Big | Brave »Au De La« / Review

Die Stimmung? So hoffnungsfroh wie ein Spaziergang mit Michael Gira durch ein geplündertes Dorf im Dreißigjährigen Krieg.

Jutdruffsein ist anders. Beim Ringelpiez mit Anfassen wird man das kanadische Trio Big | Brave ebenso wenig erwischen wie beim Sangria-Trinken aus Plasteeimern. Wenn schon tanzen, dann über von fahlem Mondlicht beschienene Gräber, wenn schon trinken, dann den Kelch existenzieller Bitternis, gern bis zur Neige.

Das zweite Album der schwerblütigen Sludgecore-Noise-Blueser aus Montreal gleicht eher einer monolithischen Klangskulptur im Raum als einer musikalischen Narration in der Zeit. Im Vergleich zum selbstveröffentlichten Debüt Feral Verdure (2014) hat man ein noch entschiedeneres Ade in Richtung traditioneller Songarchitekturen geschickt. Stoisch, wuchtig und mit viel Nachhallraum markiert das Schlagzeug einen Rhythmus, der sich weit von seiner Urform des menschlichen Herzschlags entfernt hat. Durch Bassverstärker gespielte Gitarren kriechen knurrend über neblige, postapokalyptische Andreas-Gryphius-Landschaften. Dazu wimmert und greint Sängerin Robin Wattie im Stil einer gequälten Elfe. Eine Stimmung, so hoffnungsfroh wie ein Spaziergang mit Michael Gira durch ein geplündertes Dorf im Dreißigjährigen Krieg.

Dabei wechseln wuchtig wagnernde Walhallapassagen aus dem Game-of-drones-Lehrbuch mit meditativ-ambienten Abschnitten, durch die die Hörer für neue Attacken empfänglich bleiben. Bei einigen der von bizarrer Schönheit durchzogenen Klangplastiken bereut man es, dass man sich die Haare doch nicht hat bis zum Arsch wachsen lassen, zu anderen möchte man sich an schroff-schrundigem Felsgestein reiben und aus Moosbüscheln gewrungene Tautropfen übers Gesicht mäandern lassen, den Blick unverwandt und schicksalswillig in ein Morgen der Entscheidung gerichtet.

Klar ist das martialisch, aber in einem ganz anderen Sinne als etwa bei frühen Platten von In The Nursery, bei deren Hören man immer gleich Lust bekam, ein Land zu überfallen. Die Martialität bei Big | Brave dagegen ist eine ontologisch entwurzelte und verzweifelte, die eher an eine Dystopie wie Andrzej Żuławskis legendären SF-Film Der Silberne Planet denken lässt als an den tatendurstigen Stoßtruppdandyismus eines Ernst Jünger. Toll an den Dreien, die sich ihr Album von Efrim Menuck (Godspeed, Silver Mt. Zion) produzieren ließen, ist auch, dass sie ohne alberne Mönchskutten aus der Penny-Karnevalsaktion und ohne das als »Volksverdoomung« bekannte bedeutungsschwangere Hantieren mit religiösen Symbolen auskommen. Für solchen Firlefanz ist es ihnen mit der Musik viel zu ernst.

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