Berlinale 2008: Der Besucher…

Die Berlinale 2008 liegt hinter uns, rund vierhundert Filme umfasste das diesjährige Filmfestival-Programm. Alexis Waltz stellte in den vergangenen Tagen die sehenswertesten Einreichungen in seinem  SPEX-Berlinale-Tagebuch vor, abschließend resummiert er die weiteren Entdeckungen der Berlinale 2008.

TropaDeElite
»Tropa de elite«: Regisseur José Padilha erhielt den goldenen Bären für den besten Film des Wettbewerbs.

Die Stärke des Wettbewerbs der Berlinale liegt darin, dass das ganze Spektrum des Kinos zwischen Kunst, Kommerz und Trash abgedeckt wird. Leider wird bei der Auswahl der Filme mehr auf Inhalte und Namen geachtet als auf die tatsächliche Qualität der Filme. Das Idealbild des Wettbewerbs ist das ›gut gemachte‹ Erzählkino mit politischer Aussage, dem Genrefilm misstraut man ebenso sehr wie dem künstlerischen Film. Der Wettbewerb der Berlinale konstruiert den Kinobesucher als humanistischen, idealistischen Weltbürger: So lange er halbwegs unterhalten wird und die Botschaft rüberkommt, interessiert er sich kaum für die eigenen Abgründe und Ambivalenzen und verzichtet gerne auf die Selbstbezüglichkeiten und die Komplexität der Filmkunst.

    Tatsächlich fangen Publikum wie Kritiker zu murren an, wenn die Filme cinephiler und künstlerischer werden: Martin Scorseses Neuerfindung des Konzertfilms wurde ebenso wenig verstanden wie Johnny Tos Hommage an die Hollywood-Musicals eines Stanley Donen aus den fünfziger Jahren. Enttäuscht haben in diesem Jahr eine ganze Menge Filmemacher: Erick Zonca mit »Julia«, Isabel Coixet mit »Elegy« und Wang Xiao Shuai mit »Zuo You«.

    Solide, aber nicht besonders überraschende Filme zeigten altbekannte Filmemacher wie Majid Majidi, Yoiji Yamada und Robert Guédiguian und neue Regisseure wie Lance Hammer und Philippe Claudel. Mit dem gleichermaßen rätselhaften wie banalen »Night and Day« von Hong Sang-soo war 2008 einer der interessantesten Wettbewerbsbeiträge der letzten Jahre zu sehen. Und mit »Tropa de elite« gewann nach Jahren wieder einmal ein Film den Goldenen Bären, der nicht allein als zahnloses politisches Statement funktioniert, sondern kontrovers ist – und spannend.

Bananaz
»Bananaz«: Jamie Hewitts und Damon Albarns Portrait der Gorillaz

Das Panorama ist die Sektion für Filme, die für den Wettbewerb zu speziell sind oder schon auf den Wettbewerben anderer Festivals zu sehen waren. Traditionell sind im Panorama viele Dokumentarfilme mit politischen Themen vertreten, besonders die schwulen und queeren issues stechen hervor. Vieler dieser Filme, etwa »A Jihad for Love« von Parvez Sharma, haben den Charakter von Fernsehbeitragen und wirken auf der großen Leinwand hilflos und verloren. Die Dokumentarfilme über Musiker, Künstler und Filmemacher enttäuschten durch die pauschale Anwendung gängiger Reportage-Formate. Eine beachtliche Energie entwickelte »Bananaz«, Ceri Levys Film über die Gorillaz: durch das ununterbrochene, fast schon aggressive Draufhalten auf die Lad-Rituale von Damon Albarn und Jamie Hewitt gelingt es ohne Voice-Over die Spannung über neunzig Minuten zu halten.

    In den Spielfilmen des Panoramas wird der Zuschauer von einer klar erkennbaren Handlung durch den Film geführt. Viele der Filme bewegen sich qualitativ in einem diffusen Mittelfeld: der Zuschauer ist nicht verärgert – aber ebenso wenig begeistert. Überdurchschnittlich waren Manijeh Hekmats »3 Zan«, Jaihong Juhns »Arumdabda«, Chang Tso-chis »Hu-tieh«, Götz Spielmanns »Revanche«, Naoko Ogigamis »Megane« und Madonnas überraschend zurückgenommener und aussagekräftiger »Filth and Wisdom«.
 
    Das Forum ist der Ort für Filme jenseits des ›Erzählkinos‹. Leider sind dessen künstlerische und experimentelle Formen aber oft zu richtungslosen Ritualen erstarrt, die von jeder Generation von Filmschülern wieder neu angewendet werden. Rückhaltlos begeistert haben allein »Regarde-moi« von Audrey Estrougo, »Asyl – Park and Love Hotel« von Kumasaka Izuru und James Bennings »RR«; interessant waren Aditya Assarats »Wonderful Town«, Jacques Doillons »Le Premier venu«, Heinz Emigholz »Loos ornamental«, Nun Jeong-hyuns »Grandmother's Flower« und Singing Chens »God Man Dog«. Filme, die das Kino als Projektionsraum hinter sich lassen oder zu kurz für eine normale Vorstellung im Forum sind, laufen im Forum Expanded. Da begeisterten die originellen Künstlerdokumentationen von Marie Losier und der Nachtlebensfilm »Dead Devil's Death Bar« von Deborah Schamoni. Bei der Retrospektive blieb unklar, warum dem veranstaltenden Filmmuseum gerade jetzt die Filme von Luis Bunuel auf den Nägeln brannten. Gleichzeitig wird die erneute Projektion von Filmen aus der Geschichte des Festivals immer wichtiger: Greg Arakis »The Living End« begeisterte ebenso wie Charles Burnetts »My Brother's Wedding«, Kent MacKenzies »The Exiles« und die Filme von Wakamatsu Koji.

    Der Charme der Berlinale liegt in ihrem Laborcharakter. Da ist es kaum gerechtfertigt, sich über unausgegorene Filme zu ärgern. Trotzdem würde das Festivalprogramm seine Konsistenz und Energie massiv steigern, wenn es auf das schwächte Fünftel des Programms verzichten würde.


Alexis Waltz berichtete für SPEX von der Berlinale 2008. Alle Kurzkritiken des Berlinale-Tagebuchs finden sich hier.

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