Bilderbuch „Magic Life“ / Review

Maurice Ernst singt nun über fehlende Stromquellen für das Smartphone und die Gefahr, zu spät zur Thaimassage zu kommen.

„Camp in Personen oder Sachen wahrnehmen heißt die Existenz als das Spielen einer Rolle begreifen“, schrieb die Kritikerin Susan Sontag 1964 in ihrem Essay Notes on „Camp“. Man könnte meinen, auch die oberösterreichische Band Bilderbuch hätte den Klassiker und seinen Inhalt mit der Muttermilch aufgesogen. Dabei präsentierte sich das Quartett 2011 noch als passable, sich beflissen am französischen Existentialisten Albert Camus abarbeitende Rockgruppe.

Dann entdeckte die Band das Rollenspiel und bestellte plötzlich lieber Piña Colada als Schnaps wie die Kollegen von Wanda. 2015 erschien Schick Schock, auf dem Funk und Rocküberbleibsel konvergierten und Maurice Ernst von Gigolos, seinem Hintern und beinahe orgiastisch von Softdrinks sang. Wenig überraschend, dass Magic Life dort weitermacht, wo der letzte Kulturschock endete: Bei melodramatisch vorgetragenen first world problems.

Der Clou: die soulige Inbrunst, mit der Ernst die Banalitäten verträgt.

Ernst singt nun über fehlende Stromquellen für das Smartphone und die Gefahr, zu spät zur Thaimassage zu kommen. „Ich brauch Power für mein Akku“, stellt er in „Bungalow“ fest, um danach sein zu spät kommendes Date nach einem „Lader“ zu fragen. Klingt ziemlich platt. Der Clou jedoch: die soulige Inbrunst, mit der Ernst die Banalitäten verträgt. Form solle eben Inhalt dominieren, alte Camp-Lektion. Vermutlich haben die Ex-Klosterschüler Sontag nicht gelesen und sich stattdessen voll auf den Leistungskurs Posen konzentriert. Denn am Ende wirken die Nonsens-Lyrics auf Magic World stellenweise redundant, das eigene Koordinatensystem aus free drinks und Glamour bringt die Band offenbar ins Stolpern.

Dafür sind die Soundflächen noch flüssiger ausgefallen als auf dem Vorgänger und spielen selbstbewusst mit Trap und gelegentlich sogar mit Minimalismus (Beispiel: „Sneakers4free“). Das clever mit Samples beladene „I <3 Stress“ bietet sogar so etwas wie Selbsterkenntnis an: „Ich weiß, ich bin so fesch / Aber hilflos ohne Stress“, gesteht Ernst dort. Die kollektive Krankheit als Rettung vor Tristesse? Auch das ist nach Sontag Camp: Überreizung und Extravaganz, „letztlich durch die Drohung der Langweile provoziert“. Vor nichts scheinen sich Bilderbuch mehr zu fürchten.

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