Biblo Absence

Tiefe Dub-Frequenzen, geheimnisvolle Echostimmen, Melodieahnungen und ein bisschen große Politik: Die Tracks auf Biblos Album Absence sind zu vielschichtig für die Tanzfläche.

Es rauscht und knistert, zischt und knackt. Auf die alte Frage, ob Musik (also Musik, ohne Lyrics) per se politisch sein kann, gibt auch Absence, das neue Album der Istanbuler Elektrokünstlerin, DJ und Bassistin Biblo keine endgültige Antwort. Aber Pınar Üzeltüzenci, wie Biblo mit bürgerlichem Namen heißt, streut Hinweise: Ihre Tracks, gebaut aus tiefen Dub-Frequenzen, geheimnisvollen Echostimmen, Melodieahnungen und manchmal sich leise aus den Hall-Nebelschwaden herausschälenden Beats, sind nicht zum Tanzen gemacht. Obwohl alle Stücke des Albums zunächst zurückhaltend wirken, selten laut und nie schrill und krass werden, beanspruchen sie doch komplette, unbedingte Aufmerksamkeit. Nebenbei laufen lassen geht nicht. Absence ist keine Klangtapete, alles dreht sich um nachhaltig beunruhigende, eindringliche, rätselhafte Sounds und schwebende, geisterhafte Vocals, die mehr Geräusch als Text sind. Von Skizze zu Skizze fügt sich ein Ganzes zusammen – das Gesamtbild erklärt nichts und doch weiß man etwas. Unbequemes, vermutlich. Titel wie »Doom Machine« und »Wall Of Fear« legen das jedenfalls nahe.

Natürlich gibt es eine Story hinter Absence, eine Entstehungsgeschichte: Biblo setzt sich mit den politischen Verhältnissen und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen in der Türkei auseinander. In den vergangenen zwei Jahren pendelte Üzeltüzenci häufig zwischen Istanbul und Berlin, und als 2013 die Proteste im Gezi-Park ausbrachen, beschloss sie, in Istanbul zu bleiben. Absence entwickelte sich inmitten des politischen und sozialen Aufruhrs und thematisiert »die Abwesenheit von Verlangen, die Abwesenheit von Wurzeln, die Abwesenheit von Bedeutung und die Abwesenheit von Gerechtigkeit«, wie sich die Künstlerin im Beipackzettel zitieren lässt.

Absence geht aus Leerstellen und Lücken, Fehlendem, Vermisstem und Verlorenem hervor, gespiegelt im Individuum. Ein Track wie »Watching« scheint direkt vom Taksim-Platz importiert zu sein und ist gleichzeitig so frappierend global und universell, dass Geografie und Geschichte unwichtig werden. Und doch ist Absence ganz essenziell von konkreten Ereignissen beeinflusst. Politik oder was? Passenderweise erscheint Absence auf c.sides, dem Label von Till Rohmann alias Glitterbug und Ronni Shendar, das sich der experimentellen und inhaltsorientierten Electronica verschrieben hat – ein ideales Umfeld für Biblo, die in zeitgemäßer Form wieder einmal daran erinnert, dass das Private politisch ist und umgekehrt.

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