Berlinale 2016: Wieviel ist für mich drin?

Mit Hail, Caesar! wurden die 66. Internationalen Filmfestspiele Berlin eröffnet. Zuerst die schlechte Nachricht: Hail, Caesar! ist ein Film über das Filmbusiness. Die gute: Ethan und Joel Coen haben ihn gedreht.

Ein Film über Jesus Christus. Über Kommunismus. Über Religion und Kapitalismus. Ein Film, der unter der Hand von Alkoholismus, ungewollter Schwangerschaft, Untreue und verkappten Schwulitäten erzählt, vordergründig aber von Prüderie, Klatschpresse und der Trickserei, die nötig ist, um beides in Einklang zu bringen. In einem Wort: Hail, Caesar! ist ein Film über Hollywood. Weil ihn die Gebrüder Coen gedreht haben, geht es darin um nichts und zugleich – die Aufzählung hier oben ließe sich ewig fortsetzen – um alles. Nur der titelgebende Caesar kommt etwas zu kurz.

Alles beginnt im Beichtstuhl, mit Donnergrollen. Draußen peitscht zu nachtdunkler Morgenstunde Regen gegen die Fenster. Nach der Absolution setzt es als erste Amtshandlung eine Maulschelle. Von ganz oben legitimierte Patriarchengewalt sorgt hier für die – zumindest oberflächlich besehen – züchtige Ordnung der Dinge. Wir befinden uns im Hollywood der Fünfzigerjahre und begleiten den Backpfeifen genauso schnell wie Anweisungen verteilenden Studioboss Eddie Mannix (Josh Brolin) durch seinen streng getakteten Alltag der Traumproduktion.

In diesem Alltag kann es passieren, dass ein römischer Feldherr beziehungsweise sein von George Clooney dargestellter Darsteller Baird Whitlock plötzlich vom Set eines Jesus-Christus-Films verschwindet, der, schlüssiger Studiologik folgend, den Titel Hail, Caesar! trägt. Es stellt sich heraus, dass Whitlock von einer Gruppe kommunistischer Drehbuchschreiber entführt wurde – heil, Dalton Trumbo! –, die Herbert Marcuse zu ihrem Guru gekürt haben, Hollywood mit kleinen propagandistischen Story-Wendungen unterfüttern, in erster Linie aber ein größeres Stück vom Kuchen des Big Business haben wollen. Wenn die großen Bosse nicht mit fetteren Honoraren rausrücken, wird ein Teil vom erwirtschafteten Mehrwert eben via Lösegeld eingefordert.

Baird Whitlock lässt sich, bei Drinks, Schnittchen und Zigarren in einem Luxusanwesen an der kalifornischen Küste festgehalten, schnell von der Gesetzmäßigkeit von Das Kapital (»with a capital K!«) überzeugen und stellt, sobald er von seiner Hauptrolle in dem Erpressungsspielchen erfährt, die klug daraus abgeleitete Frage: »Wieviel ist denn für mich drin?«

Die Coens tun so, als wollten sie die Selbstreferenzialität ihres Films hinter filmischem Anspielungsreichtum verstecken.

Diese zentrale Story-Line dient dabei – man erwartet es von einer Coen-Komödie gar nicht anders – nur als Aufhänger für eine Menge schrulligen Zierrats rund um ein Ensemble ausgesucht schrulliger Charaktere. Die Coens tun so, als wollten sie die Selbstreferenzialität ihres Films hinter filmischem Anspielungsreichtum verstecken. Hail, Caesar! zelebriert immer wieder neu (im Vorführraum, im Schnittraum, beim Dreh im Studio, beim Dreh in der Wüste, auf der Kinoleinwand) in Szene gesetzte Old-Hollywood-Szenarios. Die Stilisierheit der aufwendig neu inszenierten alten Bilder färbt dabei auch auf das nicht-Film-im-Film-verschachtelte Geschehen ab. Alles ist überkandidelt, ironisch, allzeit nostalgisch. Und zwar so sehr, dass das die überkandidelte, ironische Nostalgie immer auch in Frage stellt.

Der Film führt all seine Figuren gleichermaßen vor, verdammt die meisten zu Statisten in einem großen Marionettentheater Coen’scher Filmproduktionsroutinen und liebt und knuddelt doch alle herzlichst: Channing Tatum beim Matrosenstepptanzballett, Tilda Swinton in einer Zwillingsrolle als doppeltes Klatsch- und Kulturreporter-Lottchen, Scarlett Johansson als Falschlächlerin vom Dienst, bei der die Kamera den Blick ins Dekolleté zwanghaft überreizt, Jonah Hill in einem 30-Sekunden-Auftritt als juristisches Faktotum, das sich mit Haut und Haar und vertraglicher Regelung Hollywood verschrieben hat.

Durch all das spricht eine über weite Strecken altväterliche Sehnsucht nach der Unschuld eines Kapitalismus, der im Verbrauch des eingesetzten Menschenmaterials hübsch übersichtlichen Kategorien folgte. Die Coens haben sowas schon besser, bissiger, absurder, sinnbefreiter und zugleich bedeutungsvoller hinkriegt. Die schwarzhumorige Alternative, vor die die Regisseure sich selbst und die gesamte Filmwelt stellen, wird Studioboss Mannix in Form eines Jobangebots ganz bildlich unter die Nase gehalten: Hollywoodzirkus oder Wasserstoffbombe? Massenverblendung oder Massenvernichtung? Die Entscheidung fällt Mannix nicht leicht. Aber wenn die Zweifel zu groß werden, hilft immer noch ein Besuch im Beichtstuhl. Oder eine gesunde Maulschelle.

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