Bier-Yoga im Club aus Gras – die Musikdurstig Stage beim Melt in der Rückblende

Eigentlich ist das Melt ein Festival für Nachtmenschen. Einige DJs beginnen mit ihren Sets erst in den frühen Morgenstunden. Doch wer sein Zelt früh verlässt, wird belohnt. Auch dieses Jahr gab es ab dem frühen Nachmittag nämlich wieder handverlesenes Programm auf der Warsteiner Musikdurstig Stage. Aufsteigende DJ-Acts, extra eingeflogene Bands in Netzhemden, vielversprechende Newcomer, die 2019 eventuell auf einer der Hauptbühnen stehen werden und Sport mit Bier. Plus Acts, die zwar auf der regulären Melt-Bühne spielen, aber auch Bock auf die Atmosphäre auf dem Zeltplatz haben. Beispiel? Yung Hurn.

Ravende Zeltplätze, kleine Waldflächen und die erste Fressmeile vor dem eigentlichen Festivalgelände. Der ideale Ort, um hier eine Bühne aufzubauen. Links und rechts vor der Musikdurstig-Stage: Flauschige Matratzenlandschaften und Riesensonnensegel, die Schatten spenden. Kann man brauchen, das Melt macht seinem Namen nämlich auch wettertechnisch alle Ehre: Es ist Donnerstag und knallend heiß, trotzdem stehen die Menschen vor der Stage, als die Standpiraten mit ihrem Set die inoffizielle Pre-Party eröffnen. Später werden sie von dem Electro-Duo Junge Junge abgelöst, das ebenfalls ein vierstündiges Set abliefert.

Am nächsten Tag: Mücken, warm gewordene Kühlboxen und Kopfschmerzen von der Party mit Boys Noize. Was hilft? Bier-Yoga auf der Musikdurstig Stage. Um zwölf Uhr gibt es hier nämlich eine Stunde lang Training. Die Melt-Pilger wissen das Angebot zu schätzen, Beweise siehe Instagram. Danach werden die Matten wieder eingerollt und gegen Verstärker eingetauscht. Schwerpunkt heute: „Indie und Experimental“. Bei Akuwar, dem Projekt von Patrick Braun, geht das in Richtung schwärmerischen Psychedelic Pop, den man auch auf seiner selbst produzierten Debüt-EP findet. Der perfekte Soundtrack, um sich ein Henna-Tattoo „stechen“ zu lassen und die rare Luxusware Eiswürfel in den Drink zu kippen. Das geht. Direkt neben der Stage, die im Anschluss von dem Electronica-Duo Eveline bespielt wird. Englischsprachiger Indie-Pop, made in Berlin, der hier logischerweise schnell viel Anschluss findet.

15:30 Uhr. Ein ziemlicher früher Slot für die schwedischen Newcomer und Blog-Lieblinge von Ruby Empress. „Es geht darum, die Leute auf einem persönlichen Level abzuholen. Wenn das klappt, können weirde Dinge geschehen. Das ist eine Herausforderung, die Spaß macht. Eigentlich sind wir sind schon eine Nachtband und haben ein Faible für dunkle Clubs, wo unsere Musik gespielt werden sollte“, meint Sänger Tom Verner. Trotzdem klappt das mit dem eklektischen Vibe aus Disco, Funk, Glam und Psychedelic auch nachmittags schon ziemlich gut. „Wir interessieren uns für den Mix symphonischer und elektronischer Twists“, so Verner.

Nach den gefeierten Schweden ein, naja, halbes Heimspiel für Catch Drella: Das Duo kommt nämlich aus Berlin und hat sich komplett dem Rave verschrieben. Soundmäßig klingt das nach Prodigy-Poster im Studio, das im Fall von MC Mimi Parks und Drummer Baron Banks sogar schon das renommierte Funkhaus in der Hauptstadt war. Dann aber noch eine spontane Überraschung: Yung Hurn aus Österreich springt für RIN auf der Hauptbühne ein und schaut davor auch bei der Musikdurstig-Stage vorbei. Mit gefühlt zehn Hundertschaften und mächtigen Trap-Beats pünktlich um 17:53 Uhr. Und spätestens danach kennt in Gräfenhainichen jeder die Postleitzahl für den Bezirk Donaustadt. Das ist die 1220, der Titel von Yung Hurns aktuellem Studioalbum. Die Leute vor der Stage wissen das und deshalb wird die Show auch ein sicherer Abriss.

Samstag. Immer noch Mücken, dafür aber auch immer noch intakte Kühlschränke und House-Special. LeaH vom Kölner Label Apriori / Hasenbau weiß, wie man einen Dancefloor aus Gras eröffnet. Ablöse kommt zwei Stunden später von Newcomer David Jackson, der ein versiertes Set (Tech-)House zockt. „Ich hätte fast noch ein paar arabische Tracks gespielt, Omar Souleyman“, verrät er backstage. Seine Mixe kann man sich mittlerweile sogar bei BBC 1 geben, aber live und draußen kommt das alles natürlich noch eine Spur schöner. Clubmusik am Nachmittag? „Wenn man so eine Umgebung mit Wald hat, macht das sehr viel Spaß.“ Weiterer Vorteil: Eine leichte Bräune. Die kriegt er als Studionerd sonst nämlich nicht. Gerade erschien seine Debüt-EP Europa, deren Titel von der Brexit-Krise inspiriert ist. An den Decks abgelöst wird er von Lovra, Berliner DJ und Produzentin, die mittlerweile schon international stilsichere Sets abgeliefert hat. Auch hier: Jeder Track ein sicheres Brett.

Mittlerweile ist es Sonntag und das Henna-Tattoo hat jetzt die optimale Farbe erreicht. Heute auf dem Plan: handmade music. Dafür schaut der Wahlberliner Beranger mitsamt Drummer nochmal vorbei. Der hat zwar am Abend zuvor schon auf dem Melt-Gelände gespielt, beweist jetzt aber nochmal, dass er ein Streber an den Tasten ist. Die Stage füllt sich und Beranger fragt rhetorisch, ob die Leute auch auf Klassik stehen. Tun sie, wobei er seinen organisch pochenden Sound selbst eher als „Klassik-Grunge“ versteht. Dann spielen noch mehr Newcomer ihre Sets: Malonda stellt Chansons und ihr Update von Electro-Pop vor. Davor gibt es eine Show von Sado Opera, einer Queer-Band, die ursprünglich aus St. Petersburg kommt. In Gräfenhainichen stellt sie Disco- und Funksounds aus ihrem kommenden Debüt vor. In den Abend führt uns am Ende aber Singersongwriter und Noch-Geheimtipp Luka Noa. Mit seiner Melange aus Akustik, Soul und Gitarrensounds macht er sich auf dem Zeltplatz einige Freunde. Irgendwer landet wegen ihm sogar später als geplant auf dem Hauptgelände und verpasst mehr als eine halbe Stunde von den Tune-Yards. Und das will was heißen …

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