Musikfilm zur Zeit

marley
Still – Marley (Regie: Kevin MacDonald) 17.05.2012

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So rar Musikfilme in diesem Jahr auch auf der Berlinale gesät waren, so erhellend ist es, ihren jeweiligen Konzepten im Vergleich auf den Grund zu gehen. Der schottische Regisseur Kevin Macdonald etwa hat nach seinem lediglich 99minütigen, collagenhaften Menschheitsportrait Life in a Day mit Marley nun einen mit 144 Minuten Laufzeit recht proper geratenen Film einem einzigen Menschen gewidmet: Bob Marley. Nicht zuletzt Dank Macdonalds Executive-Producers (Marleys Sohn Ziggy und Marleys einstiger Labelchef Chris Blackwell) ist diesem Werk zweierlei eingeschrieben: Aufgrund seinem erleichterten Zugang zu Interviewpartnern und Archivmaterial haben wir es hier einerseits mit dem definitiven Film über den ikonischisten aller Reggaestars zu tun, andererseits drängt sich der Verdacht auf, Macdonald habe als embedded filmmaker vor allem ein probates Promotiontool angefertigt, das Marley auch für eine neue Generation potentieller Musikkäufer zum Thema machen soll. Gegen letztere These und für den Regisseur spräche da die eher überraschungsarme, konventionelle, wenig hippe Inszenierung. Allerdings leidet die Mischung aus auffallend wenigen historischen Gesprächen mit Marley und vielen aktuellen Interviews mit Zeitzeugen daran, dass sie die Musik überfrachten. So gerne man Marleys Mutter in Erinnerungen schwelgen sieht, Lee Scratch Perry beim Exzentrischsein zuschaut und in einem fast surrealen Moment plötzlich die bayerischen Lobgesänge einer mittlerweile greisen Krankenschwester hört, die den unheilbar an Krebs erkrankten Mittdreißiger am Ende in einer Privatklinik betreute: mehr Einblicke in die Musik, auch in den Umbruch, den die Trennung von seiner Band The Wailers bedeutete, kurz: mehr Bob Marley hätte Marley gut getan.

   So ziemlich das Gegenteil gilt für Brötzmann – Da gehört die Welt mal mir. Da wäre weniger Caspar Brötzmann wohl mehr gewesen. Zugegeben ist es dem Filmgenuss schonmal abträglich, wenn man den Progressive-Rock seines Trios Caspar Brötzmann Massaker eher für ein aufgemotztes gescheitertes Dosenbier-Drone-Experiment hält. Aber wie Uli M. Schueppel an Brötzmanns Brett und Lippen hängt, wie er ihn nicht nur beim Reunuion-Konzert seiner Band 2010 in den Berghain sondern, tatsächlich auch in leibhaftige Haine und Gehölze folgt, wie er ihn in »seinem Garten« am Lagerfeuer aus selbst gehauenen Scheiten beim mystizieren und musizieren zuschaut, das gehört zum verfilmten Fantum der schwer erträglichen semiesoterischen Sorte – es sei denn, diese lustige Szene, in der Bötzmann seine Gitarre wie eine Axt geschultert durch den Wald trägt, war genauso lustig gemeint. Dann müsste man Schueppels Film, wie auch Brötzmanns Musik eventuell nochmal unter einer völlig anderen Lupe betrachten…

   Es klingt sodann wie billigste Rhetorik, ausgerechnet Ornette: Made in America zum besten Musikfilm der Berlinale zu erklären: Er wurde bereits 1985 gedreht, steht nun in seiner restaurierten Fassung zur Wiederentdeckung bereit und hat vor allem mit der Tänzerin und The Connection-Regisseurin Shirley Clarke und Ornette Coleman zwei außergewöhnliche Künstler vor und hinter der Kamera zu bieten. Aber der Film trägt tatsächlich eine erkennbare Handschrift, die sich nicht allein in den Dienst seines Objektes stellt, sondern an einer eigenständigen Vision arbeitet. Man kann darüber streiten, ob Ornette Colemans Symphonie mit dem so furchtbar klischeehaften Titel Skies of America rein musikalisch wirklich die Aufmerksamkeit verdient, mit der sich Clarke hier ihrer Uraufführung in Colemans Heimatstadt Fort Worth widmet. Aber sie macht aus diesem Ereignis mit genauem dokumentarischem Blick auf die Stadt und seine Bürger, ergänzt durch entspannt inszenierte Szenen, die auf Colemans Kindheit verlinken, ein unterhaltsames Stück Musik-, Kultur- und Sozialgeschichte. Aus der Berlinale 2012 könnte man also durchaus schließen, dass kaum ein Genre den Autorenfilmer zur Zeit nötiger hat, als der Musikfilm.

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