Berlinale 2008: ›There Will Be Blood‹, ›Leo‹ und ›Transsiberian‹

Ein Ölbaron, ein rachsüchtiger Mann und ein erlebnisfreudiges Pärchen auf großer Reise. Im zweiten Teil unseres Berlinale-Tagebuchs berichtet Alexis Waltz von Paul Thomas Andersons preisverdächtigen Film »There Will Be Blood«, Josef Fares Auseinandersetzung mit dem Thema Schuld und Rache in »Leo«, sowie über Brad Andersons Thriller »Transsiberian«.

There Will Be Blood
»There Will Be Blood«: Paul Dano, Daniel Day-Lewis (rechts)

»There Will Be Blood« von Paul Thomas Anderson gehört zu den Favoriten der kommenden Oscarverleihung, der Film führte diverse Kritikercharts des vergangenen Jahres an. Über zweieinhalb Stunden werden Episoden aus dem Leben des Ölbaron Daniel Plainview (Daniel Day-Lewis) dargestellt, die im späten 19. Jahrhundert beginnen und sich bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts erstrecken. Dass wirtschaftlicher Erfolg im Westen der USA in dieser Zeit nur mit familiären Bindungen möglich war, ist Kern-Thema des Films. Daniel ist Einzelgänger, aus reinem Kalkül adoptiert er einen Jungen. Der Kontakt zu dem Kind motiviert ihn aber doch zum Erfolg: nachdem er den Jungen verstößt, versiegt seine Energie. Er ist nicht bloß ein skrupelloser Geschäftemacher, er hasst die Landbesitzer, deren ölhaltiges Land er für kleine Beträge aufkauft. Der Film überschreitet in vielerlei Hinsicht das, was heute in Hollywoodfilmen möglich scheint: Die Bilder sind düster, die Musik ist beklemmend, der Held ist abstoßend und hat eine undurchschaubare Psychologie.


VIDEO: There Will Be Blood (Trailer)
    So souverän »There Will Be Blood« entwickelt ist, so ist es doch ein eklektisches Werk: äußerst unmittelbar übernimmt Anderson Elemente aus Kunstfilm-Klassikern. Wie Steven Sonderbergh gehört Anderson zu den Hollywood-Regisseuren, die Kunstfilm-Techniken für den Mainstream adaptieren. Anderson ist geschickt darin, die Struktur von Filmen von Regisseuren wie Max Ophüls oder Martin Scorsese mit vergleichsweise gefälligen Figuren und Inhalten aufzufüllen: Wie sich »Boogie Nights« an Scorseses »Good Fellas« orientierte und »Magnolia« an Robert Altmans »Short Cuts«, hat sich Anderson für »There Will Be Blood« keinen geringeren Bezugspunkt als Orson Welles »Citizen Kane« ausgesucht: beide Filme handeln von Magnaten der US-amerikanischen Wirtschaftsgeschichte, die trotz ihres extremen beruflichen Erfolgs keine persönlichen Bindungen eingehen können und an ihrem Privatleben zerbrechen. Der erste Teil, in dem Daniel zunächst Goldgräber ist, orientiert sich an modernen Western, besonders an Clint Eastwoods »Unforgiven«. Dessen Darstellung der Archaik des Westens bezieht Anderson sehr konsequent und präzise auf das Öl-Thema. Der Konflikt zwischen dem ›oil-man‹ und den religiösen Bauern ist eine ungewöhnliche Wendung des Konflikts zwischen Viehzüchtern und Farmern, der im klassischen Western hundertfach vorkommt.


»There Will Be Blood«, Regie: Paul Thomas Anderson, USA, 2007, 158 Min.
mit Daniel Day-Lewis, Paul Dano, Kevin J.O'Connor, Ciarán Hinds, u.a.

Leo
»Leo«: Shahab Salehi, Josef Fares (rechts)
Die Rache ist eines der großen Themen des klassischen und des modernen Kinos, exponierte Beispiele sind John Fords »The Searchers« und François Truffauts »La Mariée était en noir«. »Leo« von Josef Fares könnte das Thema als rohes, beklemmendes B-Movies aufnehmen – dazu fehlt dem Film aber die Spannung in den Dialogen und die Verwurzelung in der Realität. Der Film beginnt an Leos (Leonard Terfelt) dreißigsten Geburtstag, der junge Mann macht einen unbeleckten aber nicht unsympathischen Eindruck. Auf dem Nachhauseweg werden er und seine Freundin Amanda (Sara Edberg) von zwei Unterweltgestalten angegriffen, sie stirbt wenig später im Krankenhaus. Leo ist unfähig zu trauern, er verfällt in eine Beklemmung und kommt den Aufgaben des Alltags nur noch wie einem Automaten nach. Seine Mutter (Eva Fritjofson) und die beiden Freunde Josef (Josef Fares) und Shahab (Shahab Salehi) machen sich Sorgen, sie gehen mit ihm Bowlen und schlagen eine Reise in den Vietnam vor. Der Zuschauer begreift: in dem beschaulichen, kleinbürgerlichen Milieu gibt es keinen emotionalen Prozess, der eine Antwort auf die Tat sein könnte.


VIDEO: Leo (Trailer)
    In der Auseinandersetzung mit einem Psychologen wird Leo klar: er will Rache, er will die Mörder töten. Er denke gar nicht mehr an Amanda, erklärt er, sondern nur noch an die beiden Männer. Seine Freunde sind erst empört, machen dann aber doch mit. Psychologisch bleibt der Film unbefriedigend: man versteht weder wie es zu der Reaktion kommt, noch warum sich die Freunde darauf einlassen. Obwohl die Dialoge im Vordergrund stehen, wird kein Denkprozess vermittelt. Ebenso wenig entwickelt sich eine Intelligenz des Killers oder Jägers wie in einem Film wie »Taxi Driver«:  Leo, Josef und Shahab stellen sich so dumm an, dass sie von Amandas Mördern abgeschlachtet werden.

    »Leo« könnte ein unbehaglicher, erbarmungsloser B-Movie-Gegenentwurf zu Taratinos Verarbeitung des Rachethemas zur Cineastenmetaphysik in »Kill Bill« und »Death Proof« sein. So packend die physische Präsenz von Leo und seinen Freunden ist, bleibt der Film doch ein Portrait von Menschen, die mit der Welt nur über ihre Freunde, Jobs und Hobbys verbunden sind – auch in einer Extremsituation sind sie nicht fähig über sich hinaus zu wachsen.

»Leo«, Regie: Josef Fares, Schweden, 2007, 78 Min,
mit Leonard Terfelt, Josef Fares, Shahab Salehi, Sara Edberg

»Leo« im Rahmen der Berlinale:
12.02. Colosseum 1 (20:00 Uhr)

Leo
»Transsiberian«: Thomas Kretschmann, Ben Kingsley (rechts)
Roy (Woody Harrelson) und Jessie (Emily Mortimer) sind ein gegensätzliches Paar: er ein bodenständiger, christlicher, jovialer Baumarktbesitzer, sie eine frühere Rumstreunerin, die mit der Ehe eine neue Lebensphase einleiten wollte. Nachdem die beiden in China für obdachlose Kinder gesorgt haben, soll das Abenteuer der transsibirischen Eisenbahn die erstarrte Ehe in Fahrt bringen. Aber der Zuschauer weiß: Die Naivität, mit der das amerikanische Paar die transsibirische Eisenbahn als Bühne für ihre ehebelebenden Turteleien benutzt, wird nicht ungestraft bleiben. Harrelson ist das Intensitätszentrum des Films, wie er in Roy eine Spannung zwischen dessen selbstgefälliger Dumpfbackigkeit und einer echten Menschenfreundlichkeit erzeugt, ist virtuos. Die transsibirische Eisenbahn hat Kulissencharakter, sie bleibt ein fremdartiger, bizarrer, unheimlicher Schauplatz.

    Unsubtil konstruiert Anderson Gesprächssituationen, um die Gefährlichkeit der Situation klar zu machen: für einen falsch buchstabierten Namen schneidet die russische Polizei einem Reisenden einen Zeh ab. Roy und Jessie lernen ein zweites Paar kennen: die junge Abby (Kate Mara) aus Seattle mit kajalschwarzen Augen und den abgründigen Spanier Carlos (Eduardo Noriega), die sofort in das humanistische Weltbild von Roy eingeschrieben werden. Natürlich haben Abby und Carlos aber etwas mit Roy und Jessie vor, sie sollen als Drogenkuriere eingesetzt werden. Zum Höhepunkt des Films hin realisiert Jessie blitzartig, dass Carlos kein verführerischer Latin Lover ist, sondern ein zu allem bereiter Gewalttäter. Es beginnt der beste, Hitchcockartige Teil des Films, in dem sich das potentielle Opfer in den Täter verwandelt, und sich somit in eine ausweglose Zwickmühle zwischen Roy und der Polizei begibt. Die strenge, packende Form des Thrillers wird im letzten Teil des Films von Aktionszenen mit Zugentführung und Folter in einer alten, sowjetischen Militärbasis ausgehebelt. »Transsiberian« wurde in Spanien, Deutschland, Großbritannien und Litauen produziert, tatsächlich wirkt der Film wie ein Potpourri, in das zuviel hereingerührt wurde, um den angestrebten Qualitätsthriller zu produzieren.

»Transsiberian«, Regie: Brad Anderson, Spanien, Deutschland, Großbritannien, Litauen, Spain, 2008, 111 Min.
mit Woody Harrelson, Ben Kingsley, Emily Mortimer, Thomas Kretschmann, u.a.

»Transsiberian« im Rahmen der Berlinale:
12.02. Cubix 7 & 8 Interlocked (22:30 Uhr) /// 15.02. Colosseum 1 (22:30 Uhr)

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