»Will You Run Away With Me?«

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STILL: Veronica und Lucky entdecken die Liebe. Best Coast Our Deal, 2011.

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   Der Blick öffnet sich auf Sichtbeton, Strommasten, Metallzäune und eine krank aussehende Sonne, die sich nur schwer gegen den Smog durchsetzen kann. Malerisch ist diese Szenerie großstädtischer Tristesse allenfalls für jene, die dort nicht leben müssen, sondern das Ganze im schwarzen Cineastenrolli bei Andrej Tarkowskij oder Béla Tarr sehen. Eine Teenagergang beherrscht die Straßen bei Tag, die andere regiert die Nacht. Man steht rum und sieht geil aus, ab und an besprüht man eine der hässlichen Funktionswände zwecks Reviermarkierung mit Tags der eigenen Gang. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann sich erst die Wege und dann die Klingen der Day Trotters und der Night Creepers kreuzen.

   Doch zuvor gibt es erst einmal eine Boy-meets-girl-Geschichte: Night Creeper Veronica (Chloë Moretz) trifft auf der Flucht vor der Tagesgang im berühmten betonierten Flussbett des Los Angeles River auf den süßen Day Trotter Lucky (Tyler Posey). Während ihre in einen Hinterhalt geratene Freundin (Miranda Cosgrove) von dessen Gangmitgliedern zusammengetreten wird, hat die von der erst 14-jährigen Kick-Ass-Darstellerin gespielte, zuckersüße, wenngleich ein wenig nach polnischem Babystrich aussehende Veronica nichts Besseres zu tun, als sich zu verknallen. (So ist wohl die Liebe: Man liebe niemanden mehr, wenn man liebe, heißt es einmal bei Proust über deren asozialen Charakter.)

    Lucky – mit der hinreißenden Schlaks-Figur eines lässigen puerto-ricanischen Strichers und einem Blick, der geschlechterübergreifend Herzen schmelzen lässt – ist nicht unvorbereitet. Er zeigt Veronica seine Handinnenfläche, auf der mit Filzstift geschrieben steht: »Will you meet me later …«. Zwischen den beiden entspinnt sich ein knisterndes Blickgeschehen. Und natürlich treffen sie sich später wieder – in diesem Musikvideo des amerikanischen Indie-Garage’N’Surf-Pop-Trios BEST COAST, das die Schauspielerin und Regisseurin DREW BARRYMORE als ihr erstes überhaupt für MTVs Supervideo-Serie drehte.

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STILL: Drew Barrymore und Bethany Cosentino mit einem Cameo-Auftritt. Best Coast Our Deal, 2011.

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    Die kaum erblühte Liebe zwischen Veronica und Lucky steht freilich unter einem Unstern. Solche Unsterne haben bei aller Widrigkeit den erfreulichen Nebeneffekt, vor der Trivialität des Alltags zu schützen – eine von den erbarmungslosen Zahnrädern des Schicksals zermalmte Liebe ist gewiss besser als eine an Langerweile und nicht unterdrückten Pupsen nach dem ehelichen Sex gestorbene. Die deutsche Romantik hat viel Emphase auf den Umstand gelegt, dass die Liebe proportional zu Anzahl und Unüberwindlichkeit der Hindernisse zunehme, welche ihrer Erfüllung entgegenstehen, ja, dass recht eigentlich allein die unerfüllbare Liebe diesen Namen überhaupt verdiene. Und so ist die Liaison der beiden in ihrer Bedrohtheit eine erzromantische. Die Ironie des Schicksals will es, dass die Rivalität der Gangs möglicherweise just dadurch in offenen Krieg umschlägt, dass Veronica sich lieber in den schönen Jungen verliebte, statt ihrer Freundin bei der Flucht beizustehen. Letztere nämlich, die so eindrucksvoll wie stylish aus dem Mundwinkel blutend in einer finsteren Unterführung von den anderen Night Creepers aufgefunden wird, ist der Anlass zur großen Vergeltungsschlacht. Zuvor sucht die Unheil ahnende Veronica noch einmal ihren Lucky auf.

    »Will you run away with me« steht diesmal auf ihrer Hand. Gemessen an ihrem schwänzenden und quasi-arbeitslosen Abgehänge ist die geschilderte Jugend erstaunlich schriftkulturell und konservativ-skriptural orientiert, weshalb Lucky auch nicht einfach mündlich antwortet, sondern als echter sprayender homo typographicus seine Entgegnung auf eine Hauswand sprüht. »I can’t« liest Veronica, bevor sie flennend zu ihrer Ingroup rennt. Dann kommt es zur großen Abrechnung, einem Kampf, bei dem es nicht nur darum geht, sich mit Baseballschlägern, Eisenstangen und Fäusten maximal wehzutun, sondern drolligerweise auch darum, der anderen Seite gleichzeitig (!) die Überlegenheit der eigenen Dance-Skills vorzuführen. Das alles findet bei Nacht und zum Teil in Slow Motion auf einem riesigen Häuserdach statt. (Dass Schlägereien in Zeitlupe toll aussehen, weiß man spätestens seit Sam Peckinpah und dem Jealousy-Video der Pet Shop Boys.) Bei dieser Battle finden sich auch unsere beiden Liebenden auf den unterschiedlichen Lagerseiten wieder.

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STILL: Night Creepers vs. Day Trotters. Best Coast Our Deal, 2011.

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    »Die Zeit der Liebe ist die Zeit des Kampfes«, formulierte Charles Darwin einmal. Dass sie auch die Zeit der Kommunikationskatastrophen ist, zeigt Barrymores Video. Ohne zu viel vom Twist des Clips zu verraten: Die weibliche Protagonistin hat sich am Ende jedenfalls als ernsthafte Kandidatin für die Wahlen zur Miss Verständnis empfohlen. In Barrymores Regiearbeit kommt es zu einem posthistorisch-entzeitlichten Rendezvous verschiedenster Jahrzehnte: Das alte Romeo-und-Julia-Motiv aus den 1590ern trifft im Gewand einer visuellen 80er-Jahre-Ästhetik auf durch die 90er-Jahre-Grunge-Schule gegangene Musik von Girl Bands der 50er. Das Thema und die Ästhetik des Clips zehren vom kulturellen Erbe des Teenie-Street-Gang-Films, namentlich Francis Ford Coppolas The Outsiders (1983) und Randal Kleisers Grease (1978), die ihrerseits viele ihrer Ingredienzien dem prototypischen Rebel Without A Cause James Dean verdanken.

    Weshalb die Gangs rivalisieren, wird Gott sei Dank in keiner Sekunde thematisiert oder milieutheoretisch aufbereitet. Das ist halt einfach so. Jungs und Mädchen in ihren Teens suchen in ihrer Ungefestigtheit nach einer Identität und die ist eben ohne Feindbild nur schwer zu erlangen. Sich zu kloppen, weil andere andere Jacken anhaben und eben überhaupt andere sind, ist zwar nicht weniger bescheuert, aber sicher weniger verheerend, als auf der Suche nach der eigenen Identität in ein Land einzumarschieren. Barrymores Kurzfilm bringt das Kunststück fertig, durch seine Comichaftigkeit und seinen Zitatcharakter ästhetische Distanzen aufzubauen, ohne das emotional Berührende dieser tragischen Teenagerliebesgeschichte auf dem Altar solcher Verfremdung zu opfern. Man kann auch sagen: Er ist auf schlaue Weise naiv. Die Liebe, die Regisseurin und Darsteller in dieses Video fließen ließen, kann im schnelllebigen YouTube-Zeitalter jedenfalls nicht genug gelobt werden. Nachfolgend die 10-minütige Extended Version zu schauen – es lohnt sich.

    Best Coast Our Deal ist bei Cooperative / Universal erschienen.

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VIDEO: Best Coast Our Deal (Extended Version)

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