Belle And Sebastian Girls In Peacetime Want To Dance

Richtungswechsel auf der Suche nach dem perfekten Popsong: Auf Girls In Peacetime Want To Dance artikulieren Belle And Sebastian ein Aufbegehren gegen die eigene Musealisierung in der Twee-Vitrine.

Auf Glasgow, die Geburtsstätte von Indiepop und Twee-Kultur, wurde dieses Jahr ausgiebig gewürdigt. Der Autor Simon Goddard erzählte in Simply Thrilled: The Preposterous Story Of Postcard Records die Geschichte jenes Labels, auf dem unter anderem Orange Juice ihre ersten Singles veröffentlichten. Flankiert wurde das Buch von den Dokumentarfilmen The Sound Of Young Scotland und The Outsiders. Auch Belle-And-Sebastian-Mastermind Stuart Murdoch hat mit seinem ersten Spielfilm God Help The Girl einiges zur Mythenbildung seiner Heimatstadt beigetragen. Argwöhnisch lässt sich das Teenagemelodram gar als verbrämter Image-Film für eine »Glasgow – City Of Twee«-Kampagne deuten. Androgyne, kriselnde Jungs, verlorene Mädchen und verdruckste Typen in Vintage-Anoraks – nebenbei sollte wohl bewiesen werden, dass Glasgow eine eigene Popsubjektivität hervorgebracht hat.

God Help The Girl erzählt die Geschichte von Eve, die dem Einschließungsmilieu Psychiatrie entkommt und im Musikmachen mit Freunden Heilung findet. Interessanter als der zwar charmante, insbesondere in seinen Geschlechterbildern (das Girl muss gerettet werden) aber doch recht muffige Film ist seine Entstehungsgeschichte. Murdoch hatte per Annonce Sängerinnen für die Filmmusik gesucht und das gesamte Projekt mit einer erfolgreichen Kickstarter-Kampagne realisiert. Da er an chronischen Erschöpfungszuständen litt, sagt Murdoch nun nach Vollendung des Werks, dass der stark autobiografisch geprägte Film auch sein letzter gewesen sein soll.

Zurück zur Kernkompetenz also. Das neue Belle-And-Sebastian-Album hat wie immer viele schöne Momente und riskiert einen überraschenden ästhetischen Bruch. Mehrere Stücke reißen aus dem Donovan-Felt-Bacharach-Korsett aus und klingen nach astreinem Europop. Wir hören hysterische Filter am Anfang von »The Party Line«, Pet-Shop-Boys-artige Fanfaren in »Enter Sylvia Plath« und cheesy Der-Morgen-danach-Ermattung in »Play For Today«. Ob es die weltweiten Fans von Belle And Sebastian schätzen, dass ihre Lieblinge »mal was Anderes« ausprobieren, oder doch lieber Verrat wittern? Indiespießer werden sich bestimmt in den Netzwerken zu Wort melden, aber das Murren und Maulen lässt sich leicht kontern. Schon Bands wie New Order, Bis oder Saint Etienne flüchteten aus den Zwängen des existenziellen Bescheidwissens auf den basisdemokratischen Dancefloor der Urlaubsdisco. Und wer Stuart Murdoch schon einmal tanzen gesehen hat, weiß, dass er Twee-Pop nie mit Körperlosigkeit verwechselt hat.

Außerdem ist das alte Vokabular auf Girls In Peacetime nicht verschwunden. Belle And Sebastian sind weiterhin auf der niemals endenden Suche nach dem perfekten Popsong, wobei Murdochs glockenhelle Stimme immer noch den Kontakt nach ganz oben pflegt. Der Ex-Hausmeister einer Kirchengemeinde verleiht der Popidee namens Zeitlosigkeit gerne einen transzendenten Glanz, der profane Kirchentagshaftigkeit nicht scheut. Die bekannten Referenten Music-Hall-Geschunkel und Schaffel-Boogie (in »The Book Of You«, das an das alte »White Collar Boy« erinnert) bleiben erhalten. Und das großartige »Perfect Couples« startet mit einem tribalistischen Rave-Groove und landet über barocke Winkelzüge bei einem Northern-Soul-Stomper. Für Kontinuität in der Diskontinuität stehen zudem filmmusikalische Atmosphären und Teetischsinfonien wie das barocke »Today This Army Is For Peace«. Und doch ist Europop auf diesem sehr diversen Album mehr als nur eine Lockerungsübung. Die Band artikuliert ein Aufbegehren gegen die eigene Musealisierung in der Twee-Vitrine. Belle And Sebastian wollen mehr anbieten als Silver-Ager-Pop. Und das darf man einer Band von forty-somethings schon hoch anrechnen.

God Help The Girl – Trailer from Amplify on Vimeo.

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