Bilderbuch – Der Soul kommt durch die Jogginghose

Foto: Niko Ostermann

Pop mit Schmackes und Easy-Peasy-Videos, die beinah inflationär Klicks auf Youtube absahnen – plötzlich spricht alle Welt von der neuen, geilen Band aus Österreich. Dass Bilderbuch schon zwei LPs und zehn Jahre Bandgeschichte auf dem Buckel herumschleppen, ist aber mehr als eine Randnotiz.

Beyoncé ist raus, denn er macht die Kiste klar. Sobald Maurice Ernst in den Performancemodus schaltet, gibt es nur noch einen Chef im Bootybiz. Dazu braucht es keine Spandexpantys, sein Soul bahnt sich den Weg auch durch die Jogginghose. »Heute kann ich mit dem Hintern wackeln und fühle mich wie Beyoncé«, sagt einer, der sexy ist. Weil er lässig ist. Weil er die Braue hochzieht in Zeiten des grimmigen Guckens. Und vielleicht auch, weil er die letzten zehn Jahre versucht hat, es nicht zu sein.

Bilderbuch, die nun als Barry Manilows der Sneaker-Generation von denen gehypet werden, die sie lange ignoriert haben, waren mit dem beschäftigt, was jede Schülerband tut: schwarzsehen. Zwei Alben, Nelken & Schillinge (2009) und Die Pest in Piemont (2011), stammen aus dieser Phase, in der die Österreicher versuchten, Vorurteile mit Indierock-Mitteln zu spalten. »Die letzte Platte war ein Fingerzeig«, sagt Ernst heute. Ihr Nachfolger Schick Schock ist »ein Spiegel-Album«, weniger Bruch als natürliche Entwicklung für eine Band, die ihrem Genre und dessen »Kleinkleinattitüde« entwachsen ist. »Von außen mag das extrem wirken, für uns war es logische Konsequenz.« Dieser Schritt, das waren viele kleine. Das war der Einstieg des Schlagzeugers Philipp Scheibl, der Bilderbuch mit dem HipHop-Virus infizierte, das waren Kanye West (cool) und das »Wiener Glanzzeitending« (uncool), die Gründung des Labels Maschin und die Entscheidung, selbst Goldkette zu tragen, statt die anderen für ihr Blingbling zu belächeln.

Seitdem ist Ernst »Maurice Antoinette, der Schönste an der Bar«, Gigolo, Spieler und Hund auf der Jagd. Im Video zu »Maschin«, einem Song aus der autogetuneten Feinste-Seide-EP (2013), die mit »Plansch«, »Spliff«, »OM« und dem Titelstück bereits fünf Songs des neuen Albums enthielt, lässt Ernst dreieinhalb Minuten lang das Verdeck eines sonnengelben Lamborghini auf- und zufahren. Vier Halbstarke, die den glanzlackierten Lifestyle propagieren – ist das gefährlich? »Leute, die das platt verstehen, stören sich daran, dass ich mit dem Wagen so herumtue, wie ich es tue, dass wir halbnackert herumspringen. Man muss schon ein extrem dummer, homophober Depp sein, um das ernstzunehmen.«

Bilderbuch sagen »Om«, und das Karma stimmt: »Immer high, nie down, höchstens Downtown.« Das Beste an diesen präpotenten Predigern der traurigen Wahrheit ist, dass sie lügen wie gedruckt. Die Karre geliehen, das Planschbecken gemietet, die preisgekrönten Videos vom Kumpel gedreht im Garten der Nachbarn. Und das Kettchen? »Ä bisserl Familienschmuck.« Was stimmt? Diese Band ist ein Spiegel. Kaputt zwar, aber mit Goldrand und Splittern, die das Bild verzerren. Schick schockend eben – und damit wichtig für den deutschsprachigen Pop. Bilderbuch stellen Fragen in quasi-lyrischen 140-Zeichen-Sprechblasen, und sie verstehen, »dass Worte Gewicht haben, das mit der Anzahl der Menschen wächst, die sie erreichen«. Maurice Ernst wackelt mit dem Arsch wie Beyoncé. Der Unterschied ist, dass er dabei Falcos »Jeanny« zitiert. »Quit livin’ on dreams«.

Dieser Text ist wie viele weitere Features in der Printausgabe SPEX N° 359 erschienen, die versandkostenfrei im Online-Shop bestellt werden kann.

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