Bernard + Edith Jem

Öffnen das Feld noch weiter in Richtung Experiment, Unheimlichkeit, Melancholie: Bernard + Edith haben die großen Schuhglotzer von Neuem gehört. Das Ergebnis: Jem.

Menschen, die die Cocteau Twins nicht kennen, sollten diesen ersten Absatz bitte nicht überspringen. Der dritte Song von Bernard + Ediths Debütalbum, »Crocodile« – ich musste in den Tiefen der Archive (Regal, Rechner, Datenbanken) nachforschen –, ist keine Coverversion. Er ähnelt im Sound und vor allem im Gesang, auch vom Klang und der Intonation her, frappierend der »einmaligen« Stimme von Liz Fraser. Dieses Déjà-écouté dient hier als Teaser und macht sehr neugierig, waren die Cocteau Twins um Robin Guthrie und die erwähnte Sängerin doch Schuhglotzende vor dem offiziell verkündeten Shoegazertum, beeinflussten – Fluss ist hier das entscheidende Wort – später immens einflussreiche Bands wie Lush, Mazzy Star oder Slowdive, die wiederum Beach House, School Of Seven Bells oder nun eben Bernard + Edith einen Kontext gaben. Ihre Alben, vor allem Victorialand von 1986 und das von manchen gescholtene Heaven Or Las Vegas von 1990, sind fester Bestandteil des Dream-Pop-Kanons.

Bernard + Edith haben also mit »Crocodile« auf Anhieb den besten »posthumen« Cocteau-Twins-Song produziert, der nichts mit den Cocteau Twins zu tun hat – scheinbar nichts mit ihnen zu tun hat. Denn Bella Union, das bedeutende Label, auf dem das wunderbare Debüt von Greta Edith Carroll und Nick Bernard Delap aus Manchester nun erscheint, wurde von den Ex-Cocteaus Robin Guthrie und Simon Raymonde gegründet. Einmal mehr zeigt sich hier die pophistorisch nicht weiter überraschende Tendenz von selbst erfolgreichen Musikerinnen und Musikern, bei Gründung einer eigenen Plattenfirma ähnlich klingende Acts unter Vertrag zu nehmen. Warum auch nicht? Ich habe durch dieses junge britische Duo andere Briten zweier vorangegangener Generationen zunächst wiedergefunden, also rein nostalgisch, dann aber auch wiederentdeckt, also von Neuem gehört. Damit das funkelnde Jem nun aber nicht von der Last der Dream-Pop-Geschichte gebückt seinen Weg gehen muss, sollte gesagt sein, dass Bernard + Edith selbst Meredith Monk, Philip Glass und Angelo Badalamentis Soundtrack zu David Lynchs Twin Peaks als Referenzen nennen, außerdem große tragisch-dramatische Jazz-Sängerinnen wie Nina Simone oder Julie London. Und damit öffnen sie das Feld noch weiter in Richtung Experiment, Unheimlichkeit, Melancholie.

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