Berlin Rap-Untergrund

BerlinRap1Ein Hinterhof in Berlin-Kreuzberg. Aus dem Studio, das in einer Art Container untergebracht ist, dringen Rauchschwaden, der Bass boomt, ein zwölfjähriger Deutsch-Türke rappt am Mic: »In meinem Lebenslauf nahm ich schon vieles in Kauf …« Wir drängen uns in einem engen Gang, der mit einem alten Sofa zugestellt ist. Früher hat es hier nach toten Ratten gestunken«, erzählt Hiphop-Produzent SupaFunk. Hier, auf diesem Sofa, haben wir viele unserer Gesprächspartner getroffen. Wir sprachen über Anfänge und lose Enden, über Kreativität und Ströme von Geld, über die Geschlechterpolitik des Porno-Rap und über Aussichtslosigkeit, Straße und das Schlagwort »Unterschicht«. Wir sprachen mit Erfindern des Berliner Hiphop-Untergrunds, seinen Verbündeten, seinen Ahnen und Nachfahren.
    Der Untergrund, dieser verfluchte und verwunschene Ort, der diffus verboten mit Schmutz, mit Terror und mehr oder weniger Illegalem verfließt – und sei es auch nur, weil die obszöne Geste hilft, das Revier zu markieren, zwischen ›uns‹ und ›ihnen‹, die sich zu Unrecht aufregen, eine Trennlinie zu ziehen. Natürlich schäumt der Boulevard: Im Stern vom 01.02.2007 wird mit Lüge und Dreck einem Verbot des Untergrunds das Wort geredet. Doch der Untergrund schreit nicht, er schlägt zurück und grinst. Untergrund bedeutet Größenwahn, und er bedeutet Demut gegenüber der eigenen Überzeugung:  Man muss, bei aller kranken Ironie, ›real‹ bleiben. Weitet sich die Kampfzone aus, frisst der Untergrund von der Seuche und weitet die Augen, um als Gangster zu leben.

    Und zwar nicht bloß, weil dem Untergrund ein Stück vom Kuchen zusteht, weil er einer Gewerkschaftslogik der Teilhabe folgt, sondern weil die Energieform Geld geil ist, weil Geld kickt und dabei die Grenzen katholischer Bürgerbefindlichkeit sprengt, genauso wie die Energie form Porno. So sehr Geld im Untergrund diabolisch bleibt, weil es ausschließt, weil es exklusiv den anderen gehört – und der Untergrund ein Ort ist, wo man, zumindest anfangs, keines hat. Zugleich geht es im Untergrund um die klassische Independent-Frage:
    Mit welchen Bündnissen, mit welcher künstlerischen Freiheit, mit welcher Organisationsstruktur und Finanzierung arbeitet man? Der Untergrund: Lustversprechen, Aufstiegsverheißung und Fluch. Für manche gibt es aus der Armutsfalle Untergrund kein Entrinnen. Andere wiederum können nicht mehr zurück, weil sie sich schon zu weit entfernt haben, um noch für alle sprechen zu können, oder gar, in den Augen kritischer Wächter, Verrat geübt haben.
    Heute befruchtet der Untergrund Millionen von Fans, die gelernt haben, im Werbenebel zu existieren. In den hochgetunten Bassboxen ihrer VW-Polos laufen nicht Busta Rhymes und Eminem, sondern knallharte Statements aus Deutschland – von Ulm bis Rostock, von Chemnitz bis Buxtehude. Berlin ist das verstrahlte Zentrum der harten Ansagen des neuen Punk-Rap. Doch die egozentrisch versprengten Kräfte sammeln sich über all, in ganz Deutschland, auf der Straße, in den Bordellen und in den Clubs. Der Untergrund ist gekommen, um das Energie- Level anzuheben: »Brennt den Club ab«, rappt die Basscrew mit MC Frauenarzt. Brennt ihn nieder.

     FRAUENARZT Es gab diese Zeit in Berlin, als die Wurzeln kamen. Irgendwo ist ja immer eine Wurzel.
    STAIGER Mitte/Ende der Neunziger fehlte etwas im deutschen Hiphop. Ich war Journalist und Hiphop-Fan, als ich den Berliner Rap-Nachwuchs kennen lernte. Ich fand’s großartig, weil es so natürlich war. Auch die Stimmen waren nicht künstlich verstellt, wie bei vielen anderen Rappern, die ernsthaft rüberkommen wollen. Kool Savas erzählte mir von den Freestyle-Cafés in den USA. Hier in Berlin gab es nur ein paar Workshops, wo sich ein, zwei Rapper trafen, aber keinen richtigen Treffpunkt. So entstand die Idee, eine Freestyle-Session in dem kleinen, abgefuckten Club Royal Bunker abzuhalten. Damals begannen wir, in Berlin einen neuen Untergrund aufzubauen.
    MELBEATZ Als wir Mitte der Neunziger mit Hiphop anfingen, gab es gar keine Alternative zum so genannten Untergrund. Es gab natürlich Fettes Brot und Freundeskreis und solche Leute.
    KRONSTÄDTA Der kommerzielle Rap-Boom wurde 1996 mit »Anna« von Freundeskreis eingeleitet. In der Zeit haben Major-Firmen, die bis dahin den Trend verschlafen bzw. ignoriert hatten, Rap für sich entdeckt. Und die gleichen Schnarchnasen, die an der Geburt von deutschem Rap so überhaupt gar nicht beteiligt waren, meinten, ihn ein paar Jahre später wieder für tot erklären zu können. Bis dann die zweite Erfolgswelle des Raps härterer Gangart vor allem aus Berlin kam.
    MELBEATZ Je lustiger Rapper sein mussten, um verkaufen zu können, desto assiger haben Kool Savas und die anderen gerappt. Savas hätte damals keiner gesigned, hätte er nicht seinen Hype selber aufgebaut: Die Tapes selber produziert und verkauft, das Royal Bunker Label und einen Vertrieb mit aufgebaut. Einfach, um die Mucke zu machen, auf die wir Bock hatten. Auch Beats waren für mich Neuland. Ich produzierte noch total rough, alles noch nicht ausgereift, deshalb nicht Major-tauglich. Major war für mich damals noch ganz weit weg. Ich dachte: Da muss man wie in den Adel reingeboren werden.

BerlinRap2    FRAUENARZT 1997/98 hat sich der Untergrund in Berlin formiert. Dadurch, dass mehrere Leute, die die gleiche Sache gemacht haben, zusammenkamen und sich die Musikstile vermischt haben. Die einen waren geprägt vom West-Coast-Battle-Rap, andere von Miami-Bass und so weiter.
    MELBEATZ Es ist ja bekannt, dass Deutschland Amerika immer musikalisch hinterherhinkt. Wir sind im Hiphop heute auf einem NWA-Level. Das war 1991.
    FRAUENARZT Unsere Generation ist mit amerikanischem Rap aufgewachsen, zumal wir hier ja auch in einer amerikanischen Region gelebt haben und nicht in unserer eigenen Sprache Musik hörten. Das hat sich durch Leute wie uns geändert. Wir haben uns jede Woche im Royal Bunker Club getroffen und gerappt. So haben wir den Untergrund geprägt.
Wir waren die Pioniere: Taktlo$$, Orgi, Kool Savas, sido, B-Tight, Rhymin Simon, Basstard und ein paar andere Leute.
    TAKTLO$$ Als ich anfing, waren wir zusammen. Eine Gruppe. Zusammen und Konkurrenten. Es war eine schöne Zeit. Auch wenn sich seitdem vieles gegenläufig entwickelt hat, erinnere ich mich an die gute gemeinsame Zeit. Wie Mikah 9 sagt: »It’s all love.«
    STAIGER Die Jungs wollten unter sich bleiben. Jeder, der nicht dazugehörte, war wack, und alle haben gegen die feindliche Außenwelt zusammengehalten.
    FRAUENARZT Die Tapes haben wir zuerst  nur für uns gemacht, für die anderen Rapper und für Freunde. Die wollten ja alle diese Raps auf Kassette haben. Die waren ja Fan, du bist der Beste und so, und der ist auch gut, Taktlo$$ ist lustig, und so.
    SIDO Ich hab immer hart gearbeitet. Ich hab drei Songs am Tag gemacht. Wir haben auf Vierspur hergestellte Tapes verkauft. Die Beats haben wir anfangs auf der Playstation programmiert. In die Playstation konnte man CDs einlegen, mit dem Musikmaker2000 sampeln und dann damit arbeiten.
    MELBEATZ Dieses Westberlin Maskulin, das Savas damals mit Taktlo$$ gemacht hat, ist ja so gesehen unhörbar. Aber es war etwas Neues, etwas Gutes, etwas, das ein Major niemals rausbringen könnte. Underground gab dir die Möglichkeit – etwa so wie heutzutage MySpace –, einfach deine scheiß Sachen den Leuten vorzuspielen. Und zwar egal, ob es massentauglich ist oder nicht. Aber genau diese Aussetzer finde ich voll wichtig, denn das gehört zu einer Entwicklung dazu. Klein anfangen können – das ist wichtig. So gesehen ist Underground eine Entwicklungsstufe.
    FRAUENARZT Als wir unsere ersten richtigen Konzerte gespielt haben, war ich sehr beeindruckt, als so viele Leute kamen, obwohl wir kaum Musik verkauft hatten. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie viele Leute die Musik kopieren und feiern, wenn auf einen Schlag 500 Leute zum Konzert kommen. Und die Leute konnten sogar alle Texte mitrappen. Das war zu einer Zeit, in der wir in keinem Magazin standen. Das war der Anfang vom Hype.

»Meine Botschaft: Mädels, represented euch mal ein bisschen anders, und nicht über euren Arsch.« (She-Raw)

    TAKTLO$$ Es gibt Ströme. Weniger werden mehr. Wer weiß das schon.
    FRAUENARZT Damals begann das auch mit dem Internet, so dass sich unsere Lieder auch über das Internet verbreitet haben. Und dann kam Ebay, die Leute haben unsere Tapes ersteigert, und dann musste man größere Auflagen machen.
    STAIGER Ich bin nicht der Typ, der das große Geschäft wittert und die dicke Mark verdienen will. Wenn wir zu der Anfangszeit gesagt hätten, wir wollen das dicke Geld machen, hätten wir anders arbeiten müssen. Natürlich war es lustig und anarchisch, aber es wurde uns ja von Aggro vorgemacht, wie es richtig geht.
    SIDO Ich bin kein Vorreiter. Das sind ganz andere Leute. Natürlich haben viele wegen sido angefangen zu rappen. Aber die Tür ist schon vorher aufgemacht worden. Ich bin nur durch sie durchgegangen.
    STAIGER Ich bin mit meinen Sachen leider noch nicht reich geworden.
    SIDO B-Tight und ich hatten auch keinen Kopf für Marketing, wir brauchten auch erst mal Aggro Berlin. Wir hatten zwar von den Tapes auch 15.000 Stück verkauft, wir waren die Top-Seller im Untergrund. Aggro war der notwendige nächste Schritt.
    SHE-RAW Als ich 2001 angefangen hatte, war der Untergrund noch richtig am Kochen. Inzwischen wollen alle hoch hinaus, und keiner hat mehr Bock auf dieses »Yeah, Westberlin for life« und »für immer Untergrund«. Das will keiner.
    SIDO Taktlo$$ will Untergrund bleiben.
    B-LASH Untergrund ist bei den meisten nur leeres Gerede. Bei Taktlo$$ kann ich mir vorstellen, dass er wirklich dahinter steht.
    TAKTLO$$ Ich hab keine Ahnung, was Untergrund ist.
    KRONSTÄDTA Der Underground ist weder in Berlin noch irgendwo anders homogen. Underground sind vielfach die Bushido-Muschido-Klone dieser Welt, die wenig oder nichts ver kaufen, die keine Kontakte haben und grottenschlecht sind und deshalb unfreiwilligerweise Underground bleiben. Und dann gibt es Rapper wie Taktlo$$, die Underground bleiben, weil ihr Style für die hiesige Verwertungslogik zu kantig ist.
    FRAUENARZT In Deutschland hat sich das irgendwie umgekehrt: Es heißt zwar Untergrund, aber eigentlich verkauft der Untergrund inzwischen besser als der Mainstream, zumindest teilweise.
    KRONSTÄDTA Wenn man vom Berliner Hiphop-Underground spricht, meint man meistens Pseudo-Gangster-Rap, der, ökonomisch gesehen, oft gar kein Underground ist.
    FRAUENARZT Untergrund hat nichts mit der sozialen Lage zu tun. Es gibt Untergrund-Releases, und es gibt größere Releases.
    B-LASH Untergrund ist ein Rap-Begriff. Unterschicht ist eine soziale Kategorie. Dazwischen muss man differenzieren. Das Wort Unterschicht kommt im Hiphop nicht vor. Es gibt im Hiphop keine Unterschicht. Untergrund ist Hiphop, der keinen kommerziellen Durchbruch geschafft hat. Du gehst den Independent-Weg mit kleinem Label und Vertriebsweg, investierst kaum in Werbung und schaust, wie du mit deinem Ding weiterkommst.
    SUPAFUNK Die Strukturen vieler Untergrund-Labels sind katastrophal. Einerseits haben sie kein Geld, um Leute einzustellen, andererseits wollten sie aber schon als Label gelten und unabhängig sein. Das führt dazu, dass die Künstler alles selber machen müssen, vom Video über das Mastering bis hin zum Marketing. Kritik ist zwecklos, weil eben kein Geld da ist.

BerlinRap3    B-LASH Ich scheiß auf den Untergrund. Untergrund ist einfach nur schlecht leben, seine Musik nicht an genug Leute bringen, so wie man’s verdient hätte. Ich wollte nie Untergrund sein.
    SHE-RAW Alle wollen Essen und ihre Miete zahlen. Deswegen kann ich nicht im Untergrund hustlen. Das ist mir heute auch alles zu gangstermäßig, dieses ganze Sich-gegenseitig-Abziehen und diese Gewaltschiene. Der Untergrund ist ein Ort, an dem ich nicht mehr sein möchte.
    SIDO Untergrund. Ich gehöre noch zu denen. Ich bin von denen. Vor nicht allzu langer Zeit haben wir noch auf denselben Bühnen gestanden und haben denselben Kampf gehabt. Der Untergrund ist die Schwelle zum Erfolg.
    SHE-RAW Der Untergrund ist wie eine Feuertaufe. Da musst du mal durchgehen.
    SIDO Es gibt natürlich auch so Sachen wie Popstars auf Pro7, die ganz ohne Untergrund funktionieren. Doch wenn du ernst genommen werden willst, musst du durch den Untergrund gegangen sein. Auch mal vor 50 Leuten gespielt haben, auch mal ausgebuht werden, auch mal beworfen werden, auch mal im Auto vor dem Club schlafen müssen. Hustlen, einfach kämpfen dafür. Und schön lange lernen. Wenn du bei Popstars bist, kriegst du in einem Schnellkurs einmal das Gehirn gewaschen. So etwas funktioniert nicht. Man kann keinen Star in drei Wochen machen.
    TAKTLO$$ Mit genug Geld im Rücken kann man alles schaffen.
    SIDO Wenn die Rapper damals in Amerika viel Geld verdient haben, haben sie sich für  ihr ganzes Geld eine Goldkette gekauft. Den ganzen Vorschuss erst mal verbraten. Das ist  so ein Hiphop-Status-dicke-Eier-Ding. Deshalb hab ich mir auch »Gold« auf den Körper tätowiert. Ich denke, ich darf damit auch angeben, weil ich der erste Independent-Künstler bin, der in Deutschland jemals Gold gemacht hat.
    SUPAFUNK Wer träumt nicht davon, fettes Geld mit Majors zu machen? Aber glücklicher wird man doch, wenn man sein eigenes Ding macht.
    KRONSTÄDTA Früher bei P-Pack, unserem kleinen autonomen Netzwerk und Künstlerkollektiv, gab es immer sehr dogmatische Diskussionen über die Majors. Das sehe ich lange nicht mehr so eng. Ich nehme gerne einen dieser mittlerweile dünn gesäten Remix-Aufträge von Universal an, anstatt wieder kellnern zu gehen.
    MELBEATZ Ich bin kein Dienstleister. Mir geht’s nicht um die Kohle. Ich will Neues schaffen.
    STAIGER Was ich im Hiphop vermisse, ist das Bewusstsein, dass es um Kunst geht und auch um Kunst gehen muss.
    SIDO sido hat allen vorgemacht, dass rappen einfach ist, weil es wie reden ist. Jeder rappt seitdem. Hauptsache, du sagst etwas Ordentliches.
    STAIGER Wenn du zu viele Dinge auf einmal sagen willst, sind die Leute überfordert. Wenn es zu viele Bedeutungsebenen gibt, wird es zu viel.
    KRONSTÄDTA Ich wollte immer sinnvolle Musik ohne textliche oder andere Kompromisse machen. Ich wollte nicht nur battlen und representen, sondern den Leuten etwas mitteilen, auch mal weltpolitisch, ohne das Entertainment zu vernachlässigen. Obwohl ich Major-Strukturen tendenziell ablehnte, ging es mir vor allem darum, dass ich mich in Ruhe um die Musik kümmern kann und mich nicht noch als Produktmanager oder A&R betätigen muss. Weshalb wir dann teilweise doch mit größeren Firmen kooperiert haben. Heute gibt es im Hiphop kaum noch Anti-Major-Attitüden. Alle arbeiten nach dem amerikanischen Vorbild, wo es nur um den Erfolg geht.
    SUPAFUNK Aggro ist ein Independent-Verein, der aus eigener Kraft Kommerz macht. Die Majors würden sich einiges abschneiden, um Aggro als Sub-Label zu kriegen.
    SIDO Der Untergrund-Kampf ist für mich persönlich vorbei. Aber der Kampf geht jetzt erst richtig los und wird auch ein bisschen ein Krampf. Früher wusste man noch nicht so richtig, wofür man das macht. Jetzt weiß man es und ist vielleicht sogar ein bisschen enttäuscht.
    FRAUENARZT Heutzutage kann man so einen Untergrund nicht mehr aufbauen, weil es so trendy ist, so krass angesagt, und weil man schon viel weiter ist.

    TAKTLO$$ Hätte ich’s mir aussuchen können, wäre ich sowieso kein Rapper geworden. Dann wäre ich Fußballspieler geworden.
    SIDO Bei Taktlo$$ wechselt das ganz schnell zwischen Unterschicht, Mittelschicht und Überschicht – von Stunde zu Stunde ändert sich das. Der ist auch gar nicht dumm. Das ist ein richtig schlauer Junge.
    B-LASH Taktlo$$ wollte nie nach ganz oben. Er hatte nie diese Mediengeilheit. Als sie ihn ins Fernsehen eingeladen haben, war seine erste Frage: »Wo ist mein Geld?«
    KRONSTÄDTA Es gab auch schon Phasen, in denen es mir finanziell  dreckig ging.
    SUPAFUNK Taktlo$$ reagiert auf ein Samy-Deluxe-Image genauso allergisch wie auf Harris und viele andere Rapper. Es heißt immer: »Taktlo$$ gegen den Rest der Welt«. Man kann Taktlo$$ als reale Person und sein Image nicht wirklich auseinander halten. Man kann Taktlo$$ nicht kennen. Bei ihm gibt es kein persönliches Gespräch, vor allen Dingen nicht mit den Medien. Man erhält von Taktlo$$ keine Antworten. Er ist die Verkörperung des Untergrunds.
    STAIGER Die Intellektuellen können Taktlo$$ nicht wahrnehmen, dazu fehlt ihm das Netzwerk. Und für die Proll-Kids ist er dann wieder zu unprollig.
    SUPAFUNK Ich weiß nicht, ob Taktlo$$ geplant Dadaismus- oder Expressionismus-Rap macht. Er macht es einfach. Ich glaube, er ist ein ziemlich komplizierter Mensch.
    SIDO Taktlo$$ ist ein Zocker. Der ist Casino-süchtig.
    STAIGER Taktlo$$ ruft nachts bei Journalisten an und droht ihnen, wenn ihm Artikel nicht passen.
    TAKTLO$$ Ich war der Erste, der in Deutsch land gebattled hat. Viel wichtiger ist es jedoch, der Letzte zu sein. Dafür lebe, kämpfe und töte ich.
    SUPAFUNK Niemand kann ein Battle gegen Taktlo$$ gewinnen.
    TAKTLO$$ Ein Battle? Ein Reim? Priorität?
    KRONSTÄDTA Verbalaggression ist ein Mittel, um Dampf abzulassen. Dieses Gehirnficken kriegt eine Schräglage, wenn man den Rapper trifft und der einem nicht mal richtig die Hand drücken kann. Von Weicheiern will ich den Scheiß nicht hören. Von krassen Typen allerdings auch nicht, selbst wenn die textliche Härte bei ihnen authentisch rüberkommt. Bei Shok-Muzik sind wirklich Leute, mit denen ich keinen Stress haben will.
    STAIGER Es gibt weiterhin Revierkämpfe, und das Label Shok-Muzik ist dabei, Aggro den Kampf anzusagen. Mit Städteverboten und so weiter. Shok-Videos greifen ganz klar bestimmte Rapper an. Es gibt Kämpfe, auch mit den Fäusten. Wir leben hier, wir haben genug mit den harten Jungs zu tun. Auch wenn ich vielleicht einen anderen Hintergrund habe, krieg ich mit, was abgeht. Das Leben hier habe ich nie als stilisierenswertes Ghetto gesehen. Wenn du im Knast warst, bist du am Arsch, verlierst deine Wohnung, vielleicht Familie und Kinder, und bist dann möglicherweise erstmal obdachlos. Alle wollen aus dem Ghetto raus. Deshalb habe ich nie das Bedürfnis gehabt, Schlägereien oder Messerstechereien zu glorifizieren.
    KRONSTÄDTA Einige kleine Untergrundlabels ziehen sich jetzt Möchtegern-Gangster an Land und glorifi zieren das Gangsterleben ohne Ende. Da ist es unvorstellbar, dass über Sachen gerappt wird, die Tiefe haben und einen zum Weinen bringen. Die echten Gangster auf der Zelle weinen auch mal. Die haben es nicht nötig, immer nur die harte Schiene zu fahren.
    MELBEATZ Wenn du ein echter Gangster wärst, würdest du nicht rappen. Das macht kein echter Gangster. Sprechgesang ist peinlich für einen Gangster. Also erzähl mir nichts.

BerlinRap5    STAIGER Ein Rapper aus dem Aggro-Umfeld, dessen Platte ich scheiße fand und weggeschmissen hatte, pöbelte mich auf der Straße an. Er schlug vor, die Geschichte auf dem Fußballfeld auszutragen. Einer der Jungs fragte, ob er mich abstechen soll. Nachdem es eine Weile hin und her ging, bin ich ab, weil ich keine Lust hatte, das zu vertiefen. Zwei Stunden später hatten wir unsere Leute mobilisiert und die Lage geklärt. Wir sind hier nicht in der Weimarer Republik, und Rap ist nicht die SA, niemand hat hier zu befehlen, wann wer was sagen darf. Ich sage immer, was ich denke, ich glaube an diesen Rechtsstaat und bin auch bereit ihn zu verteidigen.
    SIDO Gangs und Gewalt auf der Straße werden in Berlin immer gefährlicher. Alarmstufe Orange, bald Rot. Wenn da nicht bald jemand die Augen aufmacht und merkt, dass es ernst ist, explodiert es. Dann wird es sehr französisch hier. Beispiel Wrangelstraße. Früher musste jeder schlucken, wenn die Polizei kam. Jetzt gibt es keinen Respekt mehr.
    STAIGER Damals wollte uns Aggro das Terrain streitig machen. Sie wollten uns nach eigener Aussage aus der Stadt werfen. Inzwischen hat sich die Lage beruhigt. Man hat gemeinsame Erfahrungen gemacht und kennt sich.
    SIDO Das Gangster-Image, das mir angeheftet wurde, kam nicht von mir. Ich war vielleicht ein bisschen prollig oder frecher als andere, aber zum Gangster haben mich die Medien gemacht.
    STAIGER Von Aggro gab es immer die Ansage, dass sie uns das Studio ausräumen, sollten wir einen Track gegen sie machen. Auf Konzerten wurden Royal-Bunker-T-Shirts zerrissen. Ich habe dann mit sido telefoniert, und ihm gesagt, dass ich das weiß. Er hat es geleugnet und mir Props gegeben.

 

»Ich möchte nicht, dass mein Sohn in Neukölln aufwächst. Mein Sohn wohnt in einer besseren Gegend von Berlin, geht auch auf eine bezahlte Musikschule.« (sido)

    SIDO Wenn in der Zeitung steht, du bist ein Gangster, dann freust du dich auch dann nicht, wenn du wirklich ein Gangster bist. Ich hingegen freu mich nicht, weil ich keiner bin und weil man damit echten Gangstern zu nah tritt. Ich kenne natürlich hier und da ein paar härtere Straßenjungs, die früher Gangster waren und jetzt versuchen, mit Rap ein ordentliches Leben zu leben. Ist sehr schwer. Wenn du dir mit 28 denkst: »Ich wechsel jetzt vom Leute erschießen zum Rappen.« Das funktioniert nicht.
    KRONSTÄDTA sido ist kein Über-Rapper, was er auch selbst weiß. Das macht ihn in Kombination mit seiner Fähigkeit zur Selbstironie sympathisch. Ich finde, bei ihm passt alles zusammen: Produktion, Texte, Artwork, Auftreten. Das ist gut gemacht und hat deshalb berechtigterweise Erfolg. Ein Bushido hingegen ist, ähnlich wie 50 Cent in den USA, verständlich und stumpf genug, um von den Massen geliebt werden zu können. Bushido weiß, wo er steht – und kommuniziert das.
    SIDO Bushido ist definitiv kein Gangster. Seine Bodyguards vielleicht schon.
    SUPAFUNK Die Zielgruppe von Bushidos »Sonnenbankflavor« sind Sonnenbank-Gangster. Ohne das jetzt ab- oder aufzuwerten; ich bin selber halber Kanake. Hier in Deutschland ist das ja so: Selbst etwas dunklere Menschen werden weiß, wenn sie nicht ins Solarium gehen. Farbe ist ja auch Status. Ein Zeichen der Abhebung. Das ist doch genau die Aussage des Bling-Bling Raps: Hast du was, bist du was. Die fette Uhr, der Mercedes.
    STAIGER Zwar sind manche Dinge in Videos oder in den Texten überspitzt, aber das heißt nicht, dass es das nicht gibt. Die Welt, die Bushido beschreibt, die gibt es.
    SUPAFUNK Bushido ist ein Geschäftsmann und ein wirklicher Wirtschaftsfaktor. Zu seinen Konzerten kommen tausende von Fans.
    KRONSTÄDTA Die eindimensionale Gangster-Rap-Präsenz in den deutschen Charts finde ich schade. Die Nuancen fallen völlig raus. Intelligenter, sozialkritischer oder freakiger Rap findet nicht mehr statt.
    MELBEATZ Wenn ich sage: »Ich fick’ deine Mutter« oder »Du Hurensohn«, dann, weil ich möchte, dass jemand sich schlecht fühlt. Und wenn ich das gerappt höre, dann fühle ich mich schlecht. Das befriedigt mich nicht.
    STAIGER Die Rassismen, die der deutsche Hiphop hat, müssen wir loswerden. Auch diese Schwulenfeindlichkeit. Das ist Befreiung.
    TAKTLO$$ Was hab ich damit zu tun? Ich komm gerade aus meinem Bett. In Kreuzberg.
    B-LASH In Kreuzberg aufzuwachsen ist mit Problemen verbunden. Die Kids kriegen ganz genau mit, was auf der Straße los ist. Im Endeffekt haben die Kids es aber besser als die erste Generation, die mit Gangs, Drogen und Gewalt aufgewachsen ist, weil sie heute durch Leute wie uns ein bisschen an der Leine gehalten und vor der Scheiße geschützt werden. In meiner Generation gab es das nicht. Wir wurden ins kalte Wasser geworfen. Ich sag immer: Derjenige, der von den Fehlern der anderen lernt, ist der Schlaue. Der, der von den eigenen Fehlern lernen muss, ist der Dumme.
    STAIGER Hier im Kreuzberger Kiez kommen viele zu mir, weil sie sonst niemandem mit einem Faxgerät kennen. Auch wenn jemand ein Praktikum braucht, weil er sonst keine Bewährung bekommt. Das kriegen sie auch von mir. Ich will den Leuten gerne helfen und Know-how vermitteln, aber ich mache natürlich keine Beschäftigungstherapie, sonst müsste ich vom Senat bezahlt werden. Für so etwas habe gar nicht die Zeit.
    FRAUENARZT Es gibt in Deutschland versteckte Ghettos. Wenn man wie ich viel tourt, dann merkt man das. Im Osten sind die Leute so abgefuckt, da gibt es ja Kleinstädte mit 80% Arbeitslosigkeit. Die Leute haben nichts zu tun, außer auf der Straße rumzugammeln und zu hustlen. Die wollen sich auch mal was Schönes kaufen und beklauen sich gegenseitig. Crystal macht jetzt die Runde. Es ist hart geworden in Deutschland.
    SIDO Ich möchte nicht, dass mein Sohn in Neukölln aufwächst. Mein Sohn wohnt in einer besseren Gegend von Berlin, geht auch auf eine bezahlte Musikschule.
    B-LASH Die Kleinen haben mit uns Glück. Wir hatten früher nix. Keiner hat auf uns aufgepasst, keiner hat gesagt: »Mach mal Musik.« Wir lassen die Kids mitmachen und geben unsere Erfahrungen weiter.
    SHE-RAW Die vercrackte Welt macht einen schon genug fertig. Da muss man auch ein bisschen Hoffnung verbreiten.

BerlinRap6    FRAUENARZT Der Grund für meine gut besuchten Konzerte ist, dass die Leute so abgefuckt sind, dass ich ihnen aus der Seele spreche. Es gibt ja auch ernstere Themen, die man manchmal auch auf eine lustige Weise, oft auch auf eine sehr harte Auf-die-Fressemäßige Art behandelt. Die Leute wollen abschalten, sich gehen lassen und die Sau rauslassen. Die können nicht die ganze Zeit in ihren Depressionen versinken.
    STAIGER Was ich an Orgi und Frauenarzt, die beide aus dem Kleinbürgertum kommen, gut finde, ist, dass sie die Fresse nicht halten und klar sagen: »Wir essen auch Kaviar und sitzen mit am Tisch, ob es euch passt oder nicht.« Die verkaufen so viele Platten und Pornos, dass sie sich das leisten können. Sie sitzen wirklich mit am Tisch.
    SHE-RAW Gerade, wenn man sich den Untergrund anhört, merkt man, das sind Leute aus sozial schwächeren Familien. Alle rappen: Ich will auch ein Haus, ich will auch was vom Kuchen. Mir geht’s Kacke, und ich hab nichts im Kühlschrank. Das ist stärker geworden als zu der Zeit, als ich anfing, wo es noch um Representen und Aussagen wie »Ich bin der Geilste« ging. Mittlerweile rappen immer mehr Leute darüber, wie schwer sie es haben und wie abgefuckt es ist.
    STAIGER Die BZ regt sich darüber auf, wie ein »Hartz-IV-Betrüger« es wagen kann, den Lifestyle der Schönen und Reichen zu haben, während ein Herr Ackermann mit seinem Schmiergeld auf ganz anderem Niveau arbeitet. Deshalb finde ich gut, was Orgi, Frauenarzt und andere machen. Sie machen es mit einem radikal kapitalistischen Ansatz, aber sie tun ja wirklich was dafür. Sie machen Musik, sie sind Künstler. Aber dann natürlich immer in Opposition zum guten Geschmack und zur sozialdemokratischen Befindlichkeit der SPD-Abgeordneten Monika Griefahn. Zum Teil wird das dann wieder reaktionär, denn die wollen ja nicht wirklich die Zustände, die sie in manchen ihrer Songs heraufbeschwören.
    FRAUENARZT Manny Marc und ich haben diese »Hart an der Grenze«-Doppel-CD gemacht, wo wir uns gesagt haben, lass uns mal ein bisschen auf die Kacke hauen, weil uns dieses ganze übertriebene Gangster-Ding so auf den Sack gegangen ist. Messerstechereien und so, von denen Leute erzählen, die noch nicht mal ein Messer in der Tasche haben. Die Kids werden nämlich zum Teil tatsächlich so, wie sie es in Texten von Leuten hören, die nicht so sind. Also haben wir gesagt: Lass uns mal richtig schocken. Wenn die Messer haben, haben wir Maschinengewehre. Erst im Nachhinein habe ich mich gefragt, wie die Leute wohl reagieren würden, wenn ich sage: »Ich bin der Adolf Hitler des Gangster-Rap.« Obwohl ja klar ist, dass der größte Teil meiner Freunde Ausländer sind. Obwohl es ja logisch ist, dass Adolf Hitler keinen Gangster-Rap macht.
    SUPAFUNK Taktlo$$ wurde von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) wegen angeblicher rechtsextremer Tendenzen auf die Indexliste gesetzt. (lacht) Weil er Nigga sagt! Taktlo$$ ist selber kein Weißer und nennt sich selbst »der letzte tighte Nigga«.
    FRAUENARZT Einmal kam auf einer Party in Berlin eine zu mir angerannt und hat mich mit beiden Fäusten geschlagen und hat geschrien: »Du  Schwein! Du Schwein! Du bist so ekelhaft!« Ich hab’ nur gelacht. Es gibt ja oft diese Diskussion, dass meine Musik primitiv und arm wäre.
    STAIGER Meine Frau findet den ganzen Porno-Rap Scheiße. Sie kann damit nicht viel anfangen und findet es abstoßend und ekelhaft.
    SIDO Leider ist es so, dass Leute pikiert sind, wenn man die Wahrheit sagt, sagen wir mal: die schöne, gesunde Mittelschicht.
    STAIGER Das Interessante beim Sex ist doch auch das Flirten und der Moment, wo eine normale Begegnung eine erotische wird. Plötzliche, unbeabsichtigte Ansichten, der Ansatz einer Brust – das ist doch das Schöne und nicht Titten raus, ich fick’ deinen Arsch. Frauenarzt macht stinknormale Pornografie. Stundenlang Bum! Bum! Bum! Das finde ich nicht erotisch.
    SHE-RAW Dieser Porno-Style war für mich nichts Neues. Das kannte ich schon von diesen ganzen Ami-Sachen. Schließlich hat auch mein Vater voll viel Hiphop gehört, Ice Cube und so. Ich hab’ da nie gedacht, die reden jetzt über mich. Für mich war das immer ganz klar Entertainment.
    FRAUENARZT Vor zehn Jahren waren Sex und Porno im US-Rap normal. Ich hab viel Miami-Bass-Zeug gehört und war irgendwie fixiert darauf. Ich hatte einfach Lust drauf. Ich war jung, notgeil, hatte Bock auf Fotzen und hab’ darüber gerappt. Orgi wollte auch schon immer Pornos machen, das war auch immer sein Traum, das weiß ich noch von früher. Orgi und ich sind die ersten Porno-Rapper in Deutschland gewesen.
    MELBEATZ Ich sage nicht, dass Savas unbedingt der Erste war, der Porno-Rap gemacht hat. Aber ich sage schon, dass es sein Verschulden ist, dass Porno-Rap heute so groß ist in Deutschland. Viele Leute haben es aber falsch verstanden. Natürlich heißt »Lutsch meinen Schwanz« schon »Lutsch meinen Schwanz«, aber das ist ja bloß ein einzelner Satz. Der Rest vom Rap waren ja lustige Metaphern fürs Ficken. Er hat es geschafft, tausende von absurden Vergleichen anzuschleppen, so dass es immer wieder amüsant und überraschend war. Als Savas von der BMG gesigned wurde, waren sich ja alle sicher: Jetzt kommt ein Fick-Album. Aber da war er in seiner Entwicklung schon viel weiter. Viele dachten: Jetzt hat er sich für den Major softer gemacht. In Wirklichkeit war BMG total sauer, dass er kein »Lutsch meinen Schwanz Part 2« abgeliefert hat.
    SHE-RAW Frauenarzt habe ich live zum ersten Mal auf dem Splash 2005 gesehen, weil er direkt nach uns aufgetreten ist. Der hatte Gogo-Tänzerinnen dabei, von denen ich nur dachte: »Ach du Scheiße, was geht denn jetzt ab!« Jeder soll machen, was er will, aber ich verstehe die Frauen nicht, die sich dafür hergeben. Ich verstehe es einfach nicht, und ich werde es auch nie verstehen. Ich war geschockt. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt.
    KRONSTÄDTA Sex und Sexismus sind im Rap teilweise einfach nur Etikette.
    SHE-RAW Ich hatte ja jetzt auch schon ein paar Auftritte mit Orgi und hab auch diverse Pornodarstellerinnen in seinem Büro gesehen, die zum Casting für »Orgipörnchen« da waren. Ist nicht so ganz meine Welt, aber sollen sie mal alle machen und glücklich werden, wenn das ihr Ding ist.
    FRAUENARZT »Orgipörnchen 3« ist gut.  Der vierte ist schon zu professionell. Guckt euch drei an, der ist gut. Motivierend. Stimulierend.
    STAIGER Unsere Künstler K.I.Z. singen nicht »Ich ficke und bumse«, sondern »Ich weiß was dir gefällt / Unser Zimmer wird zum Zirkuszelt / Ich dachte Frauen machen so etwas nur für unerhört viel Geld.« Das sind kleine Filme und Bilder, die im Kopf entstehen. Das ist für mich Erotik.

BerlinRap4     SIDO K.I.Z. ist gut. Große Talente, gute Rapper, machen gute Bilder. Denen müsste man unter die Arme greifen, ein bisschen Struktur beibringen. Bei denen könnte es längst besser laufen. Dieses Fleisch-Ding funktioniert zum Beispiel nicht – mit Schweinekopf und Schlachterbeil auf der CD drehst du keine Videos, die im Fernsehen laufen. Die müssen sich entscheiden, ob sie Untergrund bleiben wollen.
    KRONSTÄDTA K.I.Z. finde ich sehr spannend, weil sie soundästhetisch und Rap-Stylemäßig zwar das Gangster-Ding machen, aber ironischer, witziger und doppelbödiger sind als andere. Für das nächste dicke kommerzielle Ding sind sie aber möglicherweise – in Major-Kategorien gedacht – nicht stumpf genug.
    STAIGER K.I.Z. sprechen auf eine lustige Art über Sex. Ich hatte auch schon mal Sex auf dem Klo oder auf einem Konzert, klar. Hatte doch jeder.
    FRAUENARZT Wenn man über Sex rappt,  heißt das nicht, dass man die ganze Zeit Sex hat oder die ganze Zeit Sex im Kopf hat. Die ganze Zeit nur: Porno. Und nur mit Muschis im Kopf durch die Gegend rennen. Man macht Musik für den Moment, man macht ja Stimmungsmusik.
    STAIGER Frauenarzt ist ein netter Typ, der seine Malerlehre abgebrochen hat, um Mucke zu machen. Ich finde bewundernswert, was er aufgezogen hat. Wenn ich auch glaube, dass ihm viel Spaß durch die Lappen geht, wenn er Sex tatsächlich nur so praktiziert, wie er ihn beschreibt.
    FRAUENARZT Ich hab keine Freundin. Ich hab keinen Bock drauf, ich hatte schon eine  Beziehung. Es gibt auch zu viele hübsche, nette, süße Frauen, als dass ich mich irgendwie auf eine konzentrieren könnte. Ich will natürlich nicht alle, dann wäre ich voll der Psycho. Ich will höchstens alles Geld der Welt, aber alle Frauen, das wär zu viel Stress. Manchmal reicht mir eine Stunde, und dann ist genug.
    SHE-RAW Manche Rapper suchen sich so Betthasen als Freundin. Die sind dann zwar stulle im Kopf, aber irgendetwas können die besonders gut. Es gibt kaum Rapper mit starken Frauen an ihrer Seite.
    MELBEATZ Ich hab schon immer mit Jungs abgehangen. Das war für mich das Normalste auf der Welt. Ich war ja auch eher burschikos, so wie ein Junge. Da ist eine Welt für mich auseinander gebrochen, als irgendwelche Leute von mir erzählten, ich wäre eine Schlampe, weil ich immer mit Typen rumhänge. Ich war noch Jungfrau, erstens das, und war voll stolz drauf. Und für mich war zweitens glasklar, dass ich keine Schlampe bin.
    FRAUENARZT Ich habe nie gesagt, dass alle Frauen Nutten sind. Ich rappe über Nutten, ich rappe über Stripperinnen, ich rappe über Schlampen. Oft rappe ich positiv über Nutten, weil ich sie irgendwo gerne hab.
    SIDO Wenn ich sage: »Fick die Nutte«, dann hat das einen witzigen Hintergrund, dann gibt’s vielleicht einen coolen Vergleich.
    STAIGER Es gibt im Hiphop eine Doppelmoral. Wenn die Frau ihre eigene Sexualität in die Hand nimmt, dann gilt sie schnell als eine Hure. Männer ficken und Frauen werden gefickt, das ist der Tenor. Es ist nicht meine Einstellung, aber ich glaube, dass die Welt bei den meisten so eingeteilt wird.
    MELBEATZ Ich bin gegen den Ausdruck »Frauenbonus«. Ich sehe Frausein eher als eine Art Image, wie bei sido mit der Maske. Ein Image ist in Ordnung. Bei mir ist es Frau, europäisch, weiß.
    FRAUENARZT Ich habe gerade drei Frauen unter Vertrag genommen, die Pornorap machen. Sie nennen sich die Freak Fotzen. Die rappen Dinge wie »Fick mich wie ’ne Nutte«, »Bist du ein echter Mann / Bin ich gerne deine Nutte« oder »Fick mich richtig hart / Gib mir Schläge« oder »Steck mir deinen Schwanz in den Hals / Bis ich keine Luft mehr krieg«. Da sage ich mir auch: hart. Aber ich weiß, dass die selbst so einen Sex praktizieren und trotzdem standhafte Frauen bleiben und knallhart ihre Meinung sagen. Spätestens wenn man zwei Stunden mit diesen Mädchen in einem Raum ist, weiß man, was das für Mädchen sind. Die werden genauso Contra kriegen wie ich. Vielleicht sogar extremer, weil sie Frauen sind.
    SUPAFUNK Frauen im Gangster-Rap? Ich weiß nicht …
    MELBEATZ Wer als Frau übers Ficken rappt, muss aber auch fickbar aussehen.
    SHE-RAW Meine Botschaft: Mädels, represented euch mal ein bisschen anders und nicht über euren Arsch.
    STAIGER 99,9% der Demotapes, auf denen Frauen singen, gefallen mir nicht. Mein neues Signing Catee ist eine seltene Ausnahme.
    SUPAFUNK Die Akzeptanz für das, was Frauen in dem Genre Hiphop produzieren, ist nicht so hoch wie in anderen Genres.
    MELBEATZ Sobald die Frage nach der Frau nicht mehr gestellt wird, weil es selbstverständlich ist, dass die Frauen da sind, ist es so weit.
    SUPAFUNK Müssen wir über die Frauenfrage reden?
    FRAUENARZT Ich möchte an einen Strand – mit meinem Studio und ein, zwei Nutten. Paar mehr vielleicht. Das wäre entspannend.
    SIDO Ich hab letztens versucht, zur Entspannung zu malen. Dabei ist nichts herausgekommen. Ich hab da kein Talent. Es ist ein einziger Brei geworden. Ich konnte mich noch nicht mal entspannen.
    SHE-RAW Vom Malen zum Jägermeister.
    MELBEATZ Ich mag Alkohol, das macht Spaß. Ich find’s geil. Solange man kein Problem damit hat. (lacht) »Ich hab kein Problem mit Alkohol, sondern nur ohne.«
    TAKTLO$$ Whisky und Gin sind für mich Wasser. Ich trinke ausschließlich Wasser.
    MELBEATZ Kennst du das, wenn du einen richtigen Brand hast und nichts zu trinken? Schließlich schmeckt Leitungswasser so kalkig, dass man das nicht trinken kann. Einmal hatte ich nur eine Volvic Special Edition mit Johannisbeer-Geschmack zu Hause. Das war extrem eklig. Seitdem kotze ich, wenn ich das Zeug nur rieche.
    B-LASH Will jemand mitrauchen?
    SUPAFUNK Nee, danke. Will jemand ein Bier?
    TAKTLO$$ Ich trinke kein Bier.
    FRAUENARZT Meine Botschaft an die Fans: Keine Drogen nehmen, aufhören, sich Crystal reinzuziehen, und lieber ein bisschen miteinander ficken, Gruppensex-Partys veranstalten, sich gegenseitig einladen und dann rumficken, aber nur mit Gummi.
    TAKTLO$$ Ab wann beginnt ein krasseres soziales Umfeld?

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