Eva und der Priester

In der Rubrik »Bilder, die die Welt bewegten« stellen wir regelmäßig eine Filmszene sowie den dazugehörigen Film vor – vom Detail zum Allgemeinen, vom Augenblick zum Werk. Diesmal: Eva und der Priester aus dem Jahr 1961 von Jean-Pierre Melville, einem der wichtigsten Vorläufer und zugleich größten Außenseiter der Nouvelle Vague. 

Im Beichtstuhl einer französischen Dorfkirche macht Barny dem Priester Léon Morin in scharfem Ton Marx’sche Vorhaltungen: »Religion ist Opium fürs Volk.« »Das stimmt nicht ganz«, erwidert der Priester ruhig, »die Bourgeoisie hat sie dazu missbraucht.« Doch sie hat weitere Vorwürfe: »Aber sie haben es geschehen lassen. Dadurch sind sie ebenso schuldig geworden.« »Es stimmt, die Kirche hat die Arbeiterklasse verloren. Aber sie wird sie wieder gewinnen. Ein streikender Kumpel, der zur Kommunion gegangen ist, wird den Streik mit viel mehr Entschlossenheit fortsetzen. Schön, dass Sie gekommen sind.« »Sie finden es schön?«, fragt sie irritiert, »ich bin als Ihr Feind gekommen.« »Das glaube ich nicht«, hält Morin fest. »Sie haben lange nicht gebeichtet, nicht wahr?« Sie wirkt fast schuldbewusst: »Seit meiner Erstkommunion nicht mehr«, bleibt aber trotzig: »Aber ich habe auch nicht die Absicht zu beichten.« »Ich weiß, es macht keinen Spaß, seine Fehler zu bekennen.« Barnys Augen blitzen auf: »Spaß oder nicht, es kommt nicht in Frage, weil ich nicht an Gott glaube.« »Irrtum ausgeschlossen? Beten Sie niemals?«, fragt der Priester ruhig. »Mitunter. In Ausnahmefällen. Vielleicht ein Rest von kindlicher Gewohnheit. Eine Schwäche«, entschuldigt sie sich. »Sie sind hochmütig, nicht wahr?« Aus der Anklage wird Geständnis. »Ja.« »Lügen Sie auch manchmal?« »Ja.« »Haben Sie auch gestohlen?« »Ja.« »Können Sie für andere Menschen Entbehrungen ertragen?« »Nur für mein Kind.« »Nutzen Sie Ihr Potenzial voll aus?« »Nein.« »Der heilige Paulus sagt, die Welt wäre besser, wenn man es täte. Sie haben eine gute Beichte abgelegt. Sie müssen nun um Vergebung bitten.« »Wen?« »Tja, X? Ihnen fehlt es an Mut.« Sie senkt ihre Augen. »Verzeihung.«

Aus der Wahrheitssuche der Witwe eines jüdischen Kommunisten wird in Jean-Pierre Melvilles Eva und der Priester (1961, Originaltitel: Léon Morin, Prêtre) eine von sexuellen Untertönen durchzogene Lebensbeichte. Den Hintergrund bildet eine französische Kleinstadt zur Zeit der Nazi-Besatzung mit Deportation, Kollaboration, Résistance und von den Kriegern zurückgelassenen Frauen und Witwen, die sich mit ihren Kindern, Tagesjobs und brachliegenden sexuellen Lüsten durchschlagen. Die eine wird zur mannstollen Gespielin von Deutschen, Résistance-Kämpfern und Schwarzmarkthändlern, während die andere, Barny, gespielt von der melancholischen Schönheit Emmanuelle Riva, schon bekannt aus Alain Resnais’ Hiroshima Mon Amour (1959) und 2012 in Michael Hanekes Liebe zu sehen, zu Gott findet und sich, ist die Sublimation doch nur halb gelungen, heimlich mit einem Stück Holz befriedigt. »Ich hoffe, es tut nicht weh«, bemerkt Morin, dargestellt von Jean-Paul Belmondo.

Der Film beruht auf dem gleichnamigen Bestseller von Béatrix Beck, die 1952 mit ihrem autobiografischen Roman einen Skandal auslöste. »Katholischer Porno« und »Linkskatholizismus« befand der Mob, der bei der Verleihung des Prix Goncourt an die Schriftstellerin den Saal stürmte, um dem religiös verbrämten Vorläufer von intimer Geständnisliteratur à la Feuchtgebiete den Garaus zu machen. So ist Barny eine der am empathischsten charakterisierten Frauenfiguren im Melville-Universum. Aus ihrer Innenperspektive erzählt der Schwarzweiß-Streifen in traumartigen, kontrastreich ausgeleuchteten Sequenzen mit vielen Voice-Overs den inneren Kampf mit lesbischer Lust, eigenem Zynismus, Priestersex (dessen Höhepunkt eine 5-sekündige Kussszene bildet), Gottsuche und Unterwerfung.

Besetzung und Résistance, Themen großer Filme des Résistance-Manns Melville, bilden mehr Randbedingung als Inhalt der tiefsinnigen religiösen Dialoge der beiden Hauptfiguren. Hin und wieder erzittert die Kleinstadt vom Nachhall tückischer Explosionen, die eine unausweichliche, morbide Faszination auf Barny ausüben, eine Faszination, die Priester Morin mit ihr teilt, aber, als unbestechlicher Mann Gottes, nicht billigt. Jean-Paul Belmondo brilliert ein Jahr nach seiner epochalen Performance als Kleinkrimineller in Godards Außer Atem als ein typischer Melville-Charakter: asketisch, hart, mit stechenden Augen, kühler Logik und kristalliner Moral, abwechselnd weich, verführerisch und strafend. Als junger, attraktiver Mann mit Prinzipien steht er im Zentrum von Seelennöten, Sehnsüchten und Lüsten der durch den Krieg vereinsamten jungen Französinnen, deren Geständnisse wie sexuelle Rituale scheinen: profund pervers.

Aus dem Werk des jüdischen Atheisten Melville sticht Eva und der Priester als Singularität heraus, hat Melville sich doch eher mit seinen kühlen, dystopischen Noir-Thrillern wie Der eiskalte Engel und Vier im roten Kreis als Godfather des Nouvelle-Noir-Krimis in die Filmgeschichte eingeschrieben. Doch auch hier erklingt der schmerzvolle Schlussakkord, die unausweichliche Trennung von Wunsch und Realität. »Wir sehen uns wieder«, sind Morins Abschiedsworte zur weinenden, aber gefassten Barny. »Nicht in dieser Welt – in der anderen.« Ein Abschied auf immer. Liebe ist im Universum von Léon Morin vor allem die Kraft zu unendlichem Verzicht.

Eva und der Priester liegt bei Arthaus Retrospektive erstmals in einer restaurierten und von Entstellungen der deutschen Erstsynchronisation bereinigten Fassung auf DVD vor. Der Verleih feiert dieser Tage sein 20-jähriges Bestehen mit einer bundesweiten Kinotour, der ersten Ausgabe von Arthaus – Das Magazin für den besonderen Film sowie einer zugehörigen kostenlosen Arthaus-App mit zahlreichen Hintergrundartikeln, Anekdoten und Film-Clips.

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