Best Coast California Nights

Der Powersound für rasante Cabriofahrten ist definitiv Best Coasts Ding, Gothic-Lyrics sind es eher weniger. California Nights bestätigt: Texte sind nicht die Kernkompetenz dieser Band.

Whoo-hoo! Mit sonnendurchfluteter Turbogebläse-Energie rauscht »Feeling OK«, der erste Track von Best Coasts neuem Album, ins Zimmer. Und mit ungebremstem Zuckerwatteschwung geht es auf fast durchgehend gleichem Level so weiter. Es klingt, als hätten Bethany Cosentino und Bobb Bruno den Umstand, von ihrem bisherigen Label Mexican Summer zum Major Harvest/Capitol gewechselt zu sein, vor allem dazu genutzt, den Vorschuss in neues Equipment zu investieren. Alles ist bigger auf California Nights: die Refrains, die Riffs, der Drive und die gesamte Produktion von Wally Gagel (of Miley-Cyrus- und Muse-fame). An den lo-fi Girlgroup-Garagen-Style des Debüts Crazy For You von 2010 erinnern vereinzelt noch Surfgitarrensoli wie die flirrende Fuzz-Orgie am Schluss von »Heaven Sent« sowie Cosentinos klare, leuchtende Stimme – an das zweite Album The Only Place erinnert so gut wie nichts, zum Glück. Wenn jemals eine Band ein Problem mit dem »schwierigen zweiten Album« hatte, dann Best Coast, die nach dem Blitzerfolg des ersten und dem darauffolgenden Tour-Ennui dem Wahn erlegen waren, die Reinkarnation von Fleetwood Mac, den Eagles und Loretta Lynn gleichzeitig zu sein. Das ging vorbei, das Album unter.

Die neue Platte sei von California girls and boys wie The Go-Go’s, Sugar Ray und Gwen Stefani inspiriert, sagen Cosentino und Bruno, und das merkt man. P!O!P! schreiben Best Coast jetzt in pink-türkisfarben leuchtenden Neongroßbuchstaben, nicht mehr in trashiger Bubble-Typo. California Nights ist außerdem, der Titel lässt es vermuten, ein Album über Kalifornien im Allgemeinen und Los Angeles im Besonderen. Schon immer haben Best Coast über ihre Stadt gesungen, jetzt war es an der Zeit für die ganze große Story. Vor allem die dunklen Seiten von LA treiben Songwriterin Cosentino um, und so bezirzt California Nights mit vordergründig sonniger Musik, in den Texten aber sollen sich Abgründe auftun, Lynchs Mulholland Drive lässt grüßen. Well … sagen wir es so: Der Powersound für rasante Cabriofahrten ist definitiv Best Coasts Ding, Gothic-Lyrics sind es eher weniger. Die Missgünstlinge, die immer schon behaupteten, dass das Texten nicht Best Coasts Kernkompetenz sei, werden sich bestätigt fühlen.

Das mit dem doppelten Boden haut irgendwie nicht hin. Entweder singt Cosentino eindeutig und nachvollziehbar verletzt über die Torturen der Liebe (»Why don’t you like me? Why don’t you like me?«, heißt es in »Jealousy«, auch der Titel »Fine Without You« lässt keine Zweifel offen) oder es werden, wie im Titelstück und in »Sleep Won’t Ever Come«, schmutzige Details aus der glitzernden Großstadt verhandelt – das aber ganz klar, kein bisschen sibyllinisch. Ist ja auch nicht schlimm, nur wünschte man sich, Best Coast hätten ein paar musikalische Geheimnisse mehr eingebaut. Einzig beim letzten Song »Wasted Time« (der jetzt nicht programmatisch verstanden werden soll) drosseln Cosentino und Bruno das Tempo, wechseln die Tonart. Tatsächlich hält man sich erschöpft an dieser kleinen, melancholischen Ballade fest – nach dem Tsunami der guten Laune, der gerade über einen hereingebrochen ist.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.