Berlinale 2008: ›Otto; or: Up with dead people‹, ›Asyl / Park and Love Hotel‹ und ›Loos Ornamental‹

Am heutigen Sonntag enden die 58. Internationalen Festspiele Berlin, am letzten Vorführtag werden nochmals äußerst sehenswerte Filme gezeigt. Dazu zählen Heinz Emigholz Auseinandersetzung mit der Architektur Adolf Loos sowie der in Berlin produzierte Gay-Zombie-Film »Otto, or: Up with the dead people« von Bruce LaBruce.

Otto; or: Up with Dead People
»Otto; or: Up with Dead People«: Jey Crisfar als schwuler Zombie Otto, hier als Aushilfe einer Döner-Fleischerei

Keinem Regisseur ist es wie Bruce LaBruce gelungen, die unterschiedlichen Fassungen seiner Filme als schwule Pornographie und als festivalkompatible Queer-Filme zu positionieren. »Otto, or: Up with the dead people« ist aufwendiger und sorgfältiger produziert als seine letzten Werke. In einer Film-im-Film-Handlung wird des Genre des schwulen Zombiefilms erfunden: Die lesbische Filmemacherin Medea Yarn (Katherina Klewinghaus) arbeitet an einem Stummfilm über eine neue Generation von schwulen Zombies: sie haben Sex während sie sich gegenseitig auf ihren Gedärmen herumkauen. Als Hauptdarsteller castet Medea ohne es zu begreifen einen echten Zombie: Otto (Jey Crisfar) – die anderen Schauspieler tuscheln bald darüber, wie sehr er seine Rolle ›lebt‹. Film und Film-im-Film vermischen sich, Medea erscheint immer im Schwarz-weiß ihres Stummfilms.


VIDEO: Otto, or Up wirth dead people (Trailer)
    Einem Genrefilm gelingt es im besten Fall, über die abstrakte Setzung des Genres einen Realitätszugriff zu erzeugen, der sich dem dokumentarischen oder dem realistisch-dramatischen Blick nicht eröffnet. Tatsächlich ist »Otto …« der freshste und aussagekräftigste Film über Berlin seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten. LaBruce gelingt ein Portrait der Stadt und ihrer Bewohner: Der Film charakterisiert alle maßgeblichen Berliner Fashion-Styles – und unterzieht sie einem Queering. Otto trägt ein No-Wave-Outfit aus einem weißen Hemd mit Krawatte, einem fein gemusterten, tief ausgeschnittenen T-Shirt, einer schwarzen Kapuzenjacke unddunklen Anzughosen. Das gescheitelte, schwarze Haar gibt seiner Erscheinung eine übertriebene Strenge, der stechende, punkig-aggressive Blick vermischt sich mit der Leere der Zombie-Augen: die in diesem Style liegende Todessehnsucht wird durch die Zombie-Existenz auf die Spitze getrieben. Auch die anderen Figuren sind sehr gelungen: Medea nimmt sich extrem ernst, sie tritzt ihre Freundin Hella (Susanne Sachße), in jeder Szene tragen die beiden neue, tolle Goth-Outfits (die viel gelungener sind als die aus »Nirvana«). Medea sieht in den schwulen Zombies Widerstandskämpfer gegen den industrialisierten Konsum-Kapitalismus: sie referiert Thesen Albert Marcuses, was die politischen Kurzschlüsse von Studenten der Cultural Studies und Gender Studies sehr gelungen ironisiert.

    Das energetische Zentrum des Film liegt jenseits der Zombies, nämlich in der Darstellung schwuler Subkulturen, Styles und Physiognomien der Stadt: Zum die neue Bürgerlichkeit des Prenzlauer Berg verkörpernden Zombiepaar (Scott Sechs und Fabrice) gehört der nachdenkliche, intellektuelle Typ mit dem unsicheren Rehblick und der spielerisch-mutige Ostdeutsche; Otto trifft einen Skinhead, der ihn mit seinem funkelnden, abenteuerlustigen Blick und zwei charmanten Sätzen zum gemeinsamen Sex überzeugt; es gibt eine Rückblende zu Ottos blumiger Teenie-Liebe auf dem betonierten Schulhof vor dem modernistischen Siebziger-Jahre-Schulgebäude. Die Drehorte dieses rundum gelungenen Films bilden eine perfekte Mischung aus bekannten, makellos schönen Gegenden, hauptsächlich in Kreuzberg und DDR-Ruinen wie dem ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerk in Friedrichshain.


»Otto, or: Up with the dead people«, Regie: Bruce LaBruce, Deutschland, Kanada, 2007, 94 Min.
mit Jey Crisfar, Katharina Klewinghaus, Susanne Sachsse, u.a.

»Otto, or: Up with the dead people« im Rahmen der Berlinale:
17.02. CineStar 2 & 3 Interlocked
(20:15 Uhr)

Asyl
»Asyl / Park and Love Hotel«: Therapiestunden auf dem Dach des Stundenhotels
Tamaki Tsuyako (Lily) betreibt in einem unauffälligen Stadtteil Tokios ein Stundenhotel. Kunden hat sie nur wenige, auf der zu einem kleinen Park ausgebauten Dachterrasse verbringen die Kinder und die alten Leute aus der Nachbarschaft ihre Nachmittage. Wenn es über dem Häusermeer der Stadt dämmert, verabschiedet Tamaki die Gäste mit einigen stereotypen Sätzen. Drei Episoden beschreiben drei Bekanntschaften Tamakis mit Frauen, die wie Tamaki einsam sind, deren Einsamkeit aber nicht so eigenartig und rätselhaft ist wie die der Heldin. Sie trifft ein suizidales, dreizehnjähriges Mädchen, eine ungeliebte, joggende Hausfrau und eine Besucherin des Hotels, die die Spermien ihrer diversen Liebhaber sammelt. Diese Figuren erscheinen nicht so grotesk wie die Beschreibungen klingen, sie werden über ihre Handlungen und Rituale eingeführt, die von strengen Einstellungen erfasst sind.

    Die Begegnungen haben immer die gleiche Struktur: Der freundliche Kontakt geht zunächst von Tamaki aus, darauf folgt eine sehr direkte Intervention Tamakis in das Leben der Person. Anschließend schickt Tamaki sie wie ein Psychoanalytiker den Analysanden nach dem Ende der Sitzung weg. Mika (Kaziwara Hikari) fühlt sich von ihrem Vater ungeliebt, der mit einer anderen Familie lebt. Sie hat sich ihr Haar grau gefärbt, Tamaki färbt es ihr wieder schwarz. Jahrelang joggt Tsuki (Chiharu) an Tamakis Haus vorbei und dokumentiert minutiös die Zahl der Schritte in einem Notizbuch. Als sie eines Tages dieses Buch verliert, gerät sie in Panik und lernt Tamaki kennen, die sie im Hotel arbeiten lässt. Nachdem die Kinder auf dem Dach das Buch finden, und Tsuki sich von dem Zwangsritual lösen kann, indem sie das Buch verbrennt, schickt Tamaki sie fort. Bei Marika (Jinno Sachi) kehrt sich dieses Verhältnis um: Marika durchsucht Tamakis Post und findet heraus, dass sie aufgefordert wurde, die Leiche ihres vor achtzehn Jahren spurlos verschwundenen Ehemanns zu identifizieren und gibt ihr den Impuls, durch den sie diese traumatische Erfahrung verarbeiten kann.
    In der sehr originellen und spannenden Konstruktion des Films überlagert sich die Verarbeitung des Schocks, den die Nachricht des Todes des Mannes ausgelöst hat, mit dem Prozess, in dem der Zuschauer begreift, was überhaupt stattgefunden hat.

    Ganz im Stil des modernistischen Kinos von Abbas Kiarostami oder Hou Hsaio-hsien verwendet Kumasaka Izuru immer wieder die gleichen Einstellungen: den Weg vor dem Love Hotel, das Panorama über dem Dach, das enge Treppenhaus im Gebäude. Diese Bilder erschöpfen sich nicht im formalen Ritual oder in anmutigen Ansichten. Sie spiegeln zunächst die psychischen Loops der Protagonisten wieder – bis sie nach deren Auflösung obsolet sind.

»Asyl / Park and Love Hotel«, Regie: Kumasaka Izuru, Japan, 2007, 111 Min.
mit Lily, Kaziwara Hikari, Chiharu, Jinno Sachi, u.a.

Loos Ornamental
»Loos Ornamental«: Heinz Emigholz Verbindung von Architektur und Film: die speziellen, schweren und mächtigen Proportionen von Adolf Loos Bauten begreifbar machen.

Heinz Emigholz ist einer der Konstanten des Forums. Mit dem in dieser Artikelserie bereits erwähntem James Benning verkörpert er auf der Berlinale das formalistische, anti-narrative Kino. »Loos Ornamental« knüpft an Emigholz' Reihe zu Filmen über Architektur an: bisher ging es um die Bauten von Bruce Goff und Rudolph Schindler sowie die Innenarchitektur Gabriele d'Annunzios. Adolf Loos war einer der ersten modernen Architekten Österreich. Zu Beginn des Films erklärt Emigholz aus dem Off, dass Loos Geburtshaus nicht mehr erhalten sei, nur einige behauene Steine von Loos Vater, einem Steinmetz. Damit endet der Off-Kommentar.

    Nun wird jeder Ort von einer Texttafel mit dem Namen des Gebäudes, dem der Stadt, dem Baujahr und dem Datum des Drehs eingeleitet. Der Film arbeitet die Spannung zwischen diesen beiden Daten heraus: zwischen Loos Bauten und den nachträglichen Veränderungen, denen sie trotz sorgfältiger Konservierung ausgesetzt waren. Manche Gebäude, Fassaden oder Interieurs sind mit zwei oder drei Einstellungen dokumentiert, andere in fünfzig oder sechzig. Jedes Bild ist nur für einige Sekunden zu sehen, alle Einstellungen sind sehr charakteristisch gestaltet: die Seiten der Filmbilder verlaufen nie parallel oder senkrecht zu den dargestellten architektonischen Formen. Die Kamera ist immer schräg in den Raum gerichtet, so dass Diagonalen und Dreiecke die Bilder bestimmen. Ein einzelnes Bild erfasst nie ein ganzes Haus oder ein ausgewähltes architektonisches Detail, sondern verschiedene Teile aus unterschiedlichen Raumebenen.

    Etwa nach der ersten Hälfte des Films hat man Loos Ansatz begriffen; man erkennt sofort, was an den Bauten nachträglich verändert wurde. Der Erhaltungszustand und die Nutzung ist sehr unterschiedlich: Manche Gebäude werden als Architekturdenkmäler gepflegt, bei anderen deutet nichts auf ihre architekturgeschichtliche Bedeutung hin. Eine sehr entstellende Wirkung hat oft die Inneneinrichtung, äußerst kritisch ist die Beleuchtung: In der Buchhandlung Manz in Wien stört das harte Licht der Halogenspots. Loos zahllose, oft ziemlich ähnliche Inneneinrichtungen stehen im Kontrast zu den herausragenden einzelnen Bauten, etwa der Villa Müller in Prag oder Tristan Tsaras Wohnhaus in Paris. Typisch für seinen Stil sind die unterschiedlichen Deckenhöhen der einzelnen Räume, die kleine Treppen notwendig machen, um sie zu verbinden: so entstehen diagonale Durchblicke, die durch Emigholz Mise en Scene sehr gut sichtbar werden. Gemessen an heutigen Verhältnissen wirken die Räume eng, die Ausstattung kleinteilig und edel: an den Decken gibt es weiß lackierte Kassetteneinlagen, die Böden sind mit Parkett in speziellen Mustern ausgelegt. Für die Wandverkleidungen wurden ausgefallene Materialen ausgewählt, etwa grünen Marmor. Gerne baut Loos Bänke oder Sofas fest ein. Von Außen sehen die Häuser wie große Würfel aus, die Fenster wirken wie willkürlich über die Fassade verteilt.

    Entscheidend für Loos Bauweise sind die sehr speziellen, schweren und mächtigen Proportionen, die sich drastisch von der Klarheit und Ruhe der modernen Architektur des Bauhauses abheben. Emigholz leicht willkürlich wirkenden Einstellungen und sein strenges, formales Vorgehen arbeiten die durchkonzeptionierte Architektur von Adolf Loos sehr gut heraus – natürlich ohne ihre Konzepte konkret zu erklären.

»Loos Ornamental«, Regie: Heinz Emigholz, Österreich, Deutschland, 2008, 72 Min.

»Loos Ornamental« im Rahmen der Berlinale:
17.02. Delphi Filmpalast (16:30 Uhr)

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