Der Blutzoll ist hoch

In der Rubrik »Bilder, die die Welt bewegten« stellen wir jede Ausgabe eine Filmszene vor – und den dazugehörigen Film. Vom Detail zum Allgemeinen, vom Augenblick zum Werk, dazu die Bilder als Sequenz. Diese Folge: Gleich der erste Schuss der Banditen ist ein Treffer, und Sheriff Baker, den wir gerade erst ins Herz geschlossen haben, stirbt am Fluss.

Pat Garrett & Billy the Kid Sam Peckinpah
Sheriff Baker, Mama und Garrett machen sich auf den Weg, um Billy the Kid zu verhaften, den sie in einer Hütte vor dem Dorf vermuten – und der gar nicht dort ist.

(Stills: © MGM)

In »Pat Garrett & Billy the Kid« erzählt Regisseur Sam Peckinpah die im kollektiven Bewusstsein Amerikas fest verankerte Geschichte des angekündigten Todes von William Bonnie, besser bekannt als Billy the Kid. In der poetischen Verdichtung Bob Dylans, der den Soundtrack des Films geschrieben hat und auch eine Nebenrolle spielt, liest sich die Legende des Outlaws, der von seinem einstigen Freund Pat Garrett gejagt und schließlich hingerichtet wird, wie eine tieftraurige Ballade: »The businessmen from Taos want you to go down / They’ve hired Pat Garrett to force a showdown / Billy, don’t it make ya feel so low-down / To be shot down by the man who was your friend?«

    Einem Hinweis auf den Aufenthaltsort Billys folgend, reitet Garrett in eine heruntergekommene texanische Grenzstadt. Er sucht den dortigen Sheriff Baker auf, einen alten Bekannten Garretts, und bittet diesen, mit ihm den vermuteten Unterschlupf zu stürmen. Ein kurzer Dialog zwischen dem alten Sheriff und seiner Frau, einer Mexikanerin: »Mama, where’d you put my badge?« – »I don’t like it. This town ain’t worth it.« (Sie wirft ihm mürrisch den Sheriffstern, zu) – »To tell you the truth, Mama, I don’t take a shine to it myself!« Baker steckt sich den Stern an, überlegt einen Moment, dann gibt er das eben noch von Pat Garrett eingeforderte Goldstück, den Lohn der Angst, zurück. Baker, das sagt die Einstellung, ist – anders als Garrett – nicht käuflich. Trotzdem machen sich Baker, Mama und Garrett auf den Weg, um Billy the Kid zu verhaften, den sie in einer Hütte vor dem Dorf vermuten – und gar nicht dort ist.

Pat Garrett & Billy the Kid Sam Peckinpah
Die Luft bleibt bleihaltig. Ein Bandit nach dem anderen wird niedergestreckt, die größte Durchschlagskraft beweist Mamas doppelläufige Schrotflinte.

(Stills: © MGM)

    Die Bilder des Gemetzels, die nun folgen, sind von endloser Schönheit, als hätten die Ölgemälde von Goya Laufen gelernt – und als hätte der Maler um 1890 in Texas gelebt. Denn die Gesetzlosen sind nicht unaufmerksam: Als das Trio in Sichtweite kommt, wird sofort das Feuer eröffnet. Und schon der erste abgegebene Schuss des Gegners trifft Bakers Schulter, der zweite geht direkt in den Bauch. Die Luft bleibt bleihaltig. Ein Bandit nach dem anderen wird niedergestreckt, die größte Durchschlagskraft beweist Mamas doppelläufige Schrotflinte: Wer von ihr getroffen wird, kann von der Wand abgekratzt werden. Angeschossen liegt einer der Outlaws auf dem Dach der Hütte und verwickelt Garrett, den er auf der unter ihm liegenden Veranda nicht sehen kann, in ein Gespräch über Stolz und Ehre. Es fallen jetzt keine Schüsse mehr. Schnitt. Wir sehen Baker, der sich mit der Hand an seinen blutverschmierten Bauch fasst, aufsteht und sich langsamen Schrittes zum nahe gelegenen Fluss schleppt.

Pat Garrett & Billy the Kid Sam Peckinpah
Baker, der sich mit der Hand an seinen blutverschmierten Bauch fasst, steht auf und schleppt sich langsamen Schrittes zum nahe gelegenen Fluss.

(Stills: © MGM)

    Der Dialog zwischen Garrett und dem Banditen, die sich von ›früher‹ zu kennen scheinen, dauert an: »Remember? You and me rode into this country together. How long ago was that, Pat?« Als Garrett antwortet und damit seine Position preisgibt, entlädt sich ein letzter Schusswechsel, bei dem Garrett den Banditen killt. Schnitt. Erst jetzt sieht Mama ihren verwundeten Mann, wie er seinen letzten Gang unternimmt. Sie wirft die Schrotflinte weg und eilt zu ihm. Leise wird die Musik Bob Dylans, der Song »Knockin’ on Heaven’s Door«, eingeblendet, Dylan singt: »Mama, take this badge off from me / I can’t use it anymore«. Im Schlussbild der Szene sehen wir Mama, wie sie sich neben ihrem Mann niederlässt, Tränen der Trauer laufen ihr über das Gesicht, der Zuschauer ist tief berührt. Ein letzter Blick Bakers gen Horizont. Gegenschnitt auf Garrett, der einen weiteren Gefährten verloren hat auf seiner verfluchten Mission im Auftrag eines korrupten Großgrundbesitzers. Auch Garrett schaut ins Leere, der Blutzoll ist hoch.

Pat Garrett & Billy the Kid Sam Peckinpah
Erst jetzt sieht Mama ihren verwundeten Mann, wie er seinen letzten Gang unternimmt.

(Stills: © MGM)

    Die Erwartungshaltung, die der MGM-Produktion »Pat Garrett & Billy the Kid« 1973 von den US-Medien entgegengebracht wurde, war enorm. Doch die Pläne von James Aubrey, dem damaligen Präsidenten des Hollywood-Studios Metro-Goldwyn-Meyer, gingen in eine andere Richtung. Ein Grand Hotel in Las Vegas sollte ein neues, lukrativeres Kapitel in der Erfolgsgeschichte von MGM aufschlagen. Aubrey ordnete die Filmsparte dem Immobiliengeschäft unter. Leidtragend waren die laufenden Produktionen, darunter Peckinpahs Spätwestern, dessen Erscheinungstermin kurzerhand um ein Vierteljahr vorverlegt wurde. Denn Aubrey benötigte für seine hochfliegenden Hotelpläne unbedingt Cashflow und drängte nicht nur auf einen frühen Filmstart, sondern auch auf eine neue, dem Mainstream-Publikum zugeschnittenere Ausrichtung des Films.

    Im Zuge Peckinpahs hartnäckiger Versuche, seinen als episches Porträt zweier todgeweihter Freunde angelegten Film vor dem Zugriff der Studiomaschinerie zu bewahren, wurde ihm im Frühjahr 1973 schließlich das vertraglich zugesicherte Recht auf den Endschnitt entzogen. Zwar verklagte der Regisseur MGM um mehrere Millionen Dollar und drohte damit, seinen Namen von dem Projekt zurückzuziehen, doch änderte dies nichts an der Tatsache, dass entscheidende Passagen aus dem Film herausgeschnitten wurden. Bei den gestrichenen Szenen handelte es sich fast ausschließlich um solche, in denen die Motive, die Zweifel und die innere Zerrissenheit des Sheriffs Pat Garrett (James Coburn) beleuchtet werden, der seinen alten Freund Billy the Kid (Kris Kristofferson) töten soll.

In der poetischen Verdichtung Bob Dylans, der den Soundtrack des Films geschrieben hat und auch eine Nebenrolle spielt, liest sich die Legende des Outlaws, der von seinem einstigen Freund Pat Garrett gejagt und schließlich hingerichtet wird, wie eine tieftraurige Ballade: »The businessmen from Taos want you to go down / They’ve hired Pat Garrett to force a showdown / Billy, don’t it make ya feel so low-down / To be shot down by the man who was your friend?«

VIDEO: Pat Garrett & Billy the Kid – Knocking on Heaven’s Door

    Die Reaktionen des Publikums wie auch der Kritik auf die von MGM gekürzte Kinoversion fielen seinerzeit mäßig bis vernichtend aus. Erst im Februar 2005 veröffentlichte Warner Bros., der heutige Rechteinhaber, eine Doppel-DVD mit zwei neuen Schnittfassungen. 25 Jahre nach dem Tod Sam Peckinpahs im Dezember 1984 gebührt der »2005 Special Edition« immerhin der Respekt, mit dem Anspruch angetreten zu sein, die ursprünglich von Peckinpah angestrebte Schnittfassung nachvollziehen zu wollen. Denn die 110-minütige Version ist so etwas wie ein naheliegender Kompromiss aller bekannten Versionen – zuzüglich einiger wichtiger, erstmals eingefügter Szenen, die dem Charakter Pat Garretts und der erzählten Geschichte mehr Tiefe und Fatalismus verleihen. So bleibt 36 Jahre nach der US-Premiere von 1973 festzustellen: Mehr Chaos und Uneinigkeit hat es bis dato bezüglich des Final Cuts selten bei einer Hollywoodproduktion dieser Größenordnung gegeben. Alles für die Katz’: Die hochtrabenden Hotelpläne in Las Vegas wurden nie realisiert.

»Pat Garrett & Billy the Kid« (2005 Special Edition) USA 1973, Regie: Sam Peckinpah, Produzent: Gordon Carroll / MGM

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