Berlinale 2008: ›Shine a Light‹, ›Coupable / Guilty‹ & ›The Exiles‹

Die Rolling Stones schlenderten mit Martin Scorsese über den roten Teppich, ihr gemeinsamer Film »Shine a Light« eröffnete die Berlinale 2008. Im Panorama läuft Laetitia Massons neuer Film »Coupable / Guilty«, einer der ersten Höhepunkte im Forumsprogramm ist der wieder entdeckte »The Exiles« von 1961. Alexis Waltz stellt die ersten Berlinale-Höhepunkte vor.

Shine A Light In den neunziger Jahren begann Martin Scorsese seine Herzensangelegenheiten und Steckenpferde filmisch aufzuarbeiten: in »Kundun« ging es um Tibet, »The Aviator« handelte vom Hollywood-Tycoon Howard Hughes, »No Direction Home« von Bob Dylan und »Feels Like Going Home« vom Blues. Während diese Filme oft unter Materialoverkill litten, ist ihn mit dem neuen »Shine a Light« über zwei Konzerte der Rolling Stones aus dem New Yorker Beacon Theatre vom Herbst 2006 sein klarster und einfachster Film seit Jahren gelungen.

    »Shine A Light« beginnt mit Scorseses eigenen Vorbereitungen und knüpft an die Selbstironisierung seines Freixenet-Netzfilms »Key to Reserva« an: Scorsese erscheint selbst und scherzt darüber, dass sich die Band und der Regisseur immer wieder verpasst haben, als die Setlist und der Bühnenaufbau besprochen werden sollten. Diese Missverständnisse sind wie eine Komödie – aus der frühen Tonfilmzeit etwa mit Bob Hope – inszeniert. Im Jet denkt Jagger darüber nach, welche Songs in dem kleinen Theater funktionieren, Scorsese fragt sich derweil in dem Theater, wo die zahllosen Kameras positioniert werden könnten. Beide erscheinen als Profis des Unterhaltungsgeschäfts, die ebenso engagiert wie illusionslos ihre Kunst produzieren.

    Während Scorseses Dylan-Film formal eher weniger interessant war, und Standards des Dokumentarfilms aufrief, entwickelt »Shine a Light« einen spezifischen Blick auf die Band und eine spezielle Form des Konzertfilms. Und während Scorsese Dylan gegenüber distanziert blieb, halten seine Kameras gebannt auf Jaggers Stage-Persona: Er inszeniert ihn wie den Helden eines Spielfilms. Der Rest der Band sowie das Publikum erscheinen nur am Rande. Ohne Jagger als energetisches Zentrum wäre die Band unvorstellbar: Keith Richards zeigt Momente, in denen er mit sich kämpft; in anderen wirkt er verloren. Charlie Watts sieht man die Erschöpfung deutlich an, Ron Wood hat wiederum etwas hilfloses, kindliches an sich. Ihr schlammig-schwammiger Bluesrock ist die Begleitung für den alterslosen Dämon Jagger, der keinen Moment des Verharrens kennt. Obwohl immer wieder die typischen Gesten auftauchen – das seitwärtsgewandte Trippeln, das Hochreißen der Schultern, die angewinkelten Arme, die überdeutliche Mimik – scheint es kaum Wiederholungen zu geben. Scorsese zeigt Jagger meist allein, aus untypischen Blickwickeln, etwa diagonal von der Seite oder sogar schräg von hinten. Reicher und präziser könnte Jaggers Körperkunst nicht dokumentiert werden. Das wabernde Spiel der Band federt die manische Performance Jaggers ab, und passt es dem gediegenen Rahmen des durch Bill Clinton eingeleiteten Benefizkonzerts an.

    Das Konzert wirkt so normal und selbstverständlich, dass kurze Interviewsequenzen aus der gesamten Bandgeschichte hereingeschnitten werden können ohne den Fluss zu stören: die nie enden wollende Karriere der Band nimmt als Running Gag den scherzenden Gestus des Filmbeginns auf. Es ist ein Film über Jagger: Scorsese zeigt nicht, ob in dem rauchfreien Jahrhundertwende-Theater etwas wie Atmosphäre entsteht. Vom Publikum ist kaum etwas zu hören: der Sound hat die Glätte einer Studioaufnahme. Genauso wie die Rolling Stones den Blues zitieren, zitiert diese Show das Format des Rockkonzerts – eine körperlichere Version vom Corporate Rock ist trotzdem nicht vorstellbar, sie ist so vollendet, dass sie weder Publikum noch Mitspieler braucht.

»Shine A Light«, Regie: Martin Scorsese, USA, 2008, 122 Min.
mit Martin Scorsese, Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts, Ron Wood, Albert Maysles, Ellen Kuras, Robert Elswit, u.a.

Coupable Laetitia Massons »Coupable / Guilty« ist ein Enthüllungsfilm, der sich über die Zuschauer erhebt, der meint etwas besser zu wissen als sie. Der Film unterstellt dem Zuschauer eine naive, unreflektierte Romantik. Er reißt uns aus dieser Traumwelt, um uns mit der schockierenden Wahrheit über Liebe und Beziehungen zu konfrontieren: wo wir im Partner bzw. der Partnerin einen Seelenverwandten sehen, lauern unerfüllte Erwartungen, gegenseitige Verkennungen und unauflösbare Projektionen. In seinem Verlauf ändert der Film sein Erzählformat: Er beginnt diskursiv-dokumentarisch und verwandelt sich in ein Morddrama. Zunächst zitiert der Philosoph Michel Onfray den Psychoanalytiker Jacques Lacan: das Begehren sei eine Leerstelle, die besetzt werden will. Dabei blicken wir auf die leere Fläche eines Sees, was eine ebenso blöde wie sinnlose Metapher ist. In Interviewsituationen berichten Frauen und Männer über die Widersprüche ihrer Liebesgeschichten.

    Dann beginnt ein Morddrama, der Manager Paul Kaplan (Marc Barbé) wurde erstochen. Verdächtigt wird die schweigsame Köchin Marguerite (Hélène Fillières) und die elegante Gattin Blanche (Anne Consigny), die in einer fluffigen Traumwelt aus Tranquilizern, Religiosität und Nettigkeiten lebt. Durch den Mord verschiebt sich das Begehren der Figuren: Blanches Anwalt Lucien Lambert (Jérémie Rénier) ist von der spröden, distanzierten Marguerite angezogen, die, wie sich herausstellt, mit Paul eine sadomasochistische Sexbeziehung hatte. In den besten Szenen des Films treffen sich Lucien und Marguerite einem prunkvollen wie leblosen großbürgerlichen Haus. Der ermittelnde Polizist Louis Berger (Denis Podalydès) ist so fasziniert von diesen Rendezvous, die er beobachtet, so dass er das Interesse an seinem osteuropäischen Callgirl (Dinara Droukarova) verliert.

    Eine scharfe Charakterisierung der verfehlten Liebesbeziehungen gelingt dem Film nur selten, etwa, wenn Lucien als Reaktion auf die Duft-Experimente seiner Freundin Dolorès (Amira Casar) Allergien ausbildet. Die sozialen und emotionalen Konstellationen sind meistens grobschlächtig, so dass der Film zur grotesken Parabel oder zur parabelhaften Groteske wird. Die Aporien von Liebe und Beziehung in der modernen, nachbürgerlichen Welt herauszuarbeiten gelingt nur in wenigen Momenten. Weil sich der Film bis dahin so wenig erarbeitet hat, muss der dritte Akt die bisherige Konstellationen vollständig aushebeln und zerstören, statt sie zu vertiefen.

»Coupable / Guilty«, Regie: Laetitia Masson, Frankreich, 2007, 107 Min.
mit Hélène Fillières, Jérémie Rénier, Amira Casar, Denis Podalydès, u.a.

»Coupable / Guilty« im Rahmen der Berlinale:
11.02. CineStar 3 (22:45 Uhr) /// 12.02. Cubix 9 (14:30 Uhr) /// 16.02. Cubix 7 & 8 (20:45 Uhr)

The Exiles»The Exiles« (1961) von Kent MacKenzie ist ein Klassiker des amerikanischen Independentkinos. Der Film gewann damals einige internationale Preise, war aber nie in den Kinos zu sehen. Nachdem er in »Los Angeles Plays Itself« erwähnt und ein Song aus dem Soundtrack von Quentin Tarantino für »Pulp Fiction« verwendet wurde, restaurierte das UCLA den Film. Der Film handelt von einer Gruppe Native Americans, die in Bunker Hill, Los Angeles leben. Gedreht wurde mit Filmresten von Hollywoodproduktionen, finanziert von Mackenzies Bekanntenkreis. Der Film zeigt vierzehn Stunden im Leben dieser Gruppe, die in schwarzweiß gedrehten Einstellungen sind ruhig und wohlkomponiert.

    Die junge Apachin Yvonne ist schwanger. Mit ihrem Ehemann Homer, einem Hualapi, wohnt sie mit vier Freunden in einer Zweizimmerwohnung. Yvonne träumt von einem Leben mit Familie und Haus, Homer besucht mit den anderen die Ritz Bar auf der Main Street, in der fast ausschließlich Indianer Bier trinken, Rock'n'Roll hören, plaudern und tanzen. Sie treffen Freunde und Bekannte und lernen zwei Frauen kennen. Später besuchen sie eine private Pokerrunde, in einer weiteren Bar prügeln sie sich. Als um zwei die Bars schließen, sammeln sie sich und fahren auf einen Hügel, dort erscheint das gerasterte Lichtermeer von Los Angeles brüchiger als sonst. Zwischen den Autos trommeln sie und singen indianische Lieder bis zum Morgen. Yvonne hat die Nacht bei einer Freundin verbracht, als sie aus dem Fenster schaut, sieht sie Homer in einem anderen Haus verschwinden.

    Er habe keine Sozialstudie machen wollen, erkärte Mackenzie: Er ist kompromisslos in der Verweigerung, die Protagonisten in soziale Raster einzuordnen. Es wird nie erklärt, warum die Indianer aus den Reservaten in die Stadt gezogen sind. Die kalifornische Mehrheitsgesellschaft taucht nur in Form der adaptierten kulturellen Praktiken auf, in der Mode und in der Musik. Dass die Clique oft mit dem Gesetz in Konflikt kommt, wird lediglich angedeutet. Der Film klagt nicht an, ebenso wenig gibt er den Native Americans ihr Bild zurück. Er ist einem Dokumentationsanspruch verpflichtet, in seiner interessenlosen Präzision erinnert er an die Filme von Robert Flaherty (»Nanook of the North«) oder an die Subkulturstudien von Paul Willis (»Profane Culture«).

    Als Film der die Party einer Nacht zeigt, erinnert »The Exiles« an Frederico Fellinis »La Dolce Vita« oder an Highschoolfilme wie »Dazed and Confused«. Es geht aber nicht um die Distinktion des Flaneurs gegenüber der bürgerlichen Mehrheit wie bei Fellini, oder um das Ende der Schulzeit bei Richard Linklater. Filme über das Ausgehen und Feiern thematisieren immer die Fragen: Womit beschäftigen sich die Figuren im restlichen Leben? Und: Warum feiern sie? In »The Exiles« bleiben diese Fragen ungeklärt, den Protagonisten des Films geht es um keine Abgrenzung. Ihr Feiern hat etwas zeit- und geschichtsloses. »Excitement« wolle er, erklärt Homer am frühen Abend. In wenigen Filmen wurde die Mikrodynamik des Feierns und Ausgehens so gut herausgearbeitet wie in diesem Film: Immer versucht man Zigaretten oder Alkohol zu erschnorren, in der Wohnung nimmt einer einem Schlafenden die Zigarettenschachtel aus der Hemdtasche – und steckt eine einzelne Zigarette zurück. Im Ritz muss die Bedienung um das Geld für das Bier betteln. In der besten Szene des Films sind Homer und sein Freund Tommy mit zwei Frauen aus dem Ritz im Auto unterwegs. Sie halten an einer Tankstelle, der Tankwart verlangt Geld für das Benzin und wird von einem zum nächsten geschickt. Zuletzt kommt er zu einer der beiden Frauen, die im Auto sitzen geblieben ist. Sie zahlt.  Wenig später geht sie auf die Toilette. Als sie zunächst nicht zurückkommt, fahren die anderen weg. Die Klotür öffnet sich, die Vergessene läuft hinter dem Auto her. Das ist nicht böse, nicht unsozial, nicht grotesk und nicht komisch – es passiert einfach.

»The Exiles«, Regie: Kent Mackenzie, USA, 1961, 72 Min.
mit Yvonne Williams, Homer Nish, Tommy Reynolds, u.a.

»The Exiles« im Rahmen der Berlinale:
12.02. Delphi Filmpalast (21:30 Uhr) /// 14.02. Arsenal 1 (22:30 Uhr)

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