Beyoncé als gleißende Mrs Carter live in Berlin

Beyoncé The Mrs Carter World Show
Beyoncé live während der The Mrs Carter Show World Tour in Zürich
FOTO: Yosra El-Essawy / Invision for Parkwood Entertainment / AP Images

Vor meinen geschlossenen Augen schwimmt ein Meer bunter Punkte. Die Ohren dröhnen. Der Sitz wackelt. Ich blinzle wieder, eine silbergoldene Flockenwolke verdeckt die Bühne und da kommt sie plötzlich auf mich zugeschossen. Lockenmähne, blauer Glitzeroverall (anscheinend mit eigenen LEDs?). An einem Seil über die Köpfe der Menge empor schnellend, verschiebt Mrs Carter ihre endgültige Himmelfahrt aber doch noch einmal auf später und landet lieber nun in Wurfweite von uns vor dem Technikpult der riesigen blauen Arena, um nun mit dem überraschten Publikum »Irreplaceable« anzustimmen. »Yes, it's Destiny's Child, baby, come on!«

   Gestern gab Beyoncé Knowles das erste von zwei Berlin-Konzerten ihrer The Mrs Carter Show World Tour in Berlin. Oder besser gesagt: Königin Bey! hielt Hof. Chancellor Merkel war zwar nicht in Sicht, aber 12.500 andere erhoben sich dafür wieder und wieder. Für Beyoncé, die Selbstinszenierungsmaschine, das Marketinggenie, die Modemitläuferin – wie sie aktuell in SPEX aufgearbeitet wird. Komplett weiß geschminkt ist ihr Hofstaat, komplett weiß erscheint die singende Neo-Sissi selbst auf einer LED-Leinwand von der Größe zweier Hauswände. Zuvor durften sich ihre Untertanen noch einmal einzeln (und stets jubelnd) die Werbespots für ihr Parfüm, die Cola ihrer »Wahl«, ihre neue Modekollektion und das von einer Luxusmarke initiierte Chime For Change-Festival mit Beyoncé als Headliner ansehen. Auf die Einblendung von QR-Codes zum Direktkauf wird allerdings verzichtet. Noch.
   Dann fällt die Videowand aus, Kreisch, die imposante, rein weibliche Band The Sugar Mamas und die gemischten Tänzer erscheinen, KREISCH, »Run The World (Girls)« wummert mit seinem »Pon De Floor«-Sample los und, KREEEEISCH, Beyoncé erscheint in der Mitte. Auftakt für einen eins, zwei … dreiundzwanzig Lieder starken Abend. Blaue Lichter rotieren, alles blinkt, gleißend hell, schon beim zweiten Stück »End of Time« kommt der Funkenregen zum Einsatz. Und dazwischen tanzt und singt eine muskulöse Superperformerin wie mit Scheuklappen (bzw. nach Kostümwechsel mit schwarzen Bären-Katzen-Ohren). Total fokussiert. Wow. Man versucht, sich auf sie zu konzentrieren. Allein, der Disko-Zirkus rund um sie herum lässt das nicht zu. Dann: kurz Luft holen, sich feiern lassen, die Menge begrüßen. Und ab geht der Honig. Als kleines Mädchen wollte sie immer wie Michael Jackson sein. Jetzt könne sie genau das tun bzw. alles, was sie will. »Because of you«, of course. Dafür sei sie sehr dankbar.
   Nach »Flaws And All« gibt es die erste Pause für einen Kostümwechsel und die LED-Wand spielt wieder einen Film. Jetzt ist die Königin allein mit ihrem Diadem in einem heruntergekommenen Haus und spricht kryptische Self-Empowerment-Botschaften. »Seduction is more than beauty. It's exclusive.«, wird es da später – und für diesen Abend absolut gültig – heißen, jetzt aber erst mal u.a.: »Isolation brings revolution.« Die jungen Frauen, neuerdings in nicht geringer Zahl von Beyoncés kooperierender schwedischer Modekette mit allerhand Nietenapplikationen ausgestattet, die unterwegs jeden Berliner Straßenpunk neidisch machen, johlen. Revolution statt Kuchen, das ist moderne Monarchie. Das wollen sie hören und gleichzeitig ist Mrs Carter, die mit diesem Zitat auf ihre lange Auszeit anspielt, damit auch einer den Selbstverzicht predigenden Band wie den Savages plötzlich gespenstisch nahe.
   Aber, aber. Was für ein tolles neues Outfit, und Coldplay-, nein, »Bittersweet Symphony«-Sample in »If I Were a Boy«, welches eigentlich – wie alles an diesem Abend – für die girls ist. Denn obwohl die Arena voll von einer Diversität aller möglichen lebenden Klischees nebeneinander ist, adressiert Bey! explizit nur den weiblichen Teil. »Baby Boy«, »Diva«, »Naughty Girl« … alles rauscht vorbei. Zwischendurch kurz auch mal Diplo und Nicky Da B's »Express Yourself«. Nicht jeder Song wird vor der Lichterkulisse überhaupt voll ausgespielt. »Are you high right now?!«, hallt es von vorne. Nein, aber diffus schummrig. Also nah dran. Wir müssen immer weiter durchbrechen!
   Um 22:58: »Tonight's still young. It ain't over!« Eben war sie über alle Köpfe geflogen, auch eine Kurzfassung ihrer Eigendoku Life Is But A Dream wurde schnell gezeigt. Beyoncé, die wandelnde Autobiografie, erzählt vom dreckigen Süden, von ihrer Heimat. Statt des sich jetzt anbietenden neuen Songs »I Been On / Bow Down« – immerhin steht ja auch ein neues Album irgendwie im Raum – gibt es zumindest das ebenfalls neue »Grown Woman« auf die Zwölf. Denn das im Modewerbespot doch recht gediegene Stück wird auf der Bühne zu einer schlichtweg gigantischen afrozentrischen Inszenierung im flirrenden Grellbunt, bei der klar wird, dass auch Shangaan Electro und Congotronics irgendwann mal auf Beyoncé aufgetaucht sind.
   Wenn Mrs Carter, also die Ehefrau von Jay-Z, der hier erfreulicherweise nur bei »Crazy In Love« kurz Thema ist, mal ganz für sich ist, etwa den unglaublichen Popsong »Halo« zum Abschluss darbietet, dann scheinen die Nerven längst überreizt, ja, hypersensibel, um die berstende Kraft ihrer Stimme und Beyoncés ganz eigene Ausstrahlung vollends aufnehmen zu können. Es könnte allerdings auch daran liegen, dass sie noch mal Whitneys »I Will Always Love You« dazwischen haut. Ein Konzert von Sunn O))), liebe Freunde der Subkultur, ist jedenfalls körperlich auch nicht fordernder.

3 KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.