Im Rap geht es nicht um Kriminalität, Gewalt oder Drogen, sondern um den Menschen. Niemand sollte die Geschichten im Rap glorifizieren, sondern versuchen, sie zu verstehen. Wenn jemand einen Film anschaut, denkt er darüber nach, wie der Charakter sich fühlt. Wenn jemand ein Liebeslied hört, lässt er sich von den Emotionen mitreißen, versucht nicht nachzuahmen, wie der Sänger seine Frau verloren hat. Es ist verlockend nachzuahmen, klar, besonders wenn das alles im Rap so unfassbar cool und gleichzeitig weit entfernt klingt. Aber die Erfahrung gehört nur demjenigen, der sie macht. Die anderen dürfen ihre Moral daraus ziehen. Das sollen sie sogar.

„Basic Volume“ erscheint am 27. Juli. In SPEX No. 372 ist ein weiteres Gespräch mit dem Künstler aus England erschienen. Die Ausgabe kann nach wie vor versandkostenfrei im Online-Shop bestellt werden.