Fatih Akin (Foto: André Hemstedt & Tine Reimer)
Fatih Akin (Foto: André Hemstedt & Tine Reimer)

»Wenn ich mich mit Michael Haneke vergleiche, will ich mich erschießen.« (Fatih Akin)

Welche Rolle spielt das Feedback von außen?
FA: Du scheißt auf die Kritiker und die Zuschauerzahlen. Zumindest mir geht es nur um den Anspruch an mich selbst. Jeden Tag schaue ich einen Film und beobachte, was da draußen geht. Dann fangen die Zweifel an: Kann ich da mithalten? Bin ich gut genug?

Wie erobert man sich in dieser Situation die besagte Naivität zurück?
FA: Das ist pure Leidenschaft. Ich würde meinen Job auch ohne Bezahlung machen. Ich kann einfach nichts anderes. Trotz des ganzen Drecks in der Branche liebe ich, was ich tue. Das ist meine Naivität. Ich greife regelmäßig nach den Sternen. Auch wenn ich in der Gosse lande.
DJM: Naivität hat in unserer Gesellschaft leider einen schweren Stand. Heute kannst du deinen eigenen kleinen kulturellen Output im Internet binnen Sekunden mit dem Genie der ganzen Welt abgleichen. Das kann extrem frustrierend sein.
FA: Hör auf! Wenn ich mich mit Michael Haneke vergleiche, will ich mich erschießen.
DJM: Ich meine, dass man früher durch eine gewisse Abgeschiedenheit seine Fehler bis zur Perfektion ausformuliert hat. Das passiert heute nicht mehr, weil man Dinge so einfach abgleichen kann.
FA: Aufs Maul zu fallen ist wichtig.

Fatih, nach dem eher mäßigen Erfolg deines Dramas The Cut, das vor dem Hintergrund des Völkermords an den Armeniern spielt, verfilmst du gerade Wolfgang Herrndorfs Roman Tschick.
JD: Ach, du drehst den? Ist das so ein Auftrags-Ding?
FA: Nein, ich wollte das unbedingt machen. Vor fünf Jahren schon, als ich das Buch gelesen habe. Damals lag Herrndorf im Sterben und hatte natürlich keinen Bock, sich mit den Filmrechten auseinanderzusetzen. Ich habe trotzdem jede Woche bei ihm angefragt. Parallel bekam ich mit, dass ganz Film-Deutschland dasselbe machte.
JD: Oliver Berben und so.
FA: Alle! In dieser Zeit kam dann The Cut zustande. Als ich irgendwann von den Drehs in Jordanien und Kuba zurückkam, las ich, dass David Wnendt Tschick verfilmen soll, der Typ, der Feuchtgebiete gemacht hat. Gut, dann sollte es wohl nicht sein, dachte ich. Aber vor einem Jahr hat mich mein Anwalt angerufen und gefragt, ob ich Tschick machen will. Und ich so: »Äh, was? Das macht doch der Wnendt.« Nee, sagt er, die hätten den gefeuert, sieben Wochen vor Drehbeginn. Das war meine Chance. Ich musste es machen.

Tschick hat gewisse Parallelen zu der Reise, die die Beginner im Song »Es war einmal …« beschreiben: einfach losfahren und schauen, was passiert.
FA: Auf Bambule gibt es den Track »Rock On«, in dem es heißt: »Wir haben kein Ziel, aber wir fahren los.« Das ist eigentlich der perfekte Track für den Film. Vielleicht kaufe ich ihn den Jungs noch ab. Wäre auch ein toller Spruch fürs Plakat.
D: Was hat dich eigentlich an dem Thema gereizt? Gibt’s da einen persönlichen Bezugspunkt?
FA: Das gebrochene Herz dieses Jungen, weil ihn seine Liebe, Tatjana, nicht auf ihre Party einlädt. Ich bin heute zwar älter, aber dieses Gefühl ist noch immer präsent. Den Schmerz habe ich so oft erlebt. Dass mich die Tatjanas dieser Welt vor 30 Jahren nicht auf ihre Partys eingeladen haben, tut heute noch weh.

DJ Mad (Foto: André Hemstedt & Tine Reimer)
DJ Mad (Foto: André Hemstedt & Tine Reimer)

»Gute Kunst ist die Creme, die das Zäpfchen besser reinflutschen lässt.« (DJ Mad)

Ihr wart als Band zwölf Jahre abwesend. Was hat sich in dieser Zeit verändert?
JD: In Deutschland hat sich musikalisch viel getan. In den vergangenen Jahren hat sich hier eine wirklich eigenständige Szene entwickelt. Die Kids wachsen heute mit einem künstlerischen Output aus Deutschland auf, der wirklich gut ist. Hip-Hop ist erwachsen geworden, eine Breitenmusik, an der jeder teilhaben kann. Das finde ich gut, und deshalb macht er mir wieder Spaß.

Das klingt alles sehr positiv.
D: Ist vieles ja auch. Es gibt eine neue Vielfalt und leichteren Zugang zur Musik. Was mir fehlt, ist die politische Komponente. Klar, es gibt Bands wie 187 Strassenbande, die zugleich straße und links sind. Aber generell hat der deutsche Hip-Hop das verloren: die Idee, wie man anders und besser leben könnte. Ich würde mir wünschen, dass jemand auf eine coole und völlig unpathetische Art sagt: »Hey, lasst uns das Leben verändern! Lasst uns Deutschland verändern! Zusammen können wir es schaffen.«

Wieso ist das nicht mehr da?
D: Es geht um Quantität. Man will hoch charten, Geld verdienen, gut ankommen. Da bleibt kein Platz für Unbequemes.

Nach einer Albumpause von 13 Jahren hätte man auf Advanced Chemistry durchaus etwas mehr Haltung erwartet. Es gibt höchstens sechs dezidiert politische Lines. Dabei findet heute wieder einen Rechtsruck wie Anfang der Neunziger statt.
JD: Das ist genau dem geschuldet. Aber ich würde schon sagen, dass es politisch zugeht. »Thomas Anders« mit der Line, dass Deutschland völlig unterfremdet ist, oder »Nach Hause« sind definitiv Songs mit Haltung, auch wenn wir nicht sagen: »Hey, die AfD ist ein Kackverein!« Das wäre doch langweilig. Man kann das nicht zu offensichtlich machen. Wenn es niemand hört, ist auch nichts gewonnen.

Welche Rolle kann Kunst im politischen Diskurs 2016 überhaupt spielen?
JD: Eine große. Die Infrastruktur ist heute ja eine viel bessere. Nimm das Beispiel von PA Sports: Er sagt etwas darüber, dass Hip-Hop helfen kann, Migranten zu integrieren – und innerhalb eines Tages ist er über die sozialen Netzwerke auf allen Kanälen zu sehen. Dabei wussten die meisten gar nicht, wer PA Sports ist.
D: Allein, dass heute so viele Rapper erfolgreich sind, ist politisch. Das ist die Musik der Unterschicht.
DJM: Gute Kunst ist die Creme, die das Zäpfchen besser reinflutschen lässt. Die Botschaft kann noch so hart sein, solange man sie tanzbar und groovy verpackt, kommt irgendwas an. Wir haben aber auch gelernt, die Texte nicht unnötig explizit zu machen.

»Vor uns ein Haufen Scherben / Doch wir lassen uns die legendäre Stimmung nicht verderben«, heißt es im Song »Ahnma«. Folgt das diesem Prinzip, oder ist das einfach Ignoranz?
D: Bis zu einem gewissen Punkt schon. Was bringt es, sich von AfD-Fraggles und sonstigen Deppen auch auf einem persönlichen Level runterziehen zu lassen? Trotzdem ist es eine der wenigen Lines, wo explizit gesagt wird, dass hier im Land etwas stinkt. Das mussten wir auch wieder lernen: Sachen geradeaus zu sagen. So wie Jan: »Monsanto ist böse, Monsanto ist der Feind.«
JD: Für mich ist Advanced Chemistry nicht weniger politisch als Bambule. Geile Songs, die entertainen, und ab und zu eine Line, die etwas anspricht. Durch die Erfahrung mit Bambule wissen wir, dass wir damit viel mehr erreichen. Die Monsanto-Line folgt dem. Wir wissen, dass euch alles scheißegal ist, aber hier, eine Sache: Monsanto ist mies!

Die ungekürzte Version dieses Gesprächs ist, neben vielen weiteren Musikfeatures, als Titelgeschichte der Printausgabe SPEX N° 369 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das versandkostenfrei online bestellt werden kann.