Behrouz Boochani hat sein neuestes Buch per SMS aus einem Internierungslager im Südpazifik heraus geschrieben – und damit den wichtigsten Literaturpreis Australiens gewonnen. Im exklusiven Interview per Videochat klagt er das Land nun scharf an. Und beschwört die Kraft der Literatur. 

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Schreiben war in den vergangenen Jahren für Behrouz Boochani sowohl ein großes Risiko als auch ein Rettungsanker. Das Schreiben zwang ihn dazu, seine Heimat zu verlassen. Es half ihm aber auch dabei, seine Zwangshaft zu ertragen.

Im Jahr 2013 stieg der heute 35-jährige kurdisch-iranische Dichter und Journalist auf ein Boot an der Küste von Indonesien. Weil er fürchtete, im Iran für sein Schreiben verhaftet und eingesperrt zu werden, hoffte er, in Australien Asyl beantragen zu können. Stattdessen verfrachtete ihn die australische Regierung in ein Internierungslager auf Manus Island. In den vergangenen sechs Jahren haben sein produktiver Journalismus und seine Kunst dort ein Leuchtfeuer entzündet, das über den Stacheldraht in der Mitte des Südpazifiks hinaus scheint. Sie haben das alltägliche Leid tausender Geflüchteter sichtbar gemacht, die auf unbestimmte Zeit auf den papua-neuguineischen Inseln Manus und Nauru festgehalten werden. Boochanis Arbeit ist eine unschätzbare Quelle – nicht zuletzt in Zeiten, in denen Journalist_innen Schwierigkeiten haben, Zugang zu den Lagern zu erhalten.  

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„Ich glaube, wenn das australische Volk die Wahrheit wüsste, würde es diese Art von Politik nicht zulassen“ – Behrouz Bouchani (Foto: Ashley Gilbertson).

Diese Erfahrungen haben das Rohmaterial geliefert für No Friends But The Mountains, ein Buch, das sich aus einzelnen Textnachrichten zusammensetzt, die Boochani, oder MEG45, wie ihn sein Häftlingsausweis nennt, in Farsi an seinen Übersetzer Omid Tofighian geschickt hat. Im Februar dieses Jahres gewann das Buch Australiens höchstdotierte Literaturauszeichnung – sowohl den Preis in der Kategorie Sachbuch als auch den Hauptpreis beim Victorian Premier’s Literary Award. Boochani, immer noch auf der Insel Manus und nicht in der Lage, das Land zu betreten, hielt seine Dankesrede per Skype.

Obwohl es früher Abend ist und Boochani einen anstrengenden Tag hinter sich hat, spricht er von Manus aus über Whatsapp-Video-Call mit einem Gefühl der Dringlichkeit. Über die Kraft des Schreibens redet er mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Angst. Wenn es um Einwanderungspolitik und Inhaftierung geht, ist sich Boochani sehr wohl bewusst, inwiefern – und wie oft – uns Worte im Stich lassen: dass die Rechenschaftspflicht in den Falten des bürokratischen Fachjargons verschwindet; dass individuelles Leiden durch Verallgemeinerungen abgedämpft wird; dass Journalist_innen die Sprache und Logik der Systeme bestätigen, die sie eigentlich kritisieren wollen. Sein Buch bewegt sich weg von Journalismus und verbindet stattdessen Poesie und Prosa. Es ist ein Versuch, nicht nur zu dokumentieren, was er gesehen hat, sondern auch eine neue Sprache zu finden, um das Gesehene zu beschreiben – und neue Mittel zu erschaffen, den Status quo herauszufordern.

SPEX: No Friend But The Mountains ist aus einzelnen SMS entstanden. Was hat Sie dazu motiviert, das Buch zu schreiben?

Behrouz Boochani: In Australien gibt es eine systematische Zensur, was Manus und Nauru angeht. Wenn etwas hier im Internierungslager passiert, schweigen sich die meisten Medien dazu aus. Und wenn sie darüber berichten, manipulieren sie die Informationen. Australien sollte doch eigentlich eine liberale Demokratie und ein freies Land sein, aber auf dem Rücken der nationalen Sicherheit fährt die Regierung die Linie, die Geflüchteten auf den Inseln festzuhalten. Und sie glaubt, das gäbe ihr das Recht, dieses Thema zu zensieren. Sie halten uns hier seit sechs Jahren fest und die Geschichte dieses Internierungslagers ist voller Gewalt und Folter. Bis jetzt sind hier zwölf Menschen gestorben, die meisten wegen der unzureichenden medizinischen Versorgung. Ich glaube, wenn das australische Volk die Wahrheit wüsste, würde es diese Art von Politik nicht zulassen. Ich wollte ein Buch schreiben, das aufschlussreich und ein Kunstwerk zugleich ist. Es sollte einen akademischen Wert haben und als Zeitdokument funktionieren.

Das Buch verbindet viele verschiedene Elemente wie etwa Poesie, Prosa, kurdische Erzählungen und Theorie. Daraus wird bei Ihnen ein Genre, das Ihr Übersetzer Omid Tofighian horrific surrealism nennt. Warum haben Sie sich für diese Form entschieden? Und nicht für einen journalistischen Ansatz?

Jede Person auf Manus und Nauru hat eine individuelle Geschichte – und jede dieser Geschichte ist eine Tragödie. Darüber kann man nicht allgemein sprechen, wie wir es im Journalismus tun. Wir sind unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Hintergründen, Religionen, Kulturen, Altersgruppen. Stellen Sie sich einen Mann, einen Vater, in einem Gefängnis wie Manus vor. Dass er manchmal mitten in der Nacht in der Ecke sitzt und weint. Wie sollte man sein Leid mit der Sprache des Journalismus beschreiben? Nur Literatur und Kunst sind mächtig genug, um solche Geschichten zu erzählen.

Im Buch schreiben Sie von „Käfigen” statt von „Zentren”, von „Gefangenen” statt „Flüchtlingen”. Warum war diese Umdeutung so wichtig für Sie?   

Die Regierung bezeichnet diesen Ort seit Jahren als „regionales Bearbeitungszentrum”. Einige Menschen hier wurden schon vor vier oder fünf Jahren als Geflüchtete anerkannt. Was für ein „Bearbeitungszentrum” ist das bitte, wenn man die Leute sechs Jahre lang darin gefangen hält? Ich nenne es stattdessen ein Gefängnis. Und nicht mal dieser Begriff ist stark genug. Deshalb habe ich versucht, eine neue Terminologie zu finden. „Systematische Folter“ ist ein weiterer Schlüsselbegriff meines Buches. Es ist wichtig, dass wir nicht der „offiziellen” Sprache folgen, denn die Regierung kann sich hinter diesen Konzepten und Wörtern verstecken. Und oftmals passen sich die Medien dieser Sprache an und reproduzieren sie.

„Geflüchtete weinend vor eine Kamera zu stellen, wird keine Politik verändern“

An welcher Stelle haben die Medien Ihrer Meinung nach in der Berichterstattung über Manus versagt?

Im Journalismus hat normalerweise jede Geschichte zwei Seiten – oder mehr. Aber aus meiner Sicht als Mensch, Schriftsteller und Künstler gibt es in Sachen Manus und Nauru nur eine Sichtweise. Die Regierung darf nicht das Recht haben, diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu rechtfertigen. Als wir beispielsweise bei den Unruhen von 2014 angegriffen wurden, Reza Barati getötet und 100 weitere Menschen verletzt wurden. Oder als uns 2017 papua-neuguineanische Soldaten angriffen. Als mein Freund Hamid Kehazaei an einer kleinen Infektion starb. In diesen Fällen gaben Journalist_innen der Regierung Auftritte in den Medien, um ihre Verbrechen zu rechtfertigen. Statt uns Geflüchtete und unsere Unterstützer_innen zu Wort kommen zu lassen.

Ist das wirklich die Schuld der Medien?

Das Thema liegt seit Jahrzehnten bei Journalist_innen und Menschenrechtsorganisationen. Es geht ihnen darum, Mitgefühl erzeugen. Das ist aber der falsche Ansatz. Geflüchtete vor eine Kamera zu stellen, sie weinen zu lassen und dann zu hoffen, dass Unterstützung kommt, wird keine Politik verändern. Und es liegt eine gewisse Machtpraxis dahinter. Man zerstört Menschen und zeigt dann jedem, wie schwach sie sind.

Sie haben No Friend But The Mountains auf Farsi geschrieben, nicht in Ihrer kurdischen Muttersprache, und es ins Englische übersetzen lassen. Sehen Sie das als Möglichkeit, dem Buch mehr Durchschlagskraft zu geben, um das System, das es beschreibt, herauszufordern und ihm zu widerstehen?

Natürlich. Deshalb veröffentliche ich meine Arbeiten immer auf Englisch. Ich brauche meine Arbeiten nicht auf Farsi oder Kurdisch zu veröffentlichen. Unser Problem betrifft ein Land wie Australien und andere westliche Länder. Es ist ein Problem, mit dem sich die Menschen dort auseinandersetzen müssen. Und nicht die Menschen im Nahen Osten.

Sie formulieren in Ihrem Buch eine sehr nuancenreiche Definition von Gewalt. Können Sie erklären, warum dies wichtig für das Verständnis der Realität auf Manus ist?

Gewalt kann sowohl körperlich als auch psychisch sein. Durch das Inhaftierungssystem produziert und verbreitet die australische Regierung Gewalt. Wenn ich jemanden beschreibe, der oder die sich auf Manus selbst verletzt oder versucht, sich umzubringen, dann betrifft das jede_n. Es traumatisiert alle Gefangenen. Und diese Person tut sich eben jene Gewalt an, die das System hervorbringt. Indem man Menschen in diese Situation bringt, zwingt man sie zu solchen Taten.

Besonders trifft einen in Ihrem Buch eine Frage: “Wo sonst auf der Welt nehmen sie Kinder gefangen und sperren sie in einen Käfig?”

Stellen Sie sich das mal vor, man sperrt Kinder in Käfige. Das ist der schlimmste Gewaltakt der Welt. Ich glaube, dass die australische Regierung nicht nur die Geflüchteten quält, sondern auch viele Menschen in der australischen Gesellschaft. Sie sind es leid, diese Art von Gewalt miterleben zu müssen.

Sie verwenden in Ihrem Buch zwei theoretische Konzepte – das Kyriarchat und die Manus-Gefängnistheorie –, um die Systeme von Macht und Ideologie zu analysieren, die die Existenz eines Ortes wie dem auf Manus ermöglichen. Warum war es Ihnen wichtig, diese in Ihre Erzählung einzuweben?

Sie erlauben uns, das Gefängnis auf Manus nicht nur als einen individuellen Ort zu verstehen, sondern als einen Ort, der auch darüber hinaus bedeutsam ist. Sie helfen uns, Ähnlichkeiten zwischen unserem Gefängnis und anderen Strukturen innerhalb der westlichen Gesellschaften wie Bildungssystemen, Krankenhäusern, Schulen, Universitäten und dem Militär zu erkennen. Die Menschen in diesen Gesellschaften sind in vielerlei Hinsicht unfrei, und wir können beobachten, wie sie Tag für Tag mehr zu Maschinen werden.

Das Internierungslager von Manus wurde Ende 2017 offiziell geschlossen. Wie ist die Situation für Sie und die anderen Geflüchteten auf der Insel seitdem?

Ja, sie haben diesen spezifischen Ort geschlossen und uns in ein anderes Lager gebracht. Aber das System hat immer noch die Kontrolle über unser Leben. Das bedeutet, dass wir nicht das Recht haben, uns wirklich frei zu bewegen, unsere Familien zu sehen, einen Job anzunehmen oder ein Studium zu absolvieren. Wir haben keinerlei Möglichkeiten. Deshalb ist dieser Ort für uns immer noch ein Gefängnis.

„wenn Australien ein zivilisiertes Land wäre, würde es so etwas nicht tun.“

Sie vergleichen diese Situation oft mit Folter.

Folter bedeutet ja nicht nur, dass man körperlich geschlagen wird. Folter ist es auch, wenn man keine Kontrolle über sein Leben hat und keine Zukunft. Obwohl wir uns jetzt frei auf der Insel bewegen dürfen, wird unsere Situation immer schlimmer, weil wir seit sechs Jahren hier sind. Das ist genug, um jemanden zu vernichten. Hier leben viele Menschen, die ihre Kinder seit sechs Jahren nicht gesehen haben.

No Friend But The Mountains wurde von Kritiker_innen als „dekoloniale Intervention” beschrieben. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen harter Einwanderungspolitik und Kolonialismus?

Natürlich hängt das mit Kolonialismus zusammen. Australien zwingt uns, auf Manus und Nauru zu bleiben und zwingt Papua-Neuguinea, ihr Land als Exilort zu nutzen. Das bedeutet, dass dein Zuhause, dein Land, dein Staat kein geeigneter Lebensraum mehr ist. Die lokale Bevölkerung ist sehr wütend auf diese Politik, aber die australische Regierung nutzt die Inseln immer noch zu ihrem politischen Vorteil. So erschafft Australien das Vorurteil, dass diese Orte gefährlich und unzivilisiert sind. Aber es verhält sich andersherum. Wenn Australien ein zivilisiertes Land wäre, würde es so etwas nicht tun.

Weltweit kann man beobachten, wie die Einwanderungspolitiken immer strikter werden – auch und gerade in den USA und Europa. Welche Rolle spielt die harte Linie Ihrer Meinung nach für die Identität der westlichen Länder?

Es ist nicht das erste Mal ist, dass westliche Länder diese Art von Dingen, diese Art von Verbrechen begehen. Wenn man sich ihre Geschichte ansieht, sind in den letzten 100 Jahren, im Ersten und Zweiten Weltkrieg, viele schreckliche Dinge passiert. Ich denke, es ist ein Teil der westlichen Mentalität. Aber das Interessante daran ist, dass sich die meisten westlichen Länder Jahre später für das, was sie getan haben, entschuldigt haben. Aber Australien hat sich nie entschuldigt. Sie akzeptieren ihre Schuld einfach nicht.

Sie sagten, wenn das australische Volk wirklich verstehen würde, was passiert, dann würde es seine Politik ändern. Ist es heute nicht ziemlich einfach, an Informationen zu kommen?

Die Leute wollen es nicht wissen. Und wenn sie es wissen, wollen sie es nicht akzeptieren. Denn wenn du akzeptierst, dass deine Regierung diese Dinge tut, empfindest du Schmerz. Wenn sie es doch wissen wollen, sollten sie mein Buch lesen, meine Filme ansehen, meine Artikel lesen. Ich habe in den letzten sechs Jahren Hunderte von Artikeln geschrieben und veröffentlicht. Oder sie sollen es einfach googeln. Aber sie wollen es nicht, weil es zu schmerzhaft ist.

„die jahrelange Internierung hat uns entmenschlicht und uns auf Zahlen reduziert. Das Buch hat gezeigt, dass man das nicht machen kann“

Glauben Sie, dass das alles mittlerweile einfach als normal angesehen wird?

Ja, natürlich. Es ist ein Teil der australischen Geschichte. Es ist nicht das erste Mal, dass sie Kinder jahrelang ins Gefängnis sperren. Dieses Land wurde durch Kolonialisierung und damit auf dem Rücken dieser Art von Verbrechen gegründet.

Wie wichtig wird die Einwanderungsfrage für die bevorstehenden australischen Parlamentswahlen?

Ich weiß es nicht. In den letzten sechs Jahren gab es immer wieder Wahlen und es ist nichts passiert. Es gibt eine systematische Zensur in Australien, sie sprechen einfach nicht über uns. Dabei sollten wir ein großes politisches Thema sein. Hoffentlich wird sich diesmal etwas ändern.

Wie fühlte es sich im Februar für Sie an, mit dem renommiertesten australischen Literaturpreis ausgezeichnet zu werden? Von einem Land, das Ihnen den Zutritt verweigert und Sie seit sechs Jahren auf Manus gefangen hält?

Ich denke, es ist ein Sieg, vor allem für die Geflüchteten auf Manus und auf der ganzen Welt. Zweitens ist es ein Sieg für die literarische community, denn dieses Buch hat bewiesen, dass Literatur nicht nur ein Hobby ist. Sondern ein mächtiges Instrument, mit dem man Machtstrukturen herausfordern kann. Vor allem aber ist es ein großer Sieg für die Menschlichkeit, denn die jahrelange Internierung hat uns entmenschlicht und uns auf Zahlen reduziert. Das Buch hat gezeigt, dass man das nicht machen kann.