Berlinale: Arbeit am Selbst

Nick Cave als Nick Cave mit Kylie Minogue auf der Rückback in 20.000 Days On Earth

Problemstellung: Entzauberung des Selbst bei gleichzeitiger Inszenierung des Selbst – wie geht das? Eine Frage, mit der sich im Rampenlicht des Kulturbetriebs stehende Figuren zwangsläufig auseinandersetzen müssen, erst recht, wenn sie einen Blick hinter die Kulissen, auf sie als »Person«, vielleicht gar als »Privatperson« erlauben wollen und dabei eine Filmkamera ins Spiel kommt. Die Berlinale präsentiert nun mit DMD KIU LIDT, 20.000 Days On Earth und L'enlèvement de Michel Houellebecq drei Lösungsansätze und zeigt, wie sich Nick Cave, Ja, Panik und Michel Houellebecq jeweils selbstinszenieren lassen.


DMD KIU LIDT
Österreich, Deutschland 2014
Regie: Georg Tiller

Mit Andreas Spechtl, Christiane Rösinger, Stefan Pabst, Hans Unstern u. a. 


Rockstar sein kann ganz schön langweilen. Auch Ja, Panik. Man verbringt viel Zeit in Kleinbussen, an Autobahntankstellen, beim Rumstehen in Proberäumen. Immerhin sieht man auch in Momenten absoluten Stillstands noch absolut spitze aus. Vor allem, wenn man dabei, formvollendet ausgeleuchtet, von einer Schwarz-weiß-Kamera beobachtet wird.

Ästhetik ist das Wichtigste in Georg Tillers Film DMD KIU LIDT. Seine Standbilder – immer wieder: Laubbäume im Wind, plötzlich: zwei küssende Männer, schließlich: ein trauriger Maskenball an Nicos Grab im Berliner Grunewald – zeigen mitunter sehr schön komponierte Grauabstufungen. Der Gestaltungswille ist in jeder Sekunde des 55-minütigen Films zu spüren, ob er sonst noch etwas will, bleibt allerdings etwas unklar.

Tillers Film ist nach dem Ja-Panik-Album aus dem Jahr 2011 benannt, die Aufnahmen sind hauptsächlich zu jener Zeit entstanden. Mit dem Vorwissen, dass hier eine Rockband in einer Phase des Umbruchs gezeigt wird, findet man eher Zugang zu Tillers hermetischen Bildern. Rätselhaft bleiben sie trotzdem, erklärt wird nichts, erzählt noch weniger. Irgendwann sieht man vier junge Männer an Instrumenten herumstehen, schweigsam, ratlos, zu hören ist nur das Brummen eines Verstärkers.

Tiller hat keinen Musikfilm gedreht, auch keine Doku. Er stilisiert seine Protagonisten zu Kunstpersonen – die sich wiederum selbst entzaubern, wenn sie irgendwann doch zu sprechen beginnen. Dialoge im herkömmlichen Sinn gibt es nicht, dafür ein wenig Rumgestammel: Tommy ist weg, so viel ist zu verstehen. 

Irgendetwas zerfällt hier, vieles fühlt sich nicht gut an. Man spürt Betroffenheit, mitunter auch Fremdscham. Es gelingt Tiller also unbedingt, eine Stimmung zu erzeugen, sie ist nur nicht besonders gut. Achtung, kein Spoiler: »TRAURIGKEIT« steht am Ende in Riesenversalien auf der Leinwand. Irgendwann vorher hat Christiane Rösinger einen Auftritt (am Steuer auf der Autobahn) und lässt zwei wunderbare Worte fallen: »Autofahrerwanderlieder« und »Vergeblichkeitspotenzial«. Letzteres ist ziemlich hoch in diesem Film.


20,000 DAYS ON EARTH
UK 2013
Regie: Iain Forsyth & Jane Pollard
Mit Nick Cave, Warren Ellis, Kylie Minogue u. a.

Selbst zu Hause in Brighton steht neben dem Bett von Nick Cave ein alter Reisewecker. Aha, irgendwie ist man als Musiker immer unterwegs. Und schnell versteht man auch: Nick Cave mag solide, wertige Objekte, ist vermutlich genial, aber sonst auch nur ein Bildungsbürger wie viele andere. Er trägt seine Armbanduhr links (Gold, wie die Klunker an seinem linken Ring- und kleinen Finger), seine Schreibmaschine ist mechanisch (Zweifingersystem), sein legendäres Schreibzimmer im Keller ist überaus geschmackssicher vollgestopft mit allerlei (Pop-)Kulturdevotionalien (Elvis!), er besitzt ein Auto (Jaguar, schwarz) und isst abends auch mal 'ne Bestellpizza mit den Kids vor dem TV. Ansonsten: tolle Hemden, gute Anzüge, Respekt einflößender Sockengeschmack und die geilsten Typen der Welt als Freunde.

Man kann behaupten, dass man Nick Cave in diesem Filmporträt anlässlich seines 20.000. Tags auf Erden ziemlich gut kennenlernt – abhängig natürlich von der persönlich bevorzugten emotionalen Tiefe von Bekanntschaften. Iain Forsyth und Jane Pollard, ein englisches Künstlerpaar, das vor allem für seine Re-Enactments etwa von David-Bowie-Konzerten oder Bruce-Naumann-Werken bekannt ist, inszeniert einen fiktiven Tag im Leben Nick Caves.

Nach den morgendlichen Schreibstunden im Keller begleitet man ihn zum Therapeuten. (Einstiegsfrage: Was ist Ihre erste Erinnerung an einen weiblichen Körper? Weiter: Wie steht's mit dem Vater?) Später hat er ein Termin in einem Archiv, das sich als sein eigenes herausstellt. Eine Handvoll Mitarbeiter präsentiert mit Schutzhandschuhen die wertvollen Materialien, die Caves Mutter geschickt hat: Fotos von Klein-Nick als Ministrant, Schulfotos, erste Bandfotos von The Boys Next Door.

Daneben lassen Forsyth und Pollard Cave viel selbst aus dem Off vortragen. Man lauscht kleinen Anekdoten, poetisch-philosophischen Überlegungen und Standard-Rock-Weisheiten, etwa über die Magie im Studio und die Verwandlung auf der Bühne. Die Stärke des Films ist, dass er diese Magie tatsächlich einfängt: Die Aufnahmen der Arbeiten am jüngsten Album Push The Sky Away sowie von einigen Konzertauftritten wirken überaus eindringlich. Es sind die Momente, in denen man dem Protagonisten wirklich nahe kommt.

Zwischendurch sieht man Cave immer wieder am Steuer seines Jaguars an der südenglischen Küste entlangkurven, mal hat er Beifahrer neben sich oder im Fond des Wagens (Kylie Minogue zum Beispiel oder Blixa Bargeld, der die Aura eines deutschen Politikers a. D. verbreitet und auch genauso spricht). Das alles ist wunderbar gefilmt, wirkt aber eher kurzatmig und entwickelt keinen rechten Spannungsbogen. Ausgerechnet Nick Cave, einer der größten Geschichtenerzähler des Rock'n'Roll, bekommt in seinem Film keine große Geschichte.

Die im Titel gemachte Versprechung – ein ganz besonderers Tag mit Nick – ist nur eine lose Formidee, eine Lüge, könnte man im Cave'schen Sinne behaupten. Denn eine der schönsten Weisheiten in diesem Film betrifft etwas, worüber man nur spricht, wenn es sonst so gar nichts zu sagen gibt: das Wetter. Cave hat jahrelange in beispielhaft ordentlicher Handschrift Tagebuch geführt, alltäglicher Ausgangspunkt dabei: das für einen Australier unaushaltbar schreckliche englische Wetter. Indem er darüber schrieb, bekam das Ärgernis etwas Fiktives, erklärt Cave den Mitarbeitern seines Archivs, etwas Irreales, es wurde zu einer Lüge. Und dadurch wurde es formbar. Außerdem sei schlechte Witterung zum Schreiben wesentlich interessanter und ergiebiger als gute, weswegen er sich freute, morgens festzustellen, dass wieder einmal Katzen und Hunde vom Himmel fielen. Seither könne er das Wetter durch seine Launen kontrollieren, sagt Cave trocken. Nur könne er seine Launen halt nicht kontrollieren. Und daher gibt es in diesem Porträt wohl so viel undramatischen Nieselregen und Sonnenschein.


L'ENLÈVEMENT DE MICHEL HOUELLEBECQ
Frankreich 2014
Regie: Guillaume Nicloux

Mit Michel Houellebecq, Mathieu Nicourt, Maxime Lefrançois, Françoise Lebrun u. a.

Lachender Dritter in diesem Bunde der Selbstdarsteller: Michel Houellebecq. Der französische Schriftsteller schlurft als desorientiertes, schlecht gekleidetes, generell unfähiges Häufchen Elend durch diesen Spielfilm von Guillaume Nicloux, er darf sein Anti-Öffentlichkeits-Image genüsslich öffentlich zelebrieren, bestätigt jedes Klischee, das man von ihm kennt (Sauferei, Nutten, Kette-Rauchen mit dieser ausgesucht komischen Handhaltung, Radikaldemokratie-Vorträge und so weiter). Kurz: Houellebecq brilliert in dieser Rolle als seine eigene Karikatur.

Das wäre an sich nicht schlecht, für 92 Minuten auf der Leinwand aber doch etwas dürftig. Da hilft eine Idee, die das Drehbuch noch nicht mal erfinden musste, sondern die in der Presse als Gerücht aufkam, als Houellebecq 2011 auf einer Lesereise plötzlich einige Tage lang verschwunden war: Skandalautor entführt! 

Regisseur Guillaume Nicloux nimmt die Steilvorlage wörtlich und verwandelt sie in einen Film voller Situationskomik, teilweise mit Slapstick erster Kajüte. Houellebecqs Entführer sind, wie man so sagt, einfache Gemüter. Sie halten ihn in einem Wohnhaus am Pariser Stadtrand fest, gehen nach Möglichkeit auf alle Wünsche ihres nörgeligen Opfers (eher möchte man sagen: ihres Gastes) ein und tauschen sich hauptsächlich bei Tisch über die jeweiligen Interessensgebiete aus.

So werden die Geheimnisse hinter Free-Fight-Moves und Bodybuilding-Posen gegen Literaturtheorien getauscht und überhaupt viel Blödsinn gefaselt und genuschelt. Wie und ob sich Dinge wie Lösegeld und Freilassung überhaupt noch klären, wird schnell egal, dafür ist das alles höchst unterhaltsam und funktioniert im Grunde wie ein langes, mit viel lustigem Rundherum bebildertes, äußerst gelungenes Interview – in dem freilich der Befragte die Hoheit über das Kommunizierte keine Sekunde aufgibt.

Im Hinblick auf die anfangs aufgeworfene Fragestellung steht also eindeutig fest: And the winner is … die Karikatur seiner selbst!