Berlinale: Ostasien, am Rande des Wahnsinns

Kumiko
Rinko Kikuchi als Kumiko, the Treasure Hunter

Das Individuum, das an den Forderungen der Gemeinschaft zerbricht: ein ewiges Thema, das sich vor der Kulisse Ostasiens offensichtlich besonders gut erzählen lässt. Drei Filme, die aktuell im Forum der 64. Berlinale zu sehen sind, zeigen, wie junge Menschen unter dem Druck von Autoritäten leiden und wie man im Kino darauf reagieren kann: mit skurrilem Humor zum Beispiel oder mit Horrorelementen. Alle drei Filme, die chinesische Produktion Shadow Days, der in Japan und den USA spielende Kumiko, The Treasure Hunter und 10 Minutes aus Südkorea, sind im Laufe der nächsten Tage noch mehrmals zu sehen.

SHIP BUN / 10 MINUTES
Südkorea 2013

Regie: Lee Yong-seung

Mit Baek Jong-hwan, Kim Jong-gu, Jung Hi-te u. a.

Der Debütfilm des Regisseurs Lee Yong-seung führt die Arbeitswelt als alles bestimmende Kraft im Leben der Menschen in Südkorea vor. Zentrale Figur ist Ho-chen, ein junger Mann Anfang 20, der davon träumt, TV-Produzent zu werden. Neben seinem Studium arbeitet er als Praktikant bei einer Regierungsorganisation in Seoul, wo er – leider nicht das einzige überstrapazierte Klischee in diesem Film – hauptsächlich den Kopierer bedient. Dennoch: Bald ergibt sich die Aussicht auf eine Vollzeitstelle ergibt.

Diese Konstellation bestimmt nicht nur Ho-chens Leben, sondern durchdringt – mit Hoffnung, Angst, Zwang, Unterwürfigkeit – alle Beziehungen in seinem beruflichen und privaten Umfeld. Die engen Entscheidungsspielräume spiegeln sich in den maßgeblichen Schauplätzen der Handlung: dem bedrängten Büroraum und der kleinen Wohnung von Ho-chens Familie. Letztendlich bleiben ihm die zehn Minuten aus dem Filmtitel, um sich zwischen Selbstbestimmung oder Selbstaufgabe zu entscheiden: Will er seinen Traum leben und weiter studieren – oder eine geregelte, langweilige Zukunft? 

Was schon auf dem Papier etwas dünn klingt, bleibt leider auch auf der Leinwand leblos und trägt nicht über Spielfilmlänge. Lee Yong-seung findet, abgesehen von einer großartigen Schlussszene, keine besonderen Bilder für eine Drehbuchidee, die ohnehin schnell Gähnreflexe auslöst. Der Film muss sich den zugegeben etwas gemeinen Vorwurf gefallen lassen, genauso übereifrig, humorlos und streberhaft zu agieren wie sein Protagonist. 

KUMIKO, THE TREASURE HUNTER
USA 2014
Regie: David Zellner
Mit Rinko Kikuchi, Nobuyuki Katsube, David Zellner u. a.

Kumiko erzählt eine im Grunde todtraurige Geschichte, ist aber trotzdem der heiterste dieser drei Filme. Was daran liegen mag, dass gesellschaftliche Zwänge im Japan von heute durch eine Außenperspektive aufgebrochen werden: Die Brüder David (Regie & Buch) und Nathan Zellner (Buch & Produktion) aus Texas schicken ihre Protagonistin Kumiko auf eine Reise von Tokio in den verschneiten Norden der USA, genauer gesagt in Richtung Fargo. Das Ganze wird zu einer Variation auf ein Roadmovie – und zu einer skurrilen Hommage auf einen Coen-Bros.-Klassiker.

Denn durch Fargo kommt Kumiko zu ihrer Mission. In einer Grotte am Strand vor Tokio (Anfangsszene: schwarzer Strand in Japan, Schlussszene: weiße Schneepracht in den USA) findet sie eine VHS-Kassette des Films der Coen-Brüder. »Dies ist eine wahre Geschichte«, heißt es da, also muss es auch den Koffer voller Dollarbündel, den ein blutüberströmter Steve Buscemi im Schnee verscharrt, noch geben, und Kumiko wurde auserwählt, den Schatz zu bergen. Diese fixe Idee markiert den traurigen Kern des Films: eine Flucht in Hirngespinste. 

Kumiko ist 29 Jahre alt. Sie arbeitet als »office lady« in Tokio (Das Jobprofil sieht in erster Linie vor, ihrem Boss Tee aufzubrühen.), ist Single und schwer depressiv, um nicht zu sagen psychotisch. Die angedeuteten, beziehungsweise in Telefonaten von Kumiko mit ihrer Mutter recht nachdrücklich in den Hörer gekreischten Gründe für ihre Lähmung sind klischeebehaftet, wenn auch nicht von der Hand zu weisen: Karrierezwang, Verheiratungs- und Fortpflanzungszwang, Entfremdung vom Elternhaus. Insofern ergeben sich am Anfang des Films einige Längen und Hey-wach-endlich-auf!-Momente. Doch vor dieser drögen Grundstimmung kann sich die absurde Komik der Zellner Bros. umso besser entfalten, wenn Kumiko in der zweiten Hälfte des Films nach Minnesota verpflanzt wird und sich dort, nur mit einem roten Hoodie bekleidet und mit einer gesperrten Kreditkarte bewaffnet, auf die Suche nach ihrem Fargo-Schatz macht.

Die Zellners können hier aus dem Vollen schöpfen: culture clash, Sprachbarriere, Schneesturm, Provinzpossenpersonal (wunderbar: Regisseur David Zellner als so hilfsbereiter wie vertrottelter Sheriff). Das hat Witz und funktioniert zugleich auch als banal-tiefsinniger Kommentar auf das Kino überhaupt: Dokumentation und Reality-TV sind real, versucht der Sheriff Kumiko zu erklären, als sie zusammen einige Fargo-Szenen ansehen, und ein »normaler Film« ist eben fake

GUI RI ZI / SHADOWS DAYS
China 2014
Regie: Zhao Dayong
Mit Liang Ming, Li Ziqian, Liu Yu u. a.

Die Zukunft ist eine Totgeburt in Zhao Dayongs Shadow Days. Der Regisseur zeigt ein China am Rande des Wahnsinns, verloren, perspektivlos. Dabei geht es gerade um eine kommende Generation: Ein junges Paar kommt aus der Großstadt zurück in die tiefste chinesische Provinz. Renwei ist ein Kleinganove, der sich eine Weile verstecken will, seine Freundin Pomegranate ist im fünften Monat schwanger, das Kind soll in Renweis Heimatort zur Welt kommen. Sein Onkel ist hier Bürgermeister und hauptsächlich damit beschäftigt, die Vorgaben der Einkindpolitik umzusetzen. Die Amtsgewalt erscheint in der Gestalt von Gangs: Der Bürgermeister schickt kleine Truppen von Leuten – in ihren Camouflagejacken wirken sie wie eine Mischung aus Mafiosi und Miliz – durch das Bergdorf, um, im günstigeren Fall, die Bewohner einzuschüchtern oder Zwangsabtreibungen vorzunehmen. Weil es sonst nichts zu tun gibt, schließt sich Renwei dieser Gang an, während für Pomegranate die Monate bis zur Geburt quälend langsam verstreichen und sie immer mehr auf sich allein gestellt ist.

Das ist in weiten Teilen mühsam mitanzusehen. Die Kamera zeigt das Grau des Alltags in unspektakulären Einstellungen, die Handlung tritt auf der Stelle, manches wirkt geradezu unbeholfen. Durch diese kargen Mittel gewinnt der Film gegen Ende aber zunehmend an Kraft. Es wird immer unheimlicher, und es wird blutig.

So ergeben sich, trotz völlig unterschiedlicher filmischer Sprachen, einige bemerkenswerte Parallelen zu Jia Zhangkes A Touch Of Sin, der Mitte Januar in den deutschen Kinos angelaufen ist. Wird das Irrationale der chinesischen Realität von Jia Zhangke in irre, dabei auch lustvolle Genrezitate aufgelöst, die die Form auf fantastische Weise sprengen, erscheint bei Zhao Dayong alles dumpf, düster, drückend und ist in seiner Ausweglosigkeit teilweise nur schwer erträglich. Aber es ist eine Mühe, die sich lohnt.