Berlinale 2008: ›Dream of Life‹ und ›Heavy Metal in Bagdad‹

Das Spezialthema der diesjährigen Berlinale 2008 ist die Musik. Nachdem das Festival mit Martin Scorseses Film über die Rolling Stones eröffnet wurde, folgen nun Dokumentarfilme über Patti Smith und Acrassicauda – der ersten und einzigen Heavy Metal Band des Irak.

Patti Smith
»Dream of Life«: Patti Smith
Steven Sebrings Film über Patti Smith ist eine der außergewöhnlichsten Musikerdokumentationen der letzten Jahre. Auch unter den Künstler-Dokus auf dem Filmfestival sticht er heraus: Während sich die Filme über Arthur Russel, Derek Jarman und Gilbert & George mit der gängigen Kombination aus Interview und Archivaufnahmen arbeiten, hat Sebring Patti Smith über elf Jahre hinweg begleitet:  Der zweistündige, in schwarz-weiß gedrehte Film besteht hauptsächlich aus Originalaufnahmen. Während meistens die exponierten, bekannten Etappen einer Künstlerkarriere nacherzählt werden, charakterisiert »Dream of Life« Patti Smith aus alltäglichen Situationen heraus: sie erscheint in Zügen, in Hotels, in Backstage-Räumen oder in ihrem Haus bei Detroit. Der Film braucht kein Pathos und keine dramatischen Bilder um ihren Arbeitsprozess zwischen Leben und Poesie darzustellen: Im Auftreten und den Kommentaren gegenüber anderen Musikern oder ihrem Sohn ist zu beobachten, wie in jedem alltäglichen Wortwechsel eine poetische Verdichtung angelegt ist.


VIDEO: Patti Smith: Dream of Life (Trailer)
    Nachdem Smith sechzehn Jahre lang nicht aufgetreten war, ging sie Mitte der neunziger Jahre zum ersten Mal wieder auf Tour. In dieser Zeit begannen die Aufnahmen zu »Dream of Life«. Sebring war Modefotograf und hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie mit dem Medium Film beschäftigt. Ebenso ist für Smith die Rockmusik nur eine ihrer künstlerischen Formen: Sie verfasst musikjournalistische Texte, Theaterstücke und Gedichte, früher trat sie als Schauspielerin und Performancekünstlerin auf. Nach dem extremen Erfolg in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre zog sie sich 1980 in ein Landhaus bei Detroit zurück. Die biographischen Fakten fasst sie selbst aus dem Off zusammen, sie sind so präzis und originell formuliert, dass sie keine Fakten bleiben.

    Der Film arbeitet Smiths Sehnsucht nach bestimmten Epochen der US-amerikanischen Geschichte heraus; es ist drastisch, wie sehr die Gegenwart ausgespart bleibt. Immer wieder ist sie in ihrem Haus zu sehen, das mit den Holzdielen und alten Möbeln wie das Set eines im späten neunzehnten Jahrhundert spielenden Westerns wirkt. Es gibt keinen Computer, keine Mobiltelefone, bloß einen alten Fernseher und einen alten Plattenspieler. In den zahllosen, gesammelten Gegenständen überkreuzen sich Smiths Sinn für das Einfache sowie ihre persönliche und künstlerische Biographie: Ihre Gibson-Gitarre von 1931 stammt aus der Zeit der Depression, 1971 erhielt sie sie als Geschenk von Sam Shepard. 1975 wurde das Instrument von Bob Dylan gestimmt, perfekt ahmt Smith den Südstaaten-Akzent der Worte nach, mit denen Dylan das Instrument lobte. Eine iranische Amphore enthält einen Teil der Asche von Robert Mapplethorpe. Im Garten des Hauses der Eltern erinnert sie sich, welche der Bäume ihr Vater wann gepflanzt hat.

    »Dream of Life« ist ein Film über eine in der Männerwelt agierende Frau. Die Liste der genannten oder auftauchenden Helden, Freunde, Liebhaber und Kollaborateure ist endlos: Arthur Rimbaud, William Blake, Bob Dylan, Tom Verlaine, Fred »Sonic« Smith von MC5, Flea von den Red Hot Chilli Peppers, Musiker von Blue Öyster Cult, William Burroughs, Robert Mappletorpe, Sam Shepard oder Micheal Stipe. Sebring liegt es fern dieses Begehren nach den männlichen Großkünstlern zu problematisieren. Die Stärke und die Schwäche des Films liegt in der Nähe zu seinem Gegenststand: Statt Smiths künstlerisches Programm zu problematisieren oder auch nur zu analysieren,  wiederholt er es mit den grobkörnigen Aufnahmen seiner Handkamera.

»Patti Smith: Dream of Life«, Regie: Steven Sebring, USA, 2007, 109 Min.
mit Patti Smith u.a.

»Patti Smith: Dream Of Life« im Rahmen der Berlinale:
17.02. Cubix 7 & 8 Interlocked (20:30 Uhr)

Acrassicauda
»Heavy Metal in Bagdad«: Acrassicauda während einer Probesession

Nach Bagdad reisen allein Journalisten, die über den Terror und die politische Situation im Irak berichten. Diese Berichterstattung wiederum findet hauptsächlich von abgesicherten Hotels aus statt. Statt sich für den Krieg und das Elend zu interessieren, sucht der von Vice produzierte Film nach den ersten Keimen einer irakischen Popkultur. Als erste Rockkritiker begaben sich Suroosh Alvi und Eddy Moretti nach Bagdad, um die einzige Heavy Metal-Band des Landes zu treffen: Acrassicauda. Diese obskure Reportageidee erweist als produktiv: der Film zeigt in seinen wackeligen Digitalbildern mehr über das soziale Leben in Bagdad als zahllose politische Reportagen.


VIDEO: Heavy Metal in Bagdad (Trailer)
    Alvi und Moretti haben sich unmittelbar nach dem Fall des Saddam-Regimes auf die Suche nach der Band begeben. 2004 werden sie in einem winzigen Raum eines Einkaufszentrums fündig: die Musiker üben sich dort in zehnstündigen Sessions einen virtuosen Heavy-Metal-Sound zwischen Metallica und Slayer. Während Acrassicauda zur Zeit der Diktatur vor einigen hundert Fans auftreten konnte, solange in den Texten eines Songs dem Führer des Regimes gedankt wurde, gibt es nun keinen Ort mehr für ein Konzert. Die Macher des Films veranstalten in der Lounge eines verbarrikadierten Hotels einen Auftritt, zu dem zwanzig (männliche) Fans erscheinen. 2005 reißt der Kontakt zur Band ab, Alvi reist daraufhin ohne Visum über Kurdistan nach Irak, um die Band erneut zu treffen. Zwei Musiker sind nach Syrien geflohen, sie treffen nur noch Firas Al Lateef und Faisal Talal. Während Firas die Angst ins Gesicht geschrieben ist, nimmt Faisal die ständige Lebensgefahr gelassen. In das Gebäude mit dem Proberaum sind Raketen eingeschlagen, sämtliches Equipment ist zerstört. Als vermeintliche Satanisten erhalten die Musiker Todesdrohungen.

    Diese Sequenz in Bagdad ist die spannendste und aussagekräftigste des Films: Das Filmteam kann sich nur bei Tageslicht und in gepanzerten Fahrzeugen geschützt bewegen, die private Sicherheitsfirma verstärkt ihre Truppe ständig, so dass am Ende zwanzig Männer mit Maschinengewehren um Alvi herumstehen. Ein einziges Mal will er sich während seines mehrtätigen Aufenthalts in der Stadt im öffentlichen Raum jenseits eines abgeriegelten Hotels aufhalten. Er wird an das Ufer des Tigris gebracht, aber schon nach einigen Minuten muss er auch diesen abgelegenen Ort verlassen, weil den Begleitern die Situation zu gefährlich erscheint. Zuletzt trifft Alvi in Damaskus auf die Musiker von Acrassicauda, dort lebten im Jahr 2006 mehr als eine Million irakischer Flüchtlinge. Es kommt zu ihrem letzten Auftritt, danach müssen die Musiker ihre Instrumente verkaufen. Das Ende des Films ist unversöhnlich: für die Band steht Suroosh Alvi auf Seiten der Invasoren, die aus Bagdad jene Hölle gemacht haben, die in Heavy Metal-Songs besungen wird. Dem »Fuck you« der Band kann der Abspann nur ein »Thanks Dudes« entgegen setzen.

    »Heavy Metal in Badgad« unterscheidet sich so drastisch von den meisten anderen Dokumentarfilmen der Berlinale, weil er von keiner moralisch absicherten Position berichtet. Vielmehr stellt der Film die perverse Lust des Gonzo-Journalismus, sich selbst extremer Gefahr auszusetzen, aus: Als Alvi eine kugelsichere Weste anlegt, um vom Flughafen von Bagdad ins Stadtzentrum zu gelangen, leuchten seine Augen. Natürlich beutet der Film die beklemmende Situation der Band aus. Gleichzeitig lässt er die Jugend des Iraks als Protagonisten einer Jugendkultur erscheinen – und nicht als Opfer oder Täter von Bombenanschlägen.

»Heavy Metal in Bagdad«, Regie: Eddy Moretti und Suroosh Alvi, USA, 2007, 84 Min.

»Heavy Metal in Bagdad« im Rahmen der Berlinale:
16.02. Cine Star 7 (20:00 Uhr)

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