Es wird Zeit, dass der alte, weiße Mann auf der Bühne Platz macht für mehr Diversität. Ein Besuch der Konferenz zur Gender-Ungerechtigkeit beim Berliner Theatertreffen.

Vor dem Haus der Berliner Festspiele hat sich am Freitagabend des Theatertreffens eine lange Schlange gebildet, die fast ausschließlich aus Frauen besteht. Hunderte Regisseurinnen, Schauspielerinnen, Dramaturginnen und Bühnenbildnerinnen wollen ihre Akkreditierungs-Bändchen für Burning Issues abholen, eine zum zweiten Mal stattfindende Konferenz, die den patriarchalen Strukturen der deutschsprachigen Theaterszene den Kampf angesagt hat – zurecht. Denn was über Jahrzehnte offensichtlich war, aber faktisch nicht belegt werden konnte, liegt spätestens seit der von Kulturstaatsministerin Monika Grütters in Auftrag gegebenen Studie Frauen in Kultur und Medien von 2016 auf der Hand.

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450 Theatermacher_innen diskutieren über sexistische Strukturen und fehlende Diversität (Foto: Pierro Chiussi).

Während in deutschen Theatern die Souffleusen zu 80 Prozent von Frauen gestellt werden, sind nur etwa 20 Prozent der Intendant_innen weiblich. Und während es bei den Regieassistenzen noch relativ ausgeglichen zugeht, schaffen es Frauen nur zu einem Anteil von rund 30 Prozent, sich später als Regisseurinnen durchzusetzen. Hinzu kommt, dass bis heute vorwiegend Stücke von männlichen Dramatikern gespielt werden, deren Fantasie bei Frauenrollen meistens nur für Mutter, Tochter oder Geliebte reicht. In Form von Nebenfiguren versteht sich, was wiederum zu weniger Ensembleplätzen für Schauspielerinnen führt. Und als wäre das alles nicht genug, verdienen diese im Durchschnitt 30 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Und müssen sich aufgrund der familienunfreundlichen Arbeitsbedingungen oft zwischen Kind und Karriere entscheiden. Kurzum: Der Theaterbetrieb, der sich selbst als gesellschaftskritische Avantgarde feiert, ist in Wirklichkeit ein alter, weißer und sexistischer Mann.

Dieses gewaltige Missverhältnis veranlasste Nicola Bramkamp, eine ehemalige Schauspieldirektorin am Theater Bonn, und Lisa Jopt, die Mitbegründerin des Ensemble Netzwerks, dazu, im vergangenen Jahr die Burning Issues ins Leben zu rufen. Die erste Ausgabe fand in Bonn statt, erhielt im Zuge von #Metoo jedoch auch überregional viel Aufmerksamkeit. Dies brachte die Festivalleiterin des Berliner Theatertreffens Yvonne Büdenhölzer dazu, die Konferenz zum Thema Gender-Ungerechtigkeit nach Berlin zu holen.

Büdenhölzer hatte bereits im Jahr zuvor den Schwerpunkt Unlearning Patriarchat ins Festivalprogramm gehoben und verleiht dem Thema mit der dreitägigen Konferenz nun noch einmal deutlich mehr Gewicht. Neben Podiumsdiskussionen zur berüchtigten Glasdecke und einer genderwissenschaftlichen Analyse der dieses Jahr zum Theatertreffen eingeladenen zehn besten deutschsprachigen Inszenierungen standen am vergangenen Wochenende Performances, ein Podcast und Videobotschaften auf dem Programm, in denen Theatermacher_innen mehr Gleichberechtigung am Theater fordern. Das Herzstück der Konferenz aber war eine eintägige Akademie mit 22 Workshops, Gesprächsrunden und Vorträgen, in denen 450 Teilnehmer_innen aus erster Hand von sexistischen Strukturen und fehlender Vielfalt auf deutschen Bühnen erfuhren und über mögliche Auswege aus dem Dilemma diskutierten.

Im Garten des Berliner Festspielhauses erinnerte etwa Dramaturgin Renate Klett daran, dass bereits 1984 auf dem Theatertreffen zu Geschlechtergerechtigkeit debattiert wurde, unter Leitung der von ihr mitbegründeten Initiative FIT (Frauen im Theater). „Wir haben uns damals dieselben Fragen gestellt, die ihr euch heute stellt“, sagte sie. „Warum gibt es so wenig Frauen in Leitungspositionen? Wo sind die Regisseurinnen? Und warum bekommt eine Regieassistentin nach einem schief gegangenen Debüt im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen nie wieder eine Chance?“ Dabei erstaunt es Klett nach eigener Aussage nicht weiter, dass sich in den vergangenen 35 Jahren nicht viel geändert hat, geschweige denn heute noch jemand etwas von ihrer Pionierarbeit weiß: „Ich glaube, das ist ein Phänomen der Frauenbewegung insgesamt“, vermutete die 73-Jährige. „Sie flammt auf, aber es gibt keine Kontinuität.“ Dabei gäbe es viele Wege, das Theaterpatriarchat zu unterwandern, erfuhr man auf der Konferenz – es muss sie nur jemand gehen. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel hier und da mal auf den Geniekult rund um Shakespeare, Strindberg und Co. zu verzichten und damit weiblichen, queeren und anderweitig diversen Perspektiven mehr Raum zu geben.

If you’re not at the table, you’re on the menu

Doch davon ist die deutschsprachige Theaterlandschaft weit entfernt, wie eine Erhebung der eingeladenen Stücke zum Festival exemplarisch zeigt: Seit seiner Gründung im Jahr 1964 wurden nicht mal 10 Prozent Dramatikerinnen aufgeführt. Und bei den eingeladenen Regisseur_innen sieht es mit rund 12 Prozent Frauenanteil nicht besser aus. Dies ist ein Armutszeugnis für das wichtigste deutschsprachige Festival für Regiepositionen. „Als Frau muss man schon Elfriede Jelinek heißen, um Erfolg zu haben“, sagte die Autorin Darja Stocker in einem Gespräch zu klischeehaften Frauenfiguren, das den vielsagenden Titel „Luise, ihr Freund und dem sein Vater seine Probleme“ trug.

Der Titel ist eine Anspielung auf Luise aus Kabale und Liebe, die erst zum Spielball einer männlichen Intrige wird und dann qualvoll stirbt. Der Moderator John von Düffel – selbst Autor und Leiter des Studiengangs Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin – wies zudem darauf hin, dass das Schiller-Drama den berühmten Bechdel-Test zu weiblichen Stereotypen nicht bestehen würde. Von den drei Kriterien, die lauten: „Gibt es mehr als zwei Frauen?“ – „Reden sie miteinander?” – „Und wenn ja, reden sie über etwas anderes als über Männer?“, ist das letzte nicht erfüllt. Auch Stocker hat im Stücke-Kanon ein misogynes Muster erkannt: „Entweder arbeitet sich die Frau am Mann ab und geht daran zugrunde oder sie zieht aus Rache in den Kampf, was ihr dann aber auch wieder negativ ausgelegt wird.“ Eine Frauenfigur, die nicht bloß auf Männer reagiert, sondern ihren eigenen Weg geht, gebe es selbst bei zeitgenössischen Autor_innen hingegen kaum.

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Intendantinnen unter sich: Anna Badora (Mitte) und Amelie Deuflhard (rechts daneben) beim Talk „Der Chef ist eine Frau” (Foto: Eike Walkenhorst).

Ein anderer Weg für mehr Gleichberechtigung am Theater ist das Top-Down-Prinzip, von dem die Intendantin des Staatstheaters Malmö, Kitte Wagner, im Rahmen der Konferenz berichtete. In Schweden wurde vor vielen Jahren erfolgreich ein staatliches Mentorenprogramm für weibliche Führungskräfte in der Kultur initiiert. Heute sind etliche Frauen Theaterchefs, die Ensembles paritätisch besetzt und die Spielpläne durch die Aufnahme von Autorinnen und Regisseurinnen um ein Vielfaches diverser. Damit sich keine erneute Ungerechtigkeit in die Strukturen der Häuser einschleicht, wird das Geschlechterverhältnis jährlich durch die Regierung überprüft.

Dass es aber nicht zwingend eines staatlichen Eingreifens bedarf, sondern auch eine Graswurzelbewegung zu Veränderungen führen kann, erläuterte die künstlerische Leiterin des Dublin Theatre Festivals Maria Fleming. Als das Abbey Theatre zur Feier der Unabhängigkeit Irlands 2016 ein männlich dominiertes Jubiläumsprogramm präsentierte, formierte sich unter dem Hashtag #WakingTheFeminists ein so beeindruckender Widerstand, dass sämtliche irische Theater öffentlich zur Gleichstellung an ihren Häusern Stellung bezogen. „If you’re not at the table, you’re on the menu“, kommentierte Fleming – und lieferte damit das beste Argument dafür, warum Frauen in führender Funktion am Theater unerlässlich sind.

Eine von ihnen ist Anna Badora, die noch bis 2020 als Intendantin des Volkstheaters Wien fungiert. Dass sie in den siebziger Jahren als erste Frau überhaupt am renommierten Max-Reinhardt-Seminar ihr Regiestudium aufnehmen konnte, erklärte sie bei der Gesprächsrunde „Der Chef ist eine Frau“ mit ihrer polnischen Herkunft: „Bei uns gab es damals relativ viele europaweit bekannte Regisseurinnen und Intendantinnen.“ Dank dieser Vorbilder prallte die sexistische Bemerkung „Du willst Regie studieren? Aber du bist doch eine Frau“ eines österreichischen Theatermachers an ihr ab. Eine Leitungsfunktion habe im Übrigen nichts mit Machtausübung zu tun, erklärt sie weiter, sondern damit, Verantwortung zu übernehmen und seinem Team die Möglichkeit zur kreativen Entfaltung zu geben. Dies entspricht ganz der Vorstellung der designierten Intendantin der Münchner Kammerspiele Barbara Mundel, die sich für ihre erste Spielzeit vorgenommen hat, für mehr Partizipation am Haus zu sorgen.

Partizipation und flache Hierarchien stehen in der freien Szene schon lange an der Tagesordnung, ebenso Gleichstellung und Diversität, womit sie Lichtjahre von den subventionierten Häusern entfernt ist. Ein Grund dafür ist ebenso naheliegend wie beschämend: „Da, wo mehr Geld verdient wird, sind mehr Männer“, schlussfolgerte Amelie Deuflhard, Intendantin von Kampnagel in Hamburg. Im Umkehrschluss macht deren Abwesenheit ein Theater scheinbar zu einem egalitäreren Ort. Kein Wunder also, dass in der Theaterszene gerade ein tief greifender Rollentausch stattfindet. Blickte die freie Szene bis vor wenigen Jahren noch neidvoll auf die gut ausgestatteten Stadttheater, blicken die Stadttheater nun neidvoll auf die zeitgemäßen Arbeitsstrukturen und Spielpläne der Freien.

Wo ist die Frau of color, wo die taktisch versierte Politikerin?

Die Sehnsucht nach Veränderung ist nun also endgültig auch in der Samtsessel-Etage angelangt. Dass dies vermutlich oft mehr aus Angst vor dem eigenen Bedeutungsverlust geschieht, denn aus wirklicher Einsicht, schadet dabei nicht. Monika Grütters initiierte bereits im vergangenen Jahr ein ähnliches Mentorenprogramm wie das in Schweden. Schauspieldirektorin Anna Bergmann, die es mit ihrem Stück „Persona” dieses Jahr als eine von zwei Frauen in die Zehnerauswahl des Theatertreffens geschafft hat, bestritt ihre erste Spielzeit in Karlsruhe ausschließlich mit Regisseurinnen – was ihr, respektive dem männlichen Generalintendanten des Hauses, sogar die Aufmerksamkeit der New York Times einbrachte. Und am Schauspiel Dortmund agiert mit Julia Wissert bald die jüngste Intendantin Deutschlands. Und selbst beim Theatertreffen stehen alle Zeichen auf Zukunft: Gleich zum Auftakt des Festivals gab Büdenhölzer bekannt, dass für die Bestenauswahl ab dem nächsten Jahr zwei Ausgaben lang eine Frauenquote von 50 Prozent eingeführt wird. Kurze Zeit später verlieh man dem feministischen Performance-Kollektiv She She Pop den begehrten und mit 20.000 Euro dotierten Berliner Theaterpreis.

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Einzig „Oratorium“ von She She Pop spiegelt eine zeitgenössische Gesellschaftsstruktur ab (Foto: Berliner Theatertreffen).

Damit bleibt zu hoffen, dass das nächste Theatertreffen bezüglich der eingeladenen Stücke dann auch tatsächlich diverser ausfällt als dieses, bei dem die Inszenierungen unter Gendergesichtspunkten keine gute Figur abgaben. Katharina Rost und Jenny Schrödl, ihres Zeichens Theaterwissenschaftlerinnen, attestieren Stücken wie „Hotel Strindberg“ von Simon Stone und „Tartuffe und das Schwein der Weisen“ von Claudia Bauer gar eine Zurschaustellung toxischer Männlichkeit, die durch reine Affirmativität zu keiner neuen Erkenntnis verhilft. „Man würde meinen, die wesentlichen Fragen der Gegenwart kreisten um weiße, bürgerliche, Hetero-Beziehungskisten“, sagte Rost dazu.

Ihre Kollegin Schrödl beurteilte viele der gezeigten Frauenfiguren als zu stereotypisch: „Wo sind die Powerfrauen, wo die reichen Rentnerinnen, wo die taktisch versierten Politikerinnen und Aktivistinnen, wo die migrantischen Frauen oder Frauen of color, wo die Queer-Feministinnen, die Lesben, die Transfrauen, wo die Frauen mit Behinderung?“, fragte sie, und fand, dass einzig She She Pops „Oratorium“ zu Gentrifizierung und Eigentum eine gewisse Vielfalt an zeitgenössischen Weiblichkeits- und Männlichkeitsvorstellungen widerspiegelt.

Leider waren auch die Burning Issues selbst – neben ihrer bemerkenswerten Aufklärungsarbeit – nicht ganz frei von Geschlechterklischees. Oder wie ist es sonst zu erklären, dass ausgerechnet Lars Eidinger, der Frauenfußball in einem Tagesspiegel-Interview von 2013 mit den Paralympics verglichen hat, bei der Eröffnungsparty auflegte? Und auch beim Willkommensgeschenk wird es kurz peinlich: Jede Teilnehmerin erhielt einen als Lippenstift getarnten Kugelschreiber – so etwas muss nicht sein.

Auffällig ist, dass sich außer zur Eidinger-Party nur wenige Männer bei der Konferenz blicken ließen, obwohl sie zu den meisten Veranstaltungen ausdrücklich eingeladen waren. Doch Männer, die struktureller Sexismus nicht im selben Maße wie Frauen betrifft, nutzen ihre kostbare Zeit vermutlich lieber zur Entwicklung ihres nächsten hypergenialen Stücks.

Selbst zur Abschlussdiskussion mit den Intendant_innen der Zehnerauswahl befand sich mit Joachim Klement vom Schauspielhaus Dresden nur ein Mann auf dem Podium, der die aufgestaute Wut im Saal dann auch gehörig zu spüren bekam. Ulrich Khuon vom Deutschen Theater Berlin und Andreas Beck vom Theater Basel hingegen schickten zu dieser „Frauen”-Veranstaltung lieber ihre Chefdramaturginnen, die sich an ihrer statt für die männerdominierten Spielpläne der letzten Spielzeit verantworten mussten. Wobei auch weiblich geführte Häuser wie das Burgtheater Wien oft schrecklich zurückhaltend sind, was den Einsatz von Regisseurinnen betrifft. Wenn aber wirklich etwas verändert werden soll, müssen jetzt alle an einem Strang ziehen.