Beyoncé »Lemonade« vs. Drake »Views« / Doppelreview

Screenshot aus Beyoncés Video zu »Formation«

Beyoncés Lemonade ist – amongst many things – ein Kraftakt der Vergangenheitsüberwältigung. So kämpferisch sie den Problemen der US-Südstaaten auf ihrem neuen Album entgegentritt, so unbedarft und einseitig zeichnet Drake mit seiner ebenfalls neuen Platte Views ein Bild von Toronto als Homezone ohne Abgründe.

Es gibt eine Schlüsselszene im Film zu Beyoncés sechstem Studioalbum Lemonade. Ungefähr zur Mitte des Films steigt die Sängerin mit einer Gruppe Frauen in einen Bus. Ihre Gesichter sind in Yoruba-Tradition angemalt. Während sie die Stadt in Richtung Provinz verlassen, stirbt die Protagonistin eine Art spirituellen Tod, nach dem sie sich in einer Parallelwelt wiederfindet, zurückgeworfen zu ihren Ursprüngen.

Dort verwandelt sich Beyoncé in ein übermenschliches Wesen, bewegt sich wie im Zeitraffer, ruft ihre Mitstreiterinnen zusammen und durchpflügt in einem menschlichen Formationsflug das Feld. Seht her, heißt die Botschaft, wenn wir zusammen stehen, schaffen wir es. Wir können verkrustete Strukturen aufbrechen und eine lebenswerte Zukunft schaffen. Gerade dann, wenn der Kampf aussichtslos erscheint.

Zu Drakes neuem Album gibt es zwar keinen Film, doch auch Views hat seinen Schlüsselmoment in der Mitte. In »Still Here« nimmt der kanadische Rapper plötzlich die Pose des zufrieden im Schaukelstuhl wippenden Unternehmers ein: »Doing good, man«, croont er, während man sogar vor der heimischen Stereoanlage glaubt, vom Qualm seiner teuren Zigarren husten zu müssen. Die Botschaft? Nun ja, Drake geht es prächtig.

Man merkt: die beiden kommerziell erfolgreichsten Platten des noch jungen Jahres positionieren sich atmosphärisch an verschiedenen Enden einer Skala. Und stehen damit für die gegensätzlichen Lebenswelten im Nordamerika unserer Tage. Auf der einen Seite Beyoncé, die unter dem Deckmantel eines öffentlich verhandelten Ehebruchs zum pep talk für benachteiligte Minderheiten ausholt. Auf der anderen Seite Drake, der saturiert davon berichtet, wer Chef im Ring ist. Lemonade verhandelt Jahrhunderte alte Ungerechtigkeiten. Views verhandelt Drake.

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Beyoncé ist der Sturm, der den Süden kurz und klein haut: mehr reinigendes Gewitter als Naturkatastrophe.

Trotzdem haben die Alben mehr gemeinsam, als man zunächst meinen möchte. Rückgrat beider Platten ist die Herkunft der jeweiligen Protagonisten, ihre Verwurzelung an historisch aufgeladenen Orten. Beyoncé ist Texanerin, sie hat dort noch Familie – es geht also um eine persönliche Reise, wenn sie auf Lemonade zurückkehrt in die Südstaaten der USA, wo Rassismus noch heute Alltag ist. Zugleich möchte sie einstehen für eine ganze Generation schwarzer Frauen.

Auf der Reise inszeniert Beyoncé ihre Heimat in den schwülen Grautönen der Southern-Gothic-Tradition. Die Kulissen des alten Südens, seine Baumwollfelder, Sümpfe und mahnenden Sklavenhalter-Villen erscheinen im Lemonade-Film. Es ist ein zwiespältiger Trip, auch musikalisch. Dazu bedient sich Beyoncé bei den Insignien traditioneller Südstaatenmusik der letzten 100 Jahre. Trap-Rap trifft auf New-Orleans-Brass, »Daddy Lessons« markiert sogar den Versuch eines Redneck-Countrysongs.

Die Anleihen der reichen Musikkultur klingen auf Lemonade genauso zerfranst, wie die Antebellum-Kleider der Statistinnen im Film aussehen. Der Süden ist keine Heimat mehr für Beyoncé, aber auch kein Ort, an den sie hasserfüllt zurückkehrt. Lemonade trägt dieser Ambivalenz Rechnung. Es ist der Wille zur Veränderung, der die Protagonistin durch den Film treibt. Es sind aber auch Nostalgie und Wehmut, die sich in der zugehörigen Musik abzeichnen.

Lemonade trifft damit einen ähnlichen Ton wie der vor vier Jahren erschienene Film Beasts Of The Southern Wild von Benh Zeitlin. Quvenzhané Wallis, die Hauptdarstellerin des Mystery-Dramas über die Folgen von Hurrikan Katrina für eine zerrissene afroamerikanische Familie, tritt ebenfalls in Beyoncés Deluxe-Video auf – ein treffender Casting-Coup, gilt sie seit ihrer Verkörperung der sechsjährigen Hushpuppy in Beasts Of The Southern Wild doch als couragierte Vertreterin jener black girl magic, die auch Lemonade heraufbeschwört.

Beyoncé paraphrasiert Zeitlins Film jedoch unter veränderten Vorzeichen. In Lemonade ist sie selbst der Sturm, der den Süden kurz und klein haut: mehr reinigendes Gewitter als Naturkatastrophe. Am Ende findet sie, ähnlich wie Hushpuppy, zu einer vorsichtig angedeuteten Aussöhnung mit ihren Wurzeln.

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Drake zeichnet das Bild einer Stadt, die es eigentlich gar nicht gibt.

Auf seinem vierten Album reist auch Drake nach Hause. Views ist eine Ode an Toronto, die Stadt, in der er 1986 geboren wurde und der er tatsächlich viel verdankt. Die kanadische Metropole ist sein Rückzugsort, entfernt von den Rap-Zentren der US-Konkurrenz. Die Abgeschiedenheit prägte auch seine Musik: Drake konnte relativ unbekümmert an seinem eigenen Sound feilen, eine vorgezeichnete Geschichte wie im Süden der USA gab es für ihn nicht zu beachten.

Dass Rapper ihre Heimatstadt feiern, ist nicht neu. Dr. Dre und Kendrick Lamar preisen das kalifornische Compton, Outkast porträtierten Atlanta als Stadt der bunten Hunde. Im Gegensatz zu Drake formulierten sie die jeweilige Kehrseite jedoch gleich mit. Der Kanadier hingegen zeichnet auf Views das Bild einer Stadt, die es eigentlich gar nicht gibt.

Wenn Drake seine Views From The 6 (so der ursprüngliche Albumtitel, angelehnt an die Zipcode-Gebiete 416 und 647, in denen er zuhause ist) rekapituliert, zeichnet er ein Bild aus Penthouse mit Meerblick, sonnigen Parks, einer mittelmäßigen, aber heiß geliebten Basketballmannschaft und leeren Autobahnen für die Sportwagensammlung. Das größte Problem der Stadt scheinen seine unzähligen Ex-Liebschaften zu sein, die hinter jeder Ecke lauern.

Views klingt damit wie ein 90-minütiger Werbejingle für das neue Kanada von Popstar-Präsident Justin Trudeau: soziale Gerechtigkeit, flächendeckende Gesundheitsversorgung, Gleichberechtigung – alles da, alles erreicht. Nur gibt es diesen Ort eben nicht in der Wirklichkeit. Auch Toronto kämpft mit wachsender Ungleichheit, schwächelnder Infrastruktur und Gentrifizierung. Die Wohnsilos für die Abgehängten am Stadtrand kommen bei Drake nicht vor. Views ist sein Soundtrack zur Verdrängung.

Wo Beyoncé ihre Heimat mit bedeutungsschwangerem Geschichtsbewusstsein zeichnet, präsentiert Drake seine Herkunft durch eine Vielzahl von Instagram-Filtern: verzerrt, naiv, schöner als die Wirklichkeit. Nicht jede Musik muss politisch sein, aber ein Künstler mit Drakes Strahlkraft muss den Blick über den eigenen Bauchnabel hinausrichten – so verführerisch der Bauchnabel auch aussehen mag. Ein Album von Drake über Drake ist im Jahr 2016 nicht mehr genug, es kann höchstens der Anfang sein. Bestes Gegenbeispiel: Beyoncé.

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