Ben Weaver The Ax In The Oak

Das Bild von der in der Eiche aufbewahrten – oder steckenden – Axt ist ein sehr treffendes, wenn es darum geht, die Sphären von Natur und Kultur in einem minimalistischen Tableau zu vereinen. Es ist zugleich die passende Betitelung für ein Werk, auf dem der Charme des Handgemachten und das gelegentliche Knispeln von Klickerelektronik so zwanglos miteinander am Lagerfeuer sitzen wie schon lange nicht mehr. Über all diesen intimen Downtempo-Balladen auf Basis von Country und Folk ruht das satte Timbre der Stimme Ben Weavers – ein bisschen rauh, aber nicht Johnny-Cash-near-death-knarzig, zupackend, ohne die verbreitete amerikanische Kerligkeit auszustrahlen, und sensibel, ohne die Weinerlichkeit des authentizistischen Rockers zu verbreiten, der sich mal ein Emo-Päuschen gönnt.

    Stattdessen erinnert der des öfteren in ein Parlando fallende Gesang des Mannes aus Minnesota eher an den dunklen Samt des Poeten und Homme à Femmes Leonard Cohen. Auch die hellen Backing Vocals Erica Fromans, die sich hin und wieder für ein paar mondsüchtige »Huh-Huhs« dominant aus dem Hintergrund schälen und um den Weaver’schen Vortrag schlängeln, lassen an die Alben des kanadischen Sängers von Oden an die weibliche Schönheit denken. Ein von Antony-And-The-Johnsons-Mitglied Julia Kent bedientes, solitäres Cello, das sich zwischen einer fuzzy Gitarre, Drums und Supermarktorgel immer wieder ausgedehnte Klangräume schafft, ist angenehm frei von der notorischen elegischen E-Musik-Atmo, die einem dieses Instrument vermiesen kann, wenn es Indierocker als Deepness-Generator verwenden.

    Die in der Wohnung eines Berliner Freundes entstandenen Texte legen den Schwerpunkt nichtsdestotrotz auf ein ländliches amerikanisches Setting – inklusive des leitmotivischen Auftauchens von Reh und Vogel. Sie gehören zur Gattung des so schweren Leichten: Mikrobeobachtungen, kleine Gesten, scheinbar Banales wird auf seine heimliche Poetizität hin transparent gemacht beziehungsweise lyrisch aufgeladen. So ist von Junikäferflügelpunkten die Rede, deren jeder einen freien Wunsch repräsentiere, sowie von an sich selbst gerichteten Botschaften, die man sich des Nachts auf die Hand schrieb und die am anderen Morgen verschwunden waren (»White Snow«).

    Wie Novalis und Baudelaire weiß Weaver, dass wir in unserer Jugend unwissentlich die größten Schätze besitzen und das blöderweise erst als Ältere, nachdem wir sie schon verloren haben, erkennen: erst reich und dumm, dann arm und schlau. Das größte poetische Potenzial liegt demnach in den willentlich wiedergefundenen Geheimnissen von Kindheit und Jugend, mindestens aber in einem Blick zurück auf etwas, das unwiderruflich vergangen ist. Daher sind solche Sichtungen inhärent melancholisch, auch und gerade aufgrund des Zaubers des ans Licht Gebrachten. Am schlimmsten und schönsten ist die (Rest-)Magie des Gestern, die einem im Heute begegnet: »Your beauty hasn’t faded you are just as you where then / Still making your own eye shadow from spit and blue denim.« (»Soldier’s War«)

    Durch die Unaufgeregtheit und in jeden Ton gelegte Sicherheit, mit der Weaver agiert, fällt es dabei fast nicht auf, wie innovativ hier – vor allem in der zweiten Hälfte des Albums – die Folk-Tradition mit urbanen Schnipselclicks gekreuzt und bereichert wird. Ein Banjo und verspulte Klickerbeats verhalten sich dann schon einmal so, als hätten sie bereits im Sandkasten miteinander gespielt.

    Das sechste und abermals von Brian Deck (Iron And Wine) produzierte Album des 29-jährigen ließe an Jason Molina und den Geist Townes Van Zandts denken, wenn man sich vorstellt, dass die beiden gelegentlichen Besuch von einem Lächeln bekämen. Denn Weavers Welthaltung auf diesem intimen Werk ist eher kontemplativ als resignativ. Er umarmt die Natur, aber eben nicht deshalb, weil sie Zuflucht vor den Anfechtungen des Mitmenschen böte. Er zeigt eine Reife, die weder mit Gebrochenheit zu tun hat noch durch den lähmenden Geist der Zufriedenheit langweilt. Ein Großteil der Faszination dieses Albums liegt in der aufregenden Unaufgeregtheit, mit der es sich präsentiert.

LABEL: Glitterhouse Records

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 22.08.2008

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