Ein Interview mit Bill Callahan: »Na gut, das klingt schon negativ.«

Morgen erscheint Dream River, das neue Album von Bill Callahan. Für SPEX N°348 beschrieb er im Interview das Landschaftsbild seiner Lieder.

Mister Callahan, wie gefällt Ihnen eigentlich Musik, die ihr Herz auf der Zunge trägt?
Bill Callahan
: Ich mag hochemotionale Lieder, falls Sie das meinen. Die drei, vier Minuten, die ein Popsong normalerweise dauert, sind keine lange Zeit, da sollte man schon alles reinlegen und nicht zu subtil sein. Mit Büchern und Filmen ist das vielleicht etwas anderes. Aber hören Sie sich zum Beispiel all das Phil-Spector-Zeug an: hochemotional, alle Regler immer auf zehn. Und trotzdem großartig.

Bei Ihrer eigenen Musik habe ich dennoch das Gefühl, dass es um etwas anderes geht. Jede Emotion wird durch Ihre Stimme und Ihre Art zu singen gefiltert. Das nimmt den Liedern die Unmittelbarkeit. Oft ist es schwierig, überhaupt zu sagen, ob man gerade einen fröhlichen, traurigen oder wütenden Song hört.
Das stimmt schon. Ich versuche, die Dinge ruhig und vernünftig darzustellen. Meine Erzähler sind objektiv, sie beschreiben lediglich. Die Bewertung überlasse ich gerne dem Hörer. Zu einem Stück wie Bon Jovis »Bed Of Roses« kann es nur eine Meinung und eine Sichtweise geben. Meine Songs sind eher wie Landschaften. Oder Dokumentationen von Landschaften. Abhängig von der eigenen Stimmung denkt man sich: »Oh, das ist schön!« Oder: »Oh, das ist hässlich.«

Wann haben Sie angefangen, Ihre Musik als Landschaften zu sehen?
Vor unserem Gespräch hatte ich noch nie darüber nachgedacht, ich weiß also auch nicht, wie ich darauf gekommen bin. Ich lerne viel in diesen Interviews, aber ich glaube trotzdem, dass es besser für mich ist, mein Schaffen nicht zu sehr zu reflektieren. Es ist wie mit einer kleinen, schmalen Brücke, die man überqueren muss. Wer zu lange darüber nachdenkt, wird runterfallen. Wenn man einfach losläuft, wird nichts passieren.

Vielleicht hat Ihr Interesse an Landschaften ja damit zu tun, dass Sie als tourender Musiker ständig von ihnen umgeben sind.
Ja, man verbringt viel Zeit draußen, ohne wirklich draußen zu sein. Man guckt sich Landschaften an, und die machen etwas mit unseren Gehirnen. Es ist beinahe so, als hätten sie ihre eigenen Gefühle. Landschaften gehören zu den ersten Dingen, die von Menschen gemalt wurden, und sie werden bis heute gemalt. Offensichtlich bedeuten sie uns also etwas.

Ist es nicht frustrierend, dass Sie die Landschaften meistens nur durchfahren und gar nicht richtig erleben können?
Mir gefällt das. Es erlaubt mir, meine eigenen Fantasien aufrecht zu erhalten. Wenn man anhält und aussteigt, könnte man ja auch enttäuscht werden. Aber alles so an sich vorbeifliegen zu sehen, das ist sehr stimulierend.

Auf Dream River und dem Vorgänger Apocalypse gibt es jeweils einen Song, der in einem Hotel spielt. In beiden Fällen beschreiben sie isolierte Menschen, die anscheinend so etwas wie einen Nervenzusammenbruch erleben. Ist auch das eine Lehre des Tourlebens? Assoziieren Sie Hotels nach all den Jahren automatisch mit Unglück?
Eigentlich nur die schlechten, dreckigen. Normalerweise mag ich Hotels, sie sind Ruhepole auf Tour und retten einem oft den Tag. Man kann schlafen, duschen und Fernsehen gucken. All die guten Dinge, die tagsüber nicht möglich sind. Mir gefällt auch der Gedanke, an einem Ort zu sein, an dem schon Millionen Menschen vor mir eine Nacht verbracht haben. Wo sonst gibt es so was?

Ihre Hotel-Songs lassen mich eher an Menschen denken, die dort übernachten, weil sie zu Hause rausgeflogen sind. Der Erzähler in Ihrem neuen Stück »The Sing« scheint sich einsam zu fühlen.
Auch das macht Hotels interessant. Häufig stehen sie für Wendepunkte in unserem Leben. Aber zu »The Sing« muss ich sagen, dass der Erzähler lediglich an der Hotelbar sitzt, weil sich die Leute dort gut beobachten lassen. Wie an einem Flughafen. Vielleicht hat er gar kein Zimmer. Und wenn doch, ist es ja auch gut: Er kann sich betrinken und einfach hoch gehen. Das Lied soll nicht traurig sein.

Es fällt mir schwer, es anders zu verstehen.
Warten Sie mal, ich habe das Textblatt hier. (liest das Textblatt) Na gut, wenn ich das jetzt so lese, klingt es schon irgendwie negativ. Aber schauen Sie, am Ende heißt es doch: »We are all looking for a body / Or a means to make one sing.« Der Erzähler hat diese große Eingebung. Im Moment seiner Einsamkeit erkennt er den Sinn des Lebens. Es ist wie eine Offenbarung. Auch all die schlimmen Dinge, die ihm im Verlauf des Songs klar werden, sind letztlich gut für ihn. Oder zumindest besser, als sich einzureden, das Leben sei immer wie in »Bed Of Roses«.

Das gesamte Interview ist ab heute in SPEX N°348 am Kiosk zu finden – u.a. nebst einer ausführlichen Besprechung von Bruce Bégouts Essay Motel. Ort ohne Eigenschaften.

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