Berlinale 2008: ›Wild Combination: A Portrait of Arthur Russell‹, ›Sleep Dealer‹ und ›Nirvana‹

Noch drei Tage, dann endet die diesjährige Berlinale schon wieder. Alexis Waltz hat für den fünften Teil des SPEX-Berlinale-Tagebuchs den letzten Musikfilm der Festspiele angesehen: Regisseur Matt Wolf portraitiert in »Wild Combination« den 1992 gestorbenen Experimental- und Disco-Pionier Arthur Russell. Alex Riveras »Sleep Dealer« dreht sich um eine Zukunftsvision des Kapitalismus und neue Formen der Gastarbeit, Igor Voloshin erzählt in »Nirvana« ein Undergroundmärchen zwischen Neo-Gothic und Zarenzeit.

Wild Combination Arthur Russell
»Wild Combination«: Nur wenige Interviews gab der Musiker und Künstler Arthur Russell, Videoaufnahmen sind noch rarer. Ein Problem auch für »Wild Combination«.

Musikerdokumentationen gehen oft in der Fülle des vorhandenen Archivmaterials verloren – oder sie versäumen es, so etwas wie eine These zum betrachteten Künstler zu entwickeln. »Wild Combination«, Matt Wolfs Film über Arthur Russell, fehlt es ebenso an Material wie an einer These. Diese Defizite liegen natürlich nicht am dargestellten Künstler: Arthur Russell ist einer der spannendsten New Yorker Musiker der achtziger Jahre, der früh einen sehr persönlichen Sound zwischen Avantgardemusik, Folk und Disco entwickelte. Zwar hat Russell mit diversen Musikern der New Yorker Szene zusammen gearbeitet und war Teil einer ganzen Reihe von Projekten. Trotzdem existieren wenige Filmaufnahmen, es gibt kaum Interviews und schriftliche Zeugnisse. Jenseits New Yorks wurde er erst nach seinem Tod 1992 bekannt, so dass es kaum etwas über die zeitgenössische Rezeption zu sagen gibt. Vor einer Erforschung von Russells Musik jenseits musikjournalistischer Gemeinplätze und Zeitzeugen-Kommentaren kapituliert Wolf.


VIDEO: Wild Combination: A Portrait of Arthur Russell (Trailer)
    Der Film hält sich an die biographischen Fakten, die Eltern kommen neben seinem langjährigen Boyfriend Tom Lee am häufigsten zu Wort. Arthur verbrachte eine harmonische Kindheit in einem mittelständischen Milieu Iowas. Als der Vater Marihuana im Nachttisch des Jugendlichen entdeckte und ihn schlug, verließ der sein Elternhaus. Er verbrachte zwei Jahre bei einem Guru in San Fransisco, er meditierte und verfeinerte dort sein Cellospiel. Er zog nach New York und lebte in einem Künstlerhaus, deren Bewohner auf experimentelle Musik und Videokunst spezialisiert war; dort freundete er sich mit Allen Ginsberg an. Der Film zeigt verschwommene Videobilder von Happenings – wobei oft nicht klar ist, ob Russell etwas mit der Entstehung des gezeigten zu tun hatte, oder ob es sich um freie Illustrationen der Biographie handelt. Russell erlebte die Explosion von Disco und fasste den Plan eine populäre Musik zu entwickeln, die Avantgardetechniken in sich aufnahm. Er gründete das Label Sleeping Bag, produzierte mit verschiedenen Projekten einige nicht besonders erfolgreiche Discoplatten und sollte Musik zu einer Medea-Inszenierung von Robert Wilson machen. Russell, so legt der Film nahe, hatte große psychologische Probleme Aufträge fristgerecht fertig zu stellen und öffentlich aufzutreten. Deshalb arbeitete er später hauptsächlich allein in der Wohnung, die er mit seinem Freund Tom bewohnte. Frühere Kooperationspartner und Mitmusiker geben lobende Floskeln von sich; oft spürt man, dass die Begegnungen mit Russell eher punktuell waren. Der beste Freund Ginsberg kommt nur in Form einer öffentlich gehaltenen Rede zu Wort. Die meisten Aussagen stammen aus Russells privatem Umfeld, was ihn als Künstler relativiert. Die Eltern berichten von der Liebe für den Sohn, von seiner Introvertiertheit, von der Bedeutung der Musik in seinem Leben. Es tauchen viele Statements auf, die im Privaten eine innige Liebesbekundung darstellen, aber in einem Dokumentarfilm pauschal wirken. Der Film beutet oft allein die emotionale Intensität der Aussagen aus, etwa die Trauer des Vaters über den frühen Tod des Sohnes.

    Über Russells Musik ist in »Wild Combination« wenig zu erfahren. Grob wird benannt, was die Bezugspunkte waren: dass er den Loft besuchte oder Kompositionen von John Cage spielte. Was ihn aber genau daran faszinierte und wie er diese Einflüsse zu einer eigenen Musik verarbeitete, darüber mutmaßt der Film nicht einmal. Auch sein massiver, postumer Erfolg bleibt weitgehend umkommentiert. In »Wild Combination« erscheint Russell als genialer Freak, der für seine Umwelt meistens unbegreiflich war. Zum Schluss erklärt die Mutter, dass er bestimmt berühmt geworden wäre, wenn er länger gelebt hätte. »Entweder das, oder er hätte weitere fünftausend Tonbänder aufgenommen«, erklärt der Vater.

»Wild Combination: A Portrait of Arthur Russell«, Regie: Matt Wolf, USA, 2008, 70 Min.

»Wild Combination: A Portrait of Arthur Russell« im Rahmen der Berlinale:
15.02. Cubix 7 (15:30 Uhr)

Sleep Dealer
»Sleep Dealer«: Die Schnittstelle Mensch-Computer, von David Cronenburg übernommen.
Der spanisch-mexikanische Cyberpunk-Film »Sleep Dealer« will die US-zentrierte Perspektive des Hollywood-Kinos zurechtrücken, und obwohl seine Zukunftsvisionen originell sind, stellen die Schwächen des Films die Stärken des Kinos heraus, das er anzugreifen versucht. In der Zukunft haben die internationalen Konzerne des Nordens absolute Kontrolle über die Ressourcen des Südens erlangt. Wasser ist ein wesentlich knapperes Gut als heute, die letzten Flüsse werden aufgestaut, die Stauseen sind militärisch geschützt. Die Wasserterroristen kämpfen für die Zerstörung der Staudämme,  gegen sie wird von den USA mit ferngesteuerten Waffensystemen Krieg geführt. Von Außen erscheinen die USA als Nicht-Ort, der nur in Form von Fernsehbildern existiert.

    Fernando Peña (Memo Cruz Luis) lebt mit seiner Familie in der Nähe eines solches Staudamms, als Bauer muss er für einige Liter Wasser zweistellige Dollarbeträge bezahlen. Weil er Satellitentelefonate abhört, wird die Terrorabwehr auf ihn aufmerksam, eine ferngesteuerte Drohne tötet seinen Vater. Er verlässt das Dorf um in den USA zu arbeiten. Dazu muss er das Land aber nicht betreten: das menschliche Nervensystem wird über das Netz mit Robotern in den USA verbunden, die von Mexiko aus gesteuert werden. Obwohl die visuellen Effekte nie überraschen, könnte der Film als kritischer Thesen- und Ideenfilm funktionieren. Aber die Ausgangssituation ist schnell darstellt, danach wird kaum noch etwas erweitert, verkompliziert oder ironisiert: Der einzige gelungene Zukunftswitz des Films ist, dass die alten Leute zum futuristischen R&B Timbalands wippen, während den Jungen diese Musik irrsinnig altmodisch vorkommt. Für die Konstruktion einer politischen Dystopie orientiert sich Regisseur Alex Rivera an Paul Verhoevens »Total Recall« und »Starship Troopers«, besonders die zynischen Film-im-Film-Sequenzen aus dem letzten Streifen werden direkt zitiert.

    Die Inszenierung des Themas ›Schnittstelle Mensch-Computer‹ wurde aus David Cronenbergs »eXistenZ« übernommen, statt einem Stecker werden im Körper mehrere Drähte implementiert. Der sexuelle Subtext ist nicht wie bei Cronenberg ein analer, sondern geht ins polymorph-perverse. Diese Features der Zukunft werden umständlich und langwierig eingeführt, weitgehend ohne ihre sozialen Implikationen zu erforschen. Der ewige Hundeblick von Fernando ist eine Folter: Statt als prägnantes Charaktergesicht mit der reduzierten Mimik eines B-Schauspielers zu funktionieren, wirkt es wie der erstarrte Gesichtsausdruck eines Charakterdarstellers. Dramaturgisch scheitert der Film vollständig. Die Liebesgeschichte, die weitere Strecken des Films tragen soll, bleibt völlig spannungslos – und der Cybersex ist artiges Gekuschel.

»Sleep Dealer«, Regie: Alex Rivera, USA, Mexiko, 2008, 90 Min
mit Luis Fernando Peña, Leonor Varela, Jacob Vargas, Tenoch Huerta, u.a.

»Sleep Dealer« im Rahmen der Berlinale:
16.02. Cubix 9 14:30 Uhr

Nirvana
»Nirvana«: unzwingende Geschichte, existenzialistische Grundstimmung. New-New-Romantics in St. Petersburg.

Der russische Film »Nirvana« ist ein phantastisches Undergroundmärchen, das in einem romantisch verfallenen St. Petersburg der Zukunft spielt. Es ist ein Location- und Kostümfilm, bei dem die episodische Handlung als Vehikel dient, um die Schauspieler durch pittoresk verrottete Orte spazieren zu lassen und sie in zahllose New-New-Romantics Kostüme zu stecken.

    Die Krankenpflegerin Alisa (Olga Sutulova) zieht von Moskau nach St. Petersburg und mietet sich in einer verwahrlosten Wohnung ein, dort begegnet ihr der Junkie-Punk Krolik (Artur Smolyaninov). Aus Eifersucht will dessen Freundin Vehl (Marya Shalaeva) Alisa verprügeln lassen. Alisa rächt sich, indem sie Vehl bei der Polizei denunziert. Trotzdem freunden sich die Mädchen an, und versuchen Kroliks Schulden beim Dealer Boll (Andrey Khabarov) zu begleichen, der in seinem Empfangszimmer das Wrack eines amerikanischen Straßenkreuzers ausstellt, in dem er verbrannt werden sollte. Krolik verlässt St. Petersburg, um nicht weiter von Boll traktiert zu werden, der eigentlich Vehls Verehrer ist. Vehl kommt ins Krankenhaus, und Alisa weiß: ihre Zeit in St. Petersburg ist um.

   Diese unzwingende Geschichte ist dem Film selbst ziemlich egal, sie soll eher eine existenzialistische Grundstimmung verbreiten. Tatsächlich geht es um die Präsentation der Outfits und der Locations. Jede Einstellung zeigt die beiden Frauen in neuen Kostümen, die zwischen Neo-Gothic und freier Phantasie liegen: enge, kompliziert geschnittene, lange Kleider in grellen Farben mit abgefahrenen Accessoires. Die Make-Up-Stile sind frei erfunden, gerne werden unabhängige graphische Elemente irgendwo ins Gesicht gemalt, etwa eine Reihe schwarzer Kreise auf den Wangen. Es ist wesentlich für »Nirvana«, dass die Outfits Szene für Szene wechseln und somit Raum und Zeit zerfallen. Ebenso aufwendig sind die Drehorte gewählt: stimmungsvoll verfallene und verrottete Interieurs wechseln sich mit Fassaden und Straßenzügen aus der Zarenzeit ab. All das lässt den Film extrem konstruiert wirken. So spannend es ist, die Konsistenz des diegetischen Raums durch die ständig wechselnde Ausstattung auszuhebeln, ist der gewählte Stil doch eher uninteressant.


»Nirvana«, Regie: Igor Voloshin,  Russische Föderation, 2008, 89 Min
mit Olga Sutulova, Maria Shalaeva, Artur Smolyaninov, Mikhail Evlanov, u.a.

»Nirvana« im Rahmen der Berlinale:
17.02. Collosseum 1 (20:00 Uhr)

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