Bernadette La Hengst liefert mit ihrem sechsten Album Wir sind die Vielen eine Art Best-of der relevantesten Themen unserer Zeit. Wie das alles zusammenpasst? „Man kann die Dinge nicht getrennt voneinander behandeln“, sagt sie im Interview.

„Wir sind die Vielen“ handelt von Reisen nach Beirut, Casablanca und in die Vergangenheit (Foto: Jasper Kettner).

Es ist Montagvormittag und Bernadette La Hengst bereitet in ihrer gemütlichen Berliner Altbauküche ein Herdkännchen Espresso zu. Ein kurzer Augenblick der Ruhe, bevor sie zur nächsten Vorstellung des David-Bowie-Musicals Lazarus nach Hamburg muss, in dem sie als Leadgitarristin mitwirkt. Bei einem Schuss sirupartigem Koffein geht es um ihr sechstes Soloalbum Wir sind die Vielen, das am 15. März bei Trikont erscheint, und ihren bevorstehenden Auftritt mit zwei ihrer role models beim Find The File Festival im HKW Berlin.

SPEX: Bernadette La Hengst, der Titel Ihres neuesten Albums Wir sind die Vielen ist auch eine passende Umschreibung für die Vielzahl der Themen, die darauf versammelt sind. Es geht um die Spurensuche nach Ihren Eltern, Begegnungen in Beirut, Madrid und Dresden, um Klimaschutz und den Kampf gegen Rechts. Wie passt das zusammen?

Bernadette La Hengst: Man kann die Dinge nicht getrennt voneinander behandeln. Wenn ich den Klimawandel betrachte, muss ich auch die sogenannte Flüchtlingsfrage betrachten, weil es mehr und mehr Klimaflüchtlinge gibt. Wenn ich mich mit Geflüchteten beschäftige, dann denke ich an meine verstorbene Mutter, die gleich zwei Mal in ihrem Leben auf der Flucht gewesen ist. Früher ging es mir in meiner Musik vor allem um Selbstermächtigung, doch im Laufe der Jahre bin ich politischer geworden. Heute reicht es mir nicht mehr, nur für mich selbst zu sprechen. Ich möchte Verbindungen herstellen und die Geschichten von anderen erzählen.

„Mutterland“ ist einer der berührendsten Songs auf dem Album, der für mich viel mit dem Verstehenwollen der eigenen Eltern zu tun hat, und der Sehnsucht nach einem Zuhause, das es in der Form vermutlich gar nicht gibt. Was wollten Sie mit dem Song erzählen?

Ich bin eine Spurensucherin und als solche interessiert mich natürlich die Vergangenheit meiner Eltern. Ich weiß, dass meine Mutter nach dem Zweiten Weltkrieg aus Oberschlesien geflohen ist und als 14-Jährige aus der DDR nach Westberlin. 2015 wurde das Thema Flucht dann wieder sehr präsent und ich habe in Freiburg ein Theaterstück namens Mehrheitsgesellschaft gemacht, in dem zehn Senior_innen auf zehn junge Menschen mit Fluchtgeschichte trafen und sich buchstäblich ineinander verliebt haben. Sie alle hatten diese Verlorenheit gemeinsam, die damit einhergeht, wenn man seine Heimat verlassen muss. Ein Gefühl, von dem übrigens auch meine Mutter stark geprägt war und das dazu geführt hat, dass ich nie so richtig verstanden habe, warum sie so war, wie sie war.

„Die momentane Situation ist besorgniserregend“

Tragen Sie etwas von den Gefühlen Ihrer Mutter in sich?

Ich denke, dass ich diese Sehnsucht, die mich ständig auf die Suche gehen lässt, von ihr habe. Aber letztlich sind wir alle displaced persons, Vertriebene ein Leben lang. Es gibt immer einen Bruch in unserer Geschichte, ob man nun aus einem Land fliehen muss oder aus der Sicherheit des eigenen Elternhauses. „Mutterland” war der Versuch, dieses Gefühl in ein Lied zu fassen.

Andere Songs auf Wir sind die Vielen handeln von Ihrer Reise nach Beirut, wo Sie sich ebenfalls auf die Spuren Ihrer Eltern begeben haben. Was haben Sie dort erlebt?

Anders als meine Brüder bin ich in Deutschland geboren, aber der Libanon war in Form von Möbelstücken, Teppichen und Erzählungen immer um mich herum. Daher kommt es vermutlich auch, dass ich mich schon immer für die arabische Kultur interessiert habe. So war es ziemlich emotional für mich, nach Beirut zu reisen, auch wenn es ganz anders war, als ich es mir vorgestellt habe. Beirut ist an vielen Orten eine ebenso globale Megacity wie Berlin, total kapitalistisch und gentrifiziert. Als ich dann aber vor dem ehemaligen Zuhause meiner Eltern gestanden und zur Terrasse hochgeguckt habe, hatte ich das Gefühl, sie würden mir zuwinken.

Welche Songs haben Sie aus Beirut mitgebracht?

Mit „À Beirut” wollte ich ausdrücken, wie es sich anfühlt, eine Stadt zu besuchen, von der ich bis dato nur Fotos kannte. Ich habe dort viele interessante Musiker_innen kennengelernt und die experimentelle Oud-Spielerin Youmna Saba wiedergetroffen, die ich von einem vorherigen Reiseprojekt nach Casablanca kannte und die total moderne Musik mit einer Loop-Station und fantastischen Soundscapes macht. Sie hat dann auch in den beiden Songs „Où Êtes Vous  Beirut?” und Wherever I’m Going” mitgespielt.

Es gibt außerdem Songs zu einem Roadtrip von Madrid nach Casablanca. Wie kam es zu dieser Reise?

Der Roadtrip fand im Rahmen eines internationalen Kulturprojekts statt, bei dem Erfahrungen von unterwegs in Kunst verwandelt werden sollten. Ich hatte die Idee, mit einem alten Bus auf öffentlichen Plätzen halt zu machen und zusammen mit Passant_innen Liebeslieder zu schreiben. In Madrid habe ich ein 15-jähriges Mädchen getroffen, die ganz frisch mit ihrer Freundin zusammen war und mit mir ihren ersten Song geschrieben hat. In Casablanca sind „Gheda Inchallah” mit Sänger Yacine und Rapper Hamza und „Beauty In The Dirt“ mit Sänger Ibrahim aus Marokko entstanden.

Der Album-Opener „Wir sind die Vielen” ist eine Anspielung auf den Solidaritätspakt „Die Vielen“, den Sie mitbegründet haben und der ein klares Statement gegen Rechts ist. Wie beurteilen Sie den Kulturkampf, der von rechter Seite gerade gegen viele Kulturinstitutionen geführt wird?

Die momentane Situation ist besorgniserregend. Ich war vor Kurzem öfter in Dresden, weil ich am dortigen Staatsschauspiel mit Geflüchteten und Dresdner_innen einen Chor gegründet und Lieder geschrieben habe. In dieser Zeit habe ich miterlebt, wie das Theater aller Widerstände zum Trotz für eine multikulturelle Gesellschaft eintritt und immer wieder gegen Pegida Position bezogen hat. Doch die Angriffe von Rechts werden mehr. Viele Kulturschaffende blicken der diesjährigen Landtagswahl in Sachsen deshalb mit Sorge entgegen.

Daneben beschäftigen Sie sich im Rahmen des Musikarchiv-Festivals Find The File im HKW mit einem weiteren Projekt. Worum geht es da?

Im vergangenen Jahr ist der Dokumentarfilm Sankt Paulis starke Frauen von Rasmus Gerlach herausgekommen, in dem ich die Musikerin Mary Dostal von The Liverbirds interviewt habe. Das war eine Frauen-Beatband, die in den sechziger Jahren regelmäßig im berühmten Hamburger Star Club aufgetreten ist und es dennoch nicht geschafft hat, neben all den Männerbands einen Platz im Beatles Museum zu bekommen. Doch für mich und meine damalige Band Die Braut haut ins Auge waren sie echte role models. Bei Find The File zeige ich nun einen Filmausschnitt, der die Band näher vorstellt, und gebe zusammen mit den ehemaligen Mitgliedern Mary Dostal und Sylvia Saunders sowie der Musikerin Stefanie Hempel ein kleines Konzert, in dem wir ihre Songs spielen – damit diese grandiose Band nicht vergessen wird.

Bernadette La Hengst
Wir sind die Vielen
(Trikont / Indigo)
Erscheint am 15.03.

Find The File findet vom 21.03 – 24.03 im Berliner Haus der Kulturen der Welt statt. SPEX präsentiert das Festival.