Berlinale 2008: ›Eskalofrío / Shiver‹, ›Regarde-moi / Ain’t scared‹ und ›Hu-tieh / Soul of a Demon‹

»Tropa de elite«, José Padilhas Dokumentarfilm über eine brasilianische Polizeistaffel, hatten wohl die wenigsten auf dem Zettel. Eine politische Entscheidung der Jury? Der goldene Bär für den besten Film ging nach Südamerika statt in die USA. Aber auch außerhalb des Wettbewerbs konnte man viele interessante Filme sehen. Im letzten Teil des SPEX-Berlinale-Tagebuchs stellt Alexis Waltz den spanischen Horrorfilm »Eskalofrío« von Isidro Ortiz, Audrey Estrougos Auseinandersetzung mit Rassismen und Machismen in »Regarde-Moi« sowie das Familiendrama »Hu-tieh« von Chang Tso-chi vor.

Eskalofrío / Shiver
»Eskalofrío / Shiver«: Santi (Junio Valverde, links), der Junge mit der Lichtallergie

»Eskalofrío / Shiver« ist ein genretypischer Horrorfilm, der sich in jeder Hinsicht an den internationalen Vorbildern des ›splat pack‹ orientiert. Lediglich der Aufhänger ist originell: der jugendliche Santi (Junio Valverde) leidet unter einer Lichtunverträglichkeit. Der Anfang des Films ist mitreißend, in einem Traum rennt Santi kurz vor Sonnenaufgang durch eine Hochhauslandschaft in seiner Großstadt, um einen schützenden Hauseingang zu erreichen – um im letzten Moment einem Vampir gleich vom aufgehenden Sonnenlicht verbrannt zu werden. Dieser Handlungsstrang wird im weiteren Verlauf nicht weiter verfolgt, die eigentliche Horror-Story beginnt erst viel später, nachdem er mit seiner Mutter Julia (Mar Sodupe) in ein abgelegenes Bergdorf gezogen ist. In den Wäldern der Umgebung lebt ein Mädchen, das Waldspaziergängern die Kehle aufschlitzt.


VIDEO: Eskalofrío / Shiver (Trailer)
    Das abschlachten einiger Dorfbewohner und die Enthüllung des Schicksals des Mädchens wirken ebenso langweilig wie abstrus. Um die Existenz der kasparhauserartigen Figur zu erklären, mussten die abwegigen Subplots einer drittklassigen Fernsehserie erfunden werden. Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn entwickelt sich gerade so, wie es die Story erfordert. Spannend wird es erst wieder, als sich zwischen Santi und dem mordenden Mädchen eine unerklärliche Zuneigungentsteht – und sie sich gegenseitig verschonen, ohne den Grund dafür zu begreifen.

    Der production value von »Eskalofrio / Shiver« ist überdurchschnittlich hoch, die Location Scouts und Set Designer haben erstklassige Arbeit geleistet. Einige tolle Plätze sind zu bestaunen, etwa eine anonyme Großstadtschule und das pittoreske Dorf in der nordspanischen Berglandschaft. Das Unheimliche dieser Orte bleibt unspezifisch, sie wirken nicht so packend und bedrängend wie vergleichbare Räume in Horrorklassikern – etwa der See in »Friday the 13th« oder das Bergszenario aus »The Hills have eyes«.

»Eskalofrío / Shiver«, Regie: Isidro Ortiz,  Spanien, 2007, 91 Min.
mit
Junio Valverde, Mar Sodupe, Francesc Orella, Roberto Enríquez, Andrés Herrera

Regarde-moi / Ain't scared
»Regarde-moi / Ain't scared«: Fatimata (Eye Haidara) mit blonder Perücke. Die Überwindung der Rassismen misslingt.

Ab Mitte der neunziger Jahre war die Pariser Banlieue Thema einer Reihe von Spielfilmen, zu den herausragenden gehören Mathieu Kassovitz »La Haine« und Abdellatif Kechiches »L' Esquive«. »Regarde-moi / Ain't scared« von Audrey Estrougo ist ebenso originell und aussagekräftig, der Film ist allein aus einem thematischen Fokus entwickelt: er hat keine strukturierende Geschichte. »Regarde-moi« spielt in einigen Wohnblocks im Pariser Umland, die Schauplätze in Colombe sind sehr überschaubar. Der Film hat episodischen Charakter: zunächst steht eine Jungsclique im Vordergrund, dann zwei Mädchencliquen, als Ganzes ist »Regarde-moi« allein aus den Unterhaltungen der Jugendlichen und ihrer physischen Interaktion entwickelt: In einem Wechselspiel von Bonding und Konfrontation wird in jeder Situation Freundschaft und Feindschaft, Sympathie und Misstrauen neu ausgehandelt. Regisseurin Estrougo dokumentiert eine Intensität sozialen Lebens, die im europäischen Kino selten zu sehen ist. Diesen offensiven Charakter kennt man eher aus dem klassischen amerikanischen Kino etwa von Howard Hawks.

    Das Thema von »Regarde-Moi« ist das Geschlechterverhältnis. Die Existenz der Mädchen scheint viel schwieriger und ambivalenter als die der Jungs: während sich unter den Männern so etwas wie eine Ghetto-Ethik entwickelt, die Rassismen aushebelt und eine herkunftsübergreifende Solidarität erzeugt, haben die Frauen keinen solchen Raum, in dem sie sich entfalten können. Während sich die Jungs in ihrem Macho-Dasein verwirklichen, wird den Mädchen besonders ihre romantische und sexuelle Selbstverwirklichung verweigert: als Töchter und Schwester werden sie von Eltern und Brüdern als ideale, asexuelle Wesen gesehen und bewacht. Als Gegenreaktion machen sie ihre sexuelle Macht zur Waffe der Emanzipation. Affären und Beziehungen bleiben für die Mädchen wie für die Jungen ambivalent: Weil die gesamte existenzielle Hoffnung in die Begegnung mit dem anderen Geschlecht projiziert wird, scheitern die Beziehungen oft an diesen hohen Erwartungen.

    Eine bedrückende Beobachtung des Films liegt darin, dass es den Mädchen weniger gelingt, sich über Rassismen hinwegzusetzen: Im Höhepunkt von »Regarde-moi« verdeckt die dunkelhäutige Fatimata (Eye Haidara) ihr krauses Haar mit einer glatthaarigen Perücke. Zunächst wird sie dafür von ihren Freundinnen bewundert, als die Jungs sich aber über ihr Begehren weiß zu sein lustig machen, stimmen die Freundinnen mit in das Gelächter ein: Wenn die Mädchen um die Aufmerksamkeit der Jungs konkurrieren, hört die Solidarität auf. Während deren kleinkriminelle Deals zwar immer unter hoher Spannung, gleichzeitig aber gewaltfrei ablaufen, verprügeln die Mädchen ein Mitglied der gegnerischen Clique, nachdem sie einer von ihnen den Freund ausgespannt hat.


»Regarde-moi / Ain't scared«, Regie: Audrey Estrougo, Frankreich, 2007, 97 Min.
mit Emilie de Preissac, Terry Nimajimbe, Paco Boublard, Salomé Stévenin, u.a.

Hu-tieh / Soul Of A Demon
»Hu-tieh / Soul Of A Demon«: Familiendrama mit Mafiahintergrund

Auf Filmfestivals werden gerne Regie-Debüts von erfolgreichen Schauspielern, Drehbuchschreibern oder Kameramännern gezeigt. Diese Filme erfreuen zunächst oft durch ihre Unbekümmertheit, um dann doch als schlechte Kopien von Filmen zu funktionieren, an denen Herstellung die jetzigen Regisseure einst beteiligt waren. Ebendies ist bei Chang Tso-chis »Hu-tieh« der Fall: Tso-Chi war Regieassistent beim taiwanesischen Arthouse-Meister Hou Hsiao-hsien. Hsiao-hsien produziert keine schlüssigen, gebündelten Dramen, die Intensität der Filme entsteht aus den vom Weitwinkelobjektiv erfassten Räumen und den entkoppelten, von keiner Erzählung dominierten Figuren.

    Nanfangao zeigt eine heruntergekommene Hafenstadt an der Nordküste Taiwans, die ihre besseren Tage vor Jahrzehnten gesehen hat. Die engen, verwinkelten Straßen zwängen sich in das Tal einer satten, grünen Berglandschaft. Die Materialien der modernen Architektur haben durch den jahrzehntelangen Verfall die erstaunlichsten Farben und Texturen angenommen. Der Intensität dieser makellos gefilmten Orte wollte Tso-Chi eine andere Intensität entgegensetzten und hat daher ein Familiendrama mit Mafiahintergrund erfunden: Indem der Vater Chang (Hayashida Michio) vor zwanzig Jahren nach Japan auswanderte, wurde der Konflikt mit einer rivalisierenden Bande an die nächste Generation – seine Kinder – vererbt. Sohn Che (Tseng Yi-che) hasst den Vater dafür, dass er die Familie verlassen hat und macht ihn für den Selbstmord der Mutter verantwortlich. Diese komplizierte Geschichte erscheint nur am Rande. Che ist besessen von den Orten seiner Kindheit, die er immer wieder aufsucht.

    »Hu-tieh« konstruiert Nanfangao als Stadt, deren Bewohner der Übermacht der Vergangenheit ausgeliefert sind, in der es keine Zukunft geben kann. Entsprechend eindimensional und hermetisch ist die Auflösung. Die Dichte eines Films von Hou Hsiao-hsien entwickelt »Hu-tieh« nicht: Den Reichtum und die Suggestionskraft, die das Städtchen in seinem Verfall entwickelt, setzt Chang Tso-chi kitschige Metaphern und übertriebenes Drama entgegen.

»Hu-tieh / Soul of a Demon«, Regie: Chang Tso-chi, Taiwan, 2007, 122 Min.
mit Tseng Yi-che, Chen Pei-chun, Cheng Yu-jen, Chan Cheng-yun, u.a.

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