Beyoncé & Jay-Z „Everything Is Love“ / Review

Endlich Party-Time im Haushalt Carter-Knowles: Nach kämpferischen, sich selbst zerfleischenden Einzelalben feiern Beyoncé und Jay-Z mit dem gemeinsamen Everything Is Love die Wiederherstellung ihrer Ehe und Obergeilheit. Sweet!

Eine Zeit lang war Empire die erfolgreichste Seifenoper des US-Fernsehens. Dann erschien Beyoncés Lemonade, und die Leute merkten, dass niemand diese Serie braucht. Empire handelt von einem Plattenfirmenmogul, der sein Reich unter drei mäßig geeigneten Söhnen aufteilen muss und nebenbei die Ehe zu seiner jahrelang im Knast geparkten Ehefrau retten soll. Es kommen dann eine Reihe von Krankheits- und Mordfällen dazwischen, uneheliche Kinder tauchen auf und wieder ab, und wie das halt so ist in einer typischen Seifenoper, erweist sich auch noch ein scheinbar bester Freund als größter Verräter von allen. Zwei Staffeln lang guckten wöchentlich 16 Millionen US-Amerikaner zu.

Der Beyoncé-Effekt jedoch war nach der Veröffentlichung von Lemonade im April 2016 so groß, dass selbst in fiktiven Hip-Hop-Universen wie jenem aus Empire eine neue Zeitrechnung anbrechen musste. Die hochtrabenden Storylines der Serie, ihre absurden twists and turns und das bisweilen bemühte Abarbeiten am Zeitgeist: Plötzlich war all das einfach nicht mehr geil genug. Die Serie ist längst aus den Top 50 der meistgesehenen US-Shows verschwunden, die Realität rechts an der Fiktion vorbeigezogen – oder wenigstens das, was Beyoncé als Realität verkaufte. Lemonade faltete nicht nur ihren untreuen Ehemann mit genüsslich ausgekosteter Detailfülle zusammen, sondern sortierte auch die Verhältnisse an US-amerikanischen Esszimmertischen neu. Das Album handelte von afroamerikanischen Frauen, die aus ebenso praktischer wie symbolträchtiger Verschwisterung neue Liebe, Stärke und Resilienz schöpften.

wie hätten Beyoncé und Jay-Z als Vorzeigepaar der New Romantics geklungen?

Schon am Ende von Lemonade stand eine effektvolle, von vielen Beobachtern kritisierte Versöhnung der Eheleute Knowles-Carter. Erst durch Jay-Zs Antwortalbum 4:44 jedoch wurde die Sache ein gutes Jahr später zur Seifenoper. Der ehemals mächtigste Mann der Rapmusik kroch eine halbe Platte lang zu Kreuze und unterstrich in ihrer zweiten Hälfte die Bedeutung der gemeinsam angehäuften Erfolge, Reichtümer und Kinder. Wo Beyoncé die zusammenschweißende Kraft der Liebe beschwor, feierte Jay-Z die weniger romantische, aber womöglich noch stärkere Kraft des Geldes. Wäre aus Black CCN jemals mehr als eine Idee von Public Enemy geworden, hätte 4:44 mit seinen Überlegungen zu afroamerikanischem Kapitalismus das Wirtschaftsressort im Alleingang schmeißen können.

Und nun also Staffel drei, Everything Is Love, das Album, das nicht nur Beyoncé und Jay-Z als The Carters zusammenbringt, sondern auch die Liebe und das Geld als Leitmotive seiner neun Songs. Ohne Vorankündigung ist es in der Nacht von Samstag auf Sonntag erschienen, sozusagen als Begleitprogramm zu den paartherapeutischen Olympiastadionkonzerten, die seine Schöpfer momentan absolvieren. Die Platte setzt nicht nur einen Trend zum kompakten Rapstar-Album fort, den nicht etwa Kanye West mit seinen aktuellen Siebenerpacks begründete, sondern Jay-Z selbst im vergangenen Jahr mit dem nicht einmal 35-minütigen 4:44. Auch ihre erste Single „Apeshit“ klingt sehr trendy, eine Gemeinschaftsarbeit mit zwei Dritteln von Migos, bei der sich aber vor allem der Produzent Pharrell Williams als federführend erweist.

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