Berlinale 2008: ›Filth And Wisdom‹, ›God Man Dog‹ und ›RR‹

Nun macht sie also auch Filme. Madonna präsentierte am Dienstag ihr Regiedebüt »Filth And Wisdom« auf der Berlinale, über ihren Hauptstadtbesuch berichtete vom Boulevard bis zum Feuilleton jeder, ihre Arbeit als Regisseurin blieb aber im Hintergrund; dabei hat sie mit »Filth And Wisdom« hat einen klarsichtigen und charmanten Film vorgelegt. Außerdem im vierten Teil des SPEX-Berlinale-Tagebuchs: »God Man Dog« von Singing Chen und »RR« von James Benning.

Filth And Wisdom Eugene Huetz
»Filth And Wisdom«: Gogol Bordello-Sänger Eugene Hütz spielt in Madonnas Regiedübt den wenig erfolgreichen Künstler und Sadomasochist Andriy.

Madonnas Karriere als Schauspielerin war äußerst wechselhaft. Nach dem misslungenen und erfolglosen Lina-Wertmüller-Remake ihres Gatten Guy Ritchie hat sie nie wieder in einem Film mitgespielt – nun führt sie zum ersten Mal selbst Regie. Ihr Debütfilm ist überraschend punkig und rough: in mittelmäßiger Digitalqualität gedreht und günstig mit unbekannten Schauspielern produziert, hat er keinen weiteren production value zu bieten als die Figuren und deren Dialoge. »Filth And Wisdom« handelt vom Leben dreier künstlerisch sowie sozial ambitionierter Freunde und von den Jobs, mit denen sie sich in London über Wasser halten müssen. Die Szenen sind angenehm lose aneinander gereiht, dramaturgisch hat der Film Skizzencharakter, seine Energie entsteht aus den oft sehr gut zugespitzten, überraschend witzigen Gesprächssituationen.

    Andriy Krystiyan (Eugene Hutz) ist einer der Drei, er erzählt den Film in zum Teil direkter Ansprache der Zuschauer. Als Sänger einer ukrainischen Folkpunkband und »Autorität in allen Fragen des Lebens« verdient er seinen Lebensunterhalt als Sado-Maso-Dominator. Holly (Holly Weston) ist studierte Ballerina und muss mangels Engagements in einer Pole-dance-Bar auftreten. Juliette (Vicky McClure) setzt sich für hungernde Kinder in Afrika ein, hat sich von ihren reichen, manipulativen Eltern emanzipiert und arbeitet nun in einer Apotheke. Die Härte von Lebensentwürfen, bei denen eine wirkliche Zufriedenheit erst beim Erfolg der eigenen Kunst oder des eigenen politischen Engagements eintritt, erfasst der Film schonungslos: die Erniedrigungen der ziellosen Brot-Jobs als Sexarbeiter oder Verkäuferin und die daraus resultierenden emotionalen Zustände werden in aller Schärfe charakterisiert. Trotzdem wird der Film nie bitter oder humorlos. Vielmehr ist der Humor die kleine emanzipative Waffe, die den Dienstleistern letztendlich bleibt.

    Madonna scheint sich in allen Figuren wieder zu finden: im schwulen Musiker und Lebenskünstler, in der Mittelstands-Tochter, die gegen das Elend der dritten Welt kämpft und in der Tänzerin, die mit der sexuellen Macht umzugehen lernt, die sie mit ihren Performances ausübt. Die Botschaft des Films scheint zu lauten: Als Künstlerin oder Künstler muss man sich menschlich bis zu einem gewissen Grad korrumpieren lassen, um das eigene Künstler-Ego zu erschaffen – der Weg zum ›wisdom‹ führt durch den ›filth‹. Natürlich garantiert dieser Reifeprozess nicht den Erfolg, das Aufstiegsmärchen verweigert Madonna, der Pay-Off für die Drei bleibt mäßig. Juliette kriegt von ihrem Chef eine Afrikareise geschenkt, Holly wird für ihr Schulmädchen-Performance zu Britney Spears' »Baby One More Time« mit Trinkgeld überhäuft und Andriy darf mit seiner Band in einem kleinen Club auftreten.

    Mit »Filth And Wisdom« ist Madonna ein überraschend klarsichtiger und charmanter Film gelungen. Ein echtes Talent hat sie (und mit ihr Drehbuchautor Dan Cadan) für witzige Szenen, in denen blitzschnell Machtverhältnisse ausgehandelt und charakterisiert werden. 


»Filth And Wisdom«, Regie: Madonna, Großbritannien, 2008, 81 Min.
mit

»Filth And Wisdom« im Rahmen der Berlinale:
15.02. International (14:00 Uhr) /// 16.02. Zoo Palast 1 (21:30 Uhr) /// 17.02. Cubix 9 (14:30 Uhr)

God Man Dog
»God Man Dog«: Der Autounfall als Zusammentreffen der Handlungsstränge.
»Liu lang shen gao ren / God Man Dog« bewegt sich in der Tradition des taiwanesischen Kunstkinos, einige der Schauspieler sind aus Filmen von Hou Hsiao-hsien oder Edward Yang bekannt. Der Film hat keine fest umrissene Handlung und keine zielgerichteten Dialoge, er funktioniert aus einzelnen Einstellungen und Situationen heraus. Er zeigt Szenen aus dem Leben vierer Paare, die sich erst am Schluss bei einem Autounfall überschneiden. Aus dem Wechsel zwischen den verschiedenen Gruppen ergibt sich ein ruhiger, klarer Rhythmus.

    Ching (Tarcy Su) ist Handmodell und mit einem erfolgreichen Architekten verheiratet: ihr Leben findet zwischen cleanen Foto-Shootings und der edlen, sterilen Wohnung des Paares statt. Sie bringt ein Kind zu Welt; weil sie zu dem Baby keine emotionale Bindung aufbauen kann, ist dessen plötzlicher Tod umso verstörender. Sie verfällt in eine sprachlose Erstarrung und konvertiert zum Katholizismus. Das bis ins letzte Detail durchgestaltete Heim steht im unmittelbaren Kontrast zur armseligen Behausung von Biung (Ulau Ugan) und seiner Familie. Wegen Bjungs Alkoholismus hat die Tochter Savi (Hsiao-han Tu) das Elternhaus verlassen, er will sich von einem katholischen Priester von seiner Sucht heilen lassen. Als Nebenverdienst spielt er bei zahllosen Werbelotterien mit und verkauft die unbrauchbaren Gewinne. Das dritte Paar ist Savi mit ihrer Freundin Mei (Ka-yi Mo). Sie versprechen Männern sadomaschistischen Sex, um sie schließlich auszurauben. Niu Jiao (Jack Kao) fährt gigantische, Buddhistische Statuen auf einem LKW durch eine Berglandschaft. Er wird vom obdachlosen Jungen Xian (Jonathan Chang) begleitet,  der im Gepäckraum von Reisebussen durch Taiwan reiste, bis er Niu traf.

    Die Interieurs und Figuren lässt der Film in einer extremen Schärfe und Klarheit erscheinen, die dicht bewaldete, tief grüne Küstenlandschaft ist mächtig und bezaubernd schön. In der ersten Stunde wirkt es faszinierend, dass der Film nichts erzählt, dass die Dialoge nichts erklären, dass die Bilder für sich stehen. Das Thema der Trauer und der Wunsch, den Verlust durch eine neue Religion zu verarbeiten oder zu kompensieren, wird in den Raum gestellt, ohne dass der Film zu den Thema Stellung bezieht. In der zweiten Hälfte verlieren die Bilder ihre Spannung, und der thematische Fokus erweitert sich ins Beliebige, etwa durch die Episode mit den Beischlafdiebinnen.

»Liu lang shen gao ren / God Man Dog«, Regie: Singing Chen
mit Tarcy Su, Jack Kao, Chang Han, Ulau Ugan, Jonathan Chang, u.a.

»Liu lang shen gao ren / God Man Dog« im Rahmen der Berlinale:
15.02. Delphi Filmpalast (19:30 Uhr)

RR
»RR«: James Benning zeigt Zeit und Distanz. In 43 Aufnahmen vorbeifahrender Güterzüge arbeitet er die Spannung zwischen der Natur und der industrialisierten Landschaft heraus.

James Benning gilt als einer der strengsten Strukturalisten des amerikanischen Kinos – im Forum der Berlinale steht er für eine solche Position wie kaum ein anderer Filmemacher. Seine neueren Filme zeigen ausschließlich Landschaften, nach der Jahrtausendwende hat er eine Trilogie über Kalifornien gedreht. Bennings Kamera bewegt sich nie, die einzelnen Einstellungen haben immer eine feste Dauer von mehreren Minuten. Durch diese extreme Ruhe werden die minimalen Bewegungen in der Landschaft – etwa der Zug der Wolken oder das Flattern einer Vogelscheuche in einer Obstplantage – herausgearbeitet.

    Sein neuer Film »RR« hat einen ganz eigenen Rhythmus, er zeigt 43 Aufnahmen vorbeifahrender Güterzüge an verschiedenen Orten in den USA. Die Dauer der Einstellungen wird von der Länge des Zuges bestimmt. Jede Szene zeigt zunächst für einen kurzen Moment eine Landschaft, manchmal sind die Schienen zu sehen: flache Landschaften mit Äckern oder Wiesen, Berge, Gewässer mit Brücken. Augenblicke später taucht der Zug auf, immer von mehreren großen, gedrungenen, kantigen Diesellokomotiven mit farbigen Anstrichen gezogen oder geschoben. Dann folgen die großen Wagen der meist sehr langen Züge: für Massengüter gibt es Wägen für Schüttgut oder Kesselwagen. Die normalen Eisenbahnwagen mit aufschiebbaren Türen sind mittlerweile selten, ebenso großes Stückgut wie Fahrzeuge oder Landmaschinen. Container werden in den USA in wannenartigen Wagen transportiert, oft werden zwei Container übereinander gestapelt. Die Züge fahren scheinbar niemals ab und sie kommen nirgendwo an. Nie sind Bahnhöfe oder Städte zu sehen, Gebäude tauchen selten und nur vereinzelt auf.

    Bis auf eine einzige Einstellung schneiden die Züge die Leinwand nie rechtwinklig, manchmal verschwindet der Zug nicht an einer Seite des Bildes, sondern irgendwo im Horizont. Immer erzeugt der Zug eine Diagonale, die bei entsprechendem Streckenverlauf gebogen oder geknickt ist. Manchmal ist die Kamera so weit entfernt, dass der Zug nur noch als Linie zu erkennen ist, manchmal steht sie so nah vor dem Zug, dass er das Bild fast vollständig ausfüllt. Die Züge erzeugen starke visuelle und akustische Rhythmen, die einzelnen Wagen werden zum Taktgeber. Der komplexe Klang der Eisenbahn wird sehr gut herausgearbeitet: das Hämmern des Dieselmotors, das Rattern der Räder, die über die Schweißnähte der Gleise rollen und das Tosen des Fahrtwindes. Die Auswahl der Orte ist von einer analytischen Neutralität geprägt, die zwischen allen Variablen – dem Wetter, den Zugtypen, der Kadrierung – wird ein Gleichgewicht erzeugt. Selten erscheinen Edward Hoppersche Americana, etwas wenn der Zug an einem einzelnen Silo vorbeifährt. Bestimmte Einstellungen haben eine besondere Spannung: einmal begegnen sich zwei Züge, einmal macht ein Zug eine vollständige Kurve durch das ganze Bild, einmal ist ein Schienenwagen zu sehen. In der letzten Einstellung verkompliziert sich der Rhythmus des Films: ein Zug rollt durch einen mit Windrädern dicht bestückten Windpark.

    Bennings Formalismus schreibt sich in ein kritisches Projekt ein: Die Einstellungen arbeiten die Spannung zwischen der Natur und der industrialisierter Landschaft heraus: Wie greift die Eisenbahn in die Natur ein, wie wird der Raum zwischen den verschiedenen industriellen Nutzungsformen, zwischen Transport und Landwirtschaft, organisiert? Der Ton aus dem Off macht die kritische Intention besonders deutlich: An sechs Stellen im Film erklingen verschiedene Aufnahmen, etwa Dwight D. Eisenhowers Abschiedrede von 1961, die vor dem politischen Einfluss des militärisch-industriellen Komplexes warnt oder das Rapstück »Fuck The Police« von N.W.A..

»RR«, Regie: James Benning, USA, 2007, 111 Min.

»RR« im Rahmend der Berlinale:
14.02. Arsenmal (17:30 Uhr)

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