„… bis ich merkte, dass ich mich wie ein Arsch aufführte“ – Gaika im Interview

Credit: Will Robson

SPEX trifft Gaika Pedro Tavares an einem verregneten Donnerstag. In London ist Donald Trump aus dem Helikopter -, in Berlin Gaika aus dem Bett gestiegen. Während draußen lauwarmer Regen auf den heißen Asphalt tropft, bestellt der Londoner Rapper und Produzent eine Coke. Gibt’s nicht – stattdessen also eine neue Berliner Cola, die selbst unser Redakteur nicht kennt. Nach anfänglicher Skepsis gibt Gaika sich auch damit zufrieden und erklärt, warum Berliner immer alles anders machen wollen. Mit SPEX redet der Brite außerdem über das programmierte Scheitern der Rechten, sein Album Basic Volume und den Unterschied zwischen kurzweiliger Popmusik und kurzlebiger Internetkultur.

Gaika, schwere Kost zum Frühstück. Gestern waren Sie noch in London. Haben sich die Menschen auf Trump vorbereitet?
Klar! Die Heliktopter waren schwer zu übersehen. Er denkt, alle hätten Bock auf ihn – hat aber niemand. Ein paar meiner Freunde demonstrieren im Moment, sie gehen auf die Straße.

Trump hat schon oberflächlich durchsickern lassen, mehr Begeisterung für Boris Johnson zu hegen als für Theresa May.
Was auch immer Trump damit bezweckt, wird ihn sowas von einholen. Boris Johnson ist vor ein paar Tagen erst zurückgetreten (aus dem Unterhaus, Anm. d. Red.). Genau wie Trump denkt Johnson immer noch, er wäre beliebt. Im schlimmsten Fall motiviert der support von Trump ihn jetzt dazu, eine Kampagne um die Parteiführung zu starten. Und wenn er das hinbekommen sollte, haben wir wieder einen Premier, den niemand gewählt hat. Trump sagt das alles, um für Aufregung zu sorgen. Dabei schafft er die Grundlage für ernsthafte Unruhen in London. Nach dem Brexit-Votum sind schon hunderte junger Menschen vor Johnsons Büro aufgetaucht. Jeder unter 40 fühlt sich betrogen, verdrängt und verarscht.

„Jeder unter 40 fühlt sich betrogen, verdrängt und verarscht.“

Sprechen Politiker sich selbst die Pflicht zur moralischen Integrität ab, die sie von der Bevölkerung erwarten?
Nicht generell. Aber es scheint in der Natur der Politiker zu liegen, zu manipulieren. Mit Social Media ist das jetzt viel einfacher. Trump macht’s vor. Er kann sagen, was er will und bevor irgendjemand überprüfen kann, ob’s stimmt oder nicht, polarisiert er diejenigen, die daran glauben wollen. Da gibt es keinerlei Faktenbezug, das macht mir Angst.

Sie sprechen über Unruhen in der Bevölkerung und Social Media. Ist ein Taubheitsgefühl aufgekommen?
Total! Wenn nichts mehr wahr ist, verliert man den Bezug zu den Dingen, gerade zu politischen. Ich wusste, dass Trump gewinnen würde. Ich war in Amerika und hab das den Leuten da erzählt. „Schaut, wie er gewinnt, schaut, wie er euch alle manipuliert!“, hab‘ ich gesagt. Und niemand hat es geglaubt. Die Menschen müssen nur begreifen, dass man für eine bessere Welt auch kämpfen muss. Es ist ja nicht so, als hätten wir eine Diskussion gegen diese rechten Kräfte verloren, als gäbe es Argumente für deren Weltanschauung. Junge Leute auf der ganzen Welt haben keine Lust auf diese Scheiße. Versuch‘ mal jemanden zu finden, der unter 40 ist und Trump unterstützt. Wäre Trump wirklich in der Mitte der Bevölkerung angekommen, hätte man mit seinen Freunden auch mal eine Diskussion über seine Politik. Eine richtige, mit zwei unterschiedlichen Meinungen. Hat man die? Ne, hat man nicht.

Gibt’s keine Diskussion, weil die Argumente für die eine Seite faktisch nicht existieren, nicht real sind?
Genau so sieht es aus. Trotzdem ist support da, in den älteren Generationen und außerhalb der Städte.

Dann muss es mehr intergenerationellen Austausch geben!
Nicht wirklich – weil die Zeit voranschreitet, unausweichlich.

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