Beirut »No No No« / Review

Auf No No No wird die anfängliche diffuse Euphorie zum Reenactment der eigenen verlorenen Jugend.

Der Welpenschutz für Wunderkinder ist vorbei. Beim dritten, spätestens beim vierten Album kann aus anfänglicher Begeisterung aufkeimende Ungeduld oder gar größere Enttäuschung werden, wenn die erhofften Entwicklungsschübe ausbleiben oder ein vermeintliches Junggenie auf der Stelle tritt. Selten nachsichtig zeigte man sich bislang allerorten mit Zach Condon, der nun die vierte LP seines Projekts Beirut vorlegt.

2005 war es, als der US-Amerikaner 19-jährig die Eindrücke einer Europareise in einem transkontinentalen Kunstgriff verarbeitete und auf seinem Debüt Gulag Orkestar südamerikanische und osteuropäische Stilelemente mit seiner eigenen westlichen Indie-Sozialisation zu einer neuen, sensiblen »Weltmusik« verband, die ein hypernervöses Teenager-Fernweh ebenso transportierte wie die Wehmut aufgrund der grassierenden Globalisierung. Dieser setzte Condon die Relikte einer vergangenen Epoche und ferner Regionen entgegen und stilisierte sie als akustisches Äquivalent zum Instagram-Filter zu nostalgischen Sehnsuchtsorten, die bis heute zum Soundtrack jedes Backpackers gehören und unzählige Coming-of-Age-Filme untermalen.

Seine juvenilen, zwischen Überschwang und Niedergeschlagenheit oszillierenden Seelenzustände übertrug Condon fortan in weitere musikalische Reisetagebücher, mit denen sich der Autor synchron auch in die Traditionslinie welt- wie zeitabgewandter Künstler einschrieb, die sich altklug aus dem stillen Kämmerlein hinaus in eine andere, eine bessere Welt träumten, die aber auch nur wieder die eigene Malaise vor wechselnden Hintergründen ausstellt und deren Schönklang stets etwas Jenseitiges anhaftet – I just wasn’t made for these times.

No No No stellt die weitere Patentierung dieses Prinzips dar, setzt aber anders als seine Vorgänger auf eine programmatische Zäsur inmitten des Reigens: Wie einem trotzigen Kleinkind, auf das bereits die dreifache Verneinung im Titel hinweist, scheint Condon die anfängliche Verve selbst bald auf die Nerven gegangen zu sein. Es endet konzeptuell launisch im Balladesk-Besinnlichen, was die Plattenfirma sogleich mit autobiografischen Notizen zu begründen sucht: Scheidung, Erschöpfung, Schreibblockade, you name it.

Alles bleibt also super beim Peter Pan des Indie-Pop. Doch was sich vor zehn Jahren noch in diffuser Euphorie angesichts einer ungewissen Zukunft auch auf den Hörer übertrug, droht heute zum allzu melancholischen Retro-Tic zu werden, zum Reenactment der eigenen verlorenen Jugend.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.