Bernd Begemann & Die Befreiung »Eine kurze Liste mit Forderungen« / Review

Wenn man Begemann auch als einen Protagonisten der großteils in Hamburg aufgegangenen ostwestfälischen Schule nicht akzeptieren möchte, so bleibt er trotzdem der Held des deutschsprachigen Indie-Schlagers oder Schlager-Indies mit viel Soul und Funk.

Ein Geständnis vorweg: Trotz geografisch-szenisch nicht ganz unterschiedlicher Herkunft – Ostwestfalen rulet schon okay – lagen für mich zwischen Bernd Begemann und Bernadette La Hengst (die eben ein tolles neues Album veröffentlicht hat) auf der einen und Blumfeld und Die Sterne auf der anderen Seite Musikwelten. Irgendwie schienen mir Hengst und Begemann nicht vertrackt und krachig genug, ihre Texte zu eingängig, überhaupt alles zu seicht und uncool. Dass aber gerade diese beiden mehrere Gänge hochschalteten und in ihrer Freundlichkeit durchaus doppelbödig oder auch sehr politisch und um die Ecke sein können und dabei trotzdem Pop im Sinne von Knalligkeit bleiben, begriff ich erst, als ich Krach oder Antitum nicht mehr zwanghaft mit einem Ausrufezeichen in Verbindung brachte.

»Ich habe meinen Frieden gemacht mit dem Arschloch von der Deutschen Bank, das meinen Eltern unser Haus geklaut hat«, singt Begemann, »also sprich mich nicht mehr darauf an!« Und: »Ich habe meinen Frieden gemacht mit den Dinkelkeksmamas vom Spielplatz und ihrem Hass.« Begemanns Frieden ist der schönste homöopathische Groll seit Christiane Rösingers »Berlin«, Verschwörungstheorie und Kakofonie inklusive. Begemann war immer auf der Suche nach der perfekten, zumindest guten Unterhaltung, ob als Entertainer oder Musiker. Overstatement in voller Bescheidenheit, niemals Schuheglotzen, sondern laut gesungene Liebesbekenntnisse an »Die besoffene Fahrerin« aus Frankfurt oder an die Furcht in der Dunkelheit. Nun hat der ewig Tourende tatsächlich 28 neue Songs auf ein Album gepackt, dessen Titel bereits bescheiden fordert.

Wenn man Begemann auch als einen Protagonisten der großteils in Hamburg aufgegangenen ostwestfälischen Schule nicht akzeptieren möchte, so bleibt er trotzdem der Held des deutschsprachigen Indie-Schlagers oder Schlager-Indies mit viel Soul und Funk. Und ich muss mich an dieser Stelle einfach mal für meine einstige Fehleinschätzung entschuldigen. Eine kurze Liste mit Forderungen ist ein Blumenstrauß voller bunter Gewöhnlichkeiten und fast Baudelaire-artiger Alltagsbeobachtungen (etwa das swingende »Nazi Tattoo Papa«). Begemann macht das Unspektakuläre zum Spektakulären und umgekehrt, krakelt dabei niemals, behält immer die Contenance, auch wenn es um Trottel, Grinsefressen der Städte, verklemmte Leute, Fassungslosigkeit oder Verzweiflung geht. Vielleicht lag es ja auch an mir. Diese Songs verändern mein Leben. Ein bisschen jedenfalls.

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