Berlinale 2008: A Users‘ Guide to Berlin

Wenn am Donnerstag, 07. Februar die 58. Internationalen Festspiele Berlin eröffnet werden, dann beginnt aufs Neue die Unübersichtlichkeit. Auf zehn Veranstaltungstage verteilt kann der Besucher aus rund 400 Kurz-, Dokumentar- und Spielfilmen wählen, zusätzlich bietet das Rahmenprogramm Diskussionsrunden, Lesungen und das obligatorische Blitzlichtgewitter am roten Teppich. Für SPEX.de berichtet Alexis Waltz in den nächsten Tagen regelmäßig von den spannendsten Filmen, vorab fasst er die interessanten Screenings der diesjährigen Berlinale zusammen.

Wild Combination
Wild Combination: A Portrait of Arthur Russell (Regie: Matt Wolf, Foto: © Matt Wolf)
Der Status des Filmfestival von Cannes als wichtigstem der Welt macht die Berlinale zum ewigen Zweiten in Europa. Der Cinephilie Cannes' setzt die Berlinale Vielfalt und politisches Engagement entgegen, und während Cannes die Elite des Weltkinos von Quentin Tarantino bis Apichatpong Weerasethakul an sich bindet, ist die Berlinale das integrative, spartenübergreifende Publikumsfestival: Etwa zweihunderttausend Menschen sehen dort über vierhundert verschiedene Filme. Während sich viele Festivals hauptsächlich an Fachbesucher richten und an peripheren Orten wie Cannes oder Venedig abgehalten werden, findet die Berlinale in der Großstadt statt und richtet sich auch an deren Bewohner. Warum die Berliner die Berlinale so innig ins Herz geschlossen haben, ist gar nicht so einfach zu begreifen: Während die Berliner Kinos seit Jahren über schwindende Publikumszahlen klagen, und die Stärke der Berliner Filmkultur eher in der Produktion als in der Rezeption liegt, erwacht das Kinogewissen der Stadt in diesen zehn Tagen. Man stellt sich mit großer Ausdauer in die langen Schlangen an den Kassen, um Filme zu sehen, von denen man so gut wie nichts weiß. Ein Teil kommt ohnehin in den folgenden Monaten in die Kinos, die anderen sind oft so obskur und diffus, dass sie sich eher an Spezialisten richten.

Be Kind Rewind
Be Kind Rewind: Jack Black und Mos Def (Regie: Michel Gondry, Foto: © Junkyard Productions LLC)
    Weil fast alle auf der Berlinale gezeigten Filme für die Tagesschau wie für Gala irrelevant sind, wird das Festival erst durch das Erscheinen der Stars zum Ereignis. Es soll möglichst in den Massenmedien stattfinden, und so waren in den letzten Jahren oft die mit dem jeweiligen Film verbundenen Gäste ausschlaggebender für dessen Auswahl als der Film selbst. Dieser Kompromiss zwischen Glamour und künstlerischer Qualität ist den Berlinale-Machern nie besser gelungen als in diesem Jahr. Das zentrale Thema der Berlinale 2008 ist die Musik: die Rolling Stones präsentieren mit Regisseur Martin Scorsese als Eröffnungsfilm die Konzertdokumentation »Shine a Light«, Madonna stellt ihr Spielfilm-Regiedebut vor, Patti Smith, Arthur Russell und die Gorillaz werden in Dokumentationen geehrt. Auch im weiteren Programm erscheinen eine Reihe herausragender Namen – und Filme: Aus Hollywood kommen Daniel Day-Louis und Paul Thomas Anderson mit dem Oscarfavoriten »There will be Blood«, Scarlett Johansson und Natalie Portman präsentieren den möglicherweise eher konturlosen Historienschinken »The Other Boleyn Girl«. Michel Gondry, Jack Black und Mos Def beschließen das Festival mit ihrem gemeinsamen neuen Film »Be Kind Rewind«. Der geschätzte französische Regisseur Erick Zonca zeigt mit Tilda Swinton seine erste internationale Produktion, Isabel Coixet präsentiert ihren neuen Film zusammen mit Ben Kinsley und Penélope Cruz. Mit Mike Leigh, Johnny To und Hong Sang-Soo erscheinen zum ersten Mal drei Helden des internationalen Kunstkinos im Wettbewerb, mit dabei sind wieder Wang Xiao Shuai (»Bejing Bicycle«), Yoji Yamada (»The Hidden Blade«) und Robert Guédiguian (»The Last Mitterrand«).

Soul Of A Demon
Hu-tieh | Soul of a Demon (Regie: Chang Tso-chi, Foto: © Chang Tso-chi)
Das organisatorische Geheimnis der Berlinale liegt in der Wiederholung des rigiden Programmschemas, das Jahr für Jahr bloß mit neuen Filmen befüllt wird. Von der Struktur mit den unterschiedlichen Sektionen und Vorführungen bis zum sonderbar gediegenen, rot-goldenen Trailer, dem Web 1.0-Design von berlinale.de und dem Kataloglayout, sieht alles Jahr für Jahr exakt gleich aus. Allein an den Rändern wächst das Festival. Neben dem Wettbewerb, in dem etwa zwanzig Filme um die Bären konkurrieren, gibt es drei weitere Hauptsektionen: Das Panorama, das Forum und die Retrospektive. Das Panorama ist auf das erzählerische Kino gerichtet, das Forum auf den künstlerischen und experimentellen Film. Die Originalität der Filme im Panorama liegt weniger in ihrer formalen Machweise, sondern in den Themen und Geschichten. Jaihong Juhns »Arumdabda/Beautiful« nach einem Drehbuch von Kim Ki-duk handelt von einer Frau, die an ihrer Schönheit zu Grunde geht. »Hu-tieh/Soul of a Demon« von Chang Tso-chi, einst Regieassistent bei Hou Hsiao-hsien, spielt in einer taiwanesischen Hafenstadt, die im postindustrielle Zeitalter dem Verfall preisgegeben ist. Der Film zeigt, dass an einem Ort, wo Wohlstand und Erfolg allein in der Erinnerung existieren, auch im Sozialen der Übermacht der Vergangenheit nicht zu entgehen ist.

Otto; or, up with Dead People
Otto; or, up with Dead People (Regie: Bruce LaBruce, Foto: © Bruce LaBruce)
    Um Genrefilme macht das Panorama meistens einen Bogen, in diesem Jahr sind überraschend viele zu sehen: Der mexikanische »Sleep Dealer« versucht eine Politisierung des Hollywood-Actionfilms der Neunziger, im spanischen Horrorfilm »Eskalofrio/Shiver« ist der Slasher ein Mädchen. An Götz Spielmanns »Revanche« wird diskutiert werden, ob der Film eine Alternative zu den Milieu-Authentizismen Ulrich Seidls entwickelt. Bruce La Bruce hat mit »Otto; or Up with Dead People« durch die Zombie-Folie ein tolles Berlin-Portrait gemacht, das sämtliche subkulturellen Stile der Stadt einem liebevollen und sorgfältigen Queering unterzieht. Bei den Dokumentarfilmen des Panorama kommt der politische Anspruch des Festivals zum Ausdruck: Fast wirkt es, als müsse jedes Land mit einem politischen Problem vertreten sein. Themen sind in diesem Jahr unter anderem der neue Nationalismus in Japan, Homosexualität im Islam oder der Kampf gegen Aids in Südafrika. Auch in der entlegensten Region der Welt findet sich ein Freiheits- und Emanzipationskampf – und der Filmschüler, der ihn begeistert dokumentiert. Im besten Fall erzeugen diese Filme einen alternativen Nachrichtenkanal für politische Themen, die von den ereignisbezogenen Medien nicht verarbeitet werden können. Gleichzeitig laufen diese Filme Gefahr richtungslose, moralische Appelle zu sein. Einige der Filme würde im Youtube-Fenster einer Website besser funktionieren als auf der großen Leinwand eines Filmfestivals. Ferner implizieren diese Filme den Umkehrschluss, dass das Kino einen ständigen Legitimationsdiskurs braucht, um seine gesellschaftliche Notwendigkeit zu rechtfertigen.

Regarde-moi
Regarde-moi | Ain't Scared (Regie: Audrey Estrougo, Foto: © Audrey Estrougo)
Das Forum ist die Sektion für avantgardistisches und experimentelles Kino. Derek Jarman, Peter Greenaway oder Jia Zhang-ke zeigten hier zum ersten Mal ihre Filme in einem internationalen Rahmen. Vom idiosynkratischen Videofilm mit fahriger Handkamera bis zum rigiden, strukturellen Kino mit zigminütigen Einstellungen ist hier alles möglich. Hier kommt die Radikalität und Unversöhnlichkeit des modernen Kinos zum Ausdruck wie in keiner anderen Sektion – gleichzeitig werden die Zuschauer oft auch mit den beliebigen, ziellosen Experimenten von Filmschülern konfrontiert. Zu den Höhepunkten gehören 2008 die neuen Filme von Guy Maddin, James Benning, Heinz Emigholz und Jacques Doillon. Ein herausragendes Debut ist der Banlieue-Film »Regarde-moi/Ain't Scared« von Audrey Estrougo, der anders als Mathieu Kassovitz' »La Haine« kein Sozialdrama ist.

The Exiles
The Exiles (Regie: Kent Mackenzie, Foto: © Kent Mackenzie)
    Ghettostereotypen wie Kriminalität und Gewalt kommen nur am Rand vor, Estrougo entwickelt ihre Thesen zum Frau-sein in Colombe bei Paris allein aus der kommunikativen Interaktion der Protagonisten, die das Tempo und die Dichte von Dialoge in Filmen von Preston Sturges oder Howard Hawks hat. Eine (Wieder-)Entdeckung ist »The Exiles« von Kent Mackenzie (1961), der vom enkoppelten Feiern der Native Americans in Los Angeles handelt. Mit drei Filmen ist das Kino der Philippinen dieses Jahr besonders stark im Forum vertreten. Zum dritten Mal findet das ambitionierte Forum Expanded statt, das die Spannung zwischen Kino und Kunst in verschiedenen Präsentationsformen zwischen Austellung, Installation und Screening erforscht. In Marie Losiers Film über den minimalistischen Musiker Tony Conrad entwickeln Losier und Conrad ein Dokumentarfilmformat zwischen Slapstick und entgrenzten Avantgardeschwenks, in dem Darstellungsmodus und Dargestelltes nicht mehr auseinander zu halten sind.  In der Retrospektive der Berlinale wird in diesem Jahr Luis Buñuel geehrt – ein spannendes, aber nicht unbedingt ein zwingendes Thema. Der Meister des engagierten Kinos, dem die Hommage gewidmet ist, heißt 2008 Francesco Rosi.

Die Helden aus der Nachbarschaft
Die Helden aus der Nachbarschaft (Regie: Jovan Arsenic, Foto: © Jovan Arsenic)

Dieter Kosslick ist seit sieben Jahren Leiter der Berlinale. Er hat das Festival unmittelbarer auf das gegenwärtige gesellschaftliche Interesse am Kino bezogen und eine Reihe neuer, kleinerer Sektionen geschaffen. Mit der Perspektive Deutsches Kino wurde eine Abteilung für Deutsche Filme eingerichtet, aus der im letzten Jahr mit »Prinzessinnenbad« und »Hotel Very Welcome« zwei Überraschungserfolge hervorgegangen sind; Eva Loebau aus »Hotel Very Welcome« ist in diesem Jahr in Jovan Arsenics »Helden aus der Nachbarschaft« zu sehen. Mit dem Talent Campus hat Kosslick einen Ausbildungsbereich erschaffen, neben den am Wettwerb teilnehmenden Regisseuren ist dort Stephan Frears zu erleben, der mit Superproduzent Bernd Eichinger und Jurymitglied Sandrine Bonnaire über das Begehren nach dem echten Leben im gegenwärtigen Kino diskutiert. Die Abteilung ›Generation‹ ist auf Filme für Kinder und Jugendliche spezialisiert. Hana Makhmalbaf, das jüngste Mitglied des Theraner Makhmalbaf-Clans, zeigt »Buda as sharm foru rikht/Buddha collapsed out of shame«. Der Film handelt von einem Mädchen, die in den Slums in der Umgebung der zerstörten Buddha-Statuen in Afghanistan ihren Schulalltag organisieren will. Der ›European Film Market‹ ist die boomende Sektion des Festivals. In dieser Abteilung zeigen Produzenten Filme in der Hoffnung, Vertriebe in möglichst vielen Ländern zu finden. Deren Zahl ist größer als die des gesamten restlichen Festivals. Dabei wird das ganze Spektrum vom elitären Kunstfilm bis zum seriell produzierten C-Movie abgedeckt, das vielleicht irgendwo für die DVD-Beigabe einer Fernsehzeitschrift lizenziert wird. Diese nichtöffentlichen Vorführungen haben oft etwas Gespenstisches: manchmal bleibt die mehrere tausend Euro teure Vorführung komplett leer, manchmal drängeln sich manische Vertriebsmanager an den Absperrungen vorbei.

    Wie geht man am besten mit dem irrsinnigen Angebot der Berlinale um? Wer erwartet den perfekten Film zu sehen, wird häufig enttäuscht. Die Chance liegt vielmehr darin, sich einem vergleichsweise ungefilterten und unorganisierten Bilderstrom auszusetzen. Deshalb schaut man so viele Filme wie möglich, am besten mehrere am Tag. So nimmt man die Bilder selbstverständlicher und unmittelbarer wahr und kann auch die präzisen Momente in unpräzisen Filmen schnell und deutlich erkennen – und genießen.

Die 58. Internationalen Festspiele Berlin 2008 werden am 07. Februar mit Martin Scroseses »Shine a Light« eröffnet. Eintrittskarten sind an den offiziellen Vorverkaufsstellen oder Online auf der Berlinale-Webseite erhältlich. Für SPEX.de berichtet Alexis Waltz regelmäßig mit einem Rückblick auf die spannendsten Filme der Berlinale 08.

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