Beat Happening »Look Around« / Review

Die Kunst dieser Band: mit wenigen Strichen alles rüberbringen.

Ich stelle mir vor, wie Calvin Johnson, Heather Lewis und Bret Lunsford von Beat Happening gemeinsam in einem Wohnzimmer in Olympia, Washington Musik machen. Auf dem Tisch Süßigkeiten und Schwarztee. In der Ecke ein winziges Standschlagzeug. Die E-Gitarre wird herumgereicht wie ein Joint, jeder darf mal darauf spielen. Lewis und Lunsford wechseln sich am Schlagzeug ab, Lewis und Johnson bei den Vocals. Gesungen wird ohne Mikrofon, in den Raum hinein. Wobei Johnson mehr Lieder singt als Lewis. Was ein bisschen schade ist, weil ihr Gesang durch mehr Höhen die monotonen Songatmosphären aufmischt.

Das Schöne an diesen Liedern ist: Jeder neu hinzuaddierte Ton oder Akkord, der aus dem monotonen Schema ausbricht, fällt so auf, dass am Ende mehr als nur die Illusion von Melodiösität entsteht. Plötzlich sind das Singalongs, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen. Und das wiederum ist die eigentliche Kunst dieser Band: mit wenigen Strichen alles rüberbringen. Die Drei schreiben und spielen ihre Lieder so, wie man sich die Welt wünscht, wenn man Punk ist. Oder als Kind die Rockmusik. Sie selbst nennen das »Love Rock« und »messianischen Blues«. Trotzige, sogar zornige Lieder – Zorn, dem eine innige Verbindung zu Kindertagen innewohnt –, die es fertigbringen, mit zwei Akkorden drei Songminuten zu füllen. Im Lauf der Jahre werden die Melodien virtuoser, die Musik facettenreicher, wie zum Beispiel in »Cast A Shadow« aus dem Jahr 1989. Auch das steht ihnen gut. Ihren stoischen Kern behalten sie aber bis zur letzten Single-Veröffentlichung im Jahr 2000 bei.

Beat Happening singen darüber, wie sie sich so fühlen. Und was sie vorhaben, dagegen zu unternehmen. Wenn sie zum Beispiel keinen Bock mehr haben in die Stadt zu gehen. Weil sie davon schlechte Laune kriegen. Dann kann es nicht schaden, die Gefühle aus der Kindheit wieder zu fühlen, sich zu erinnern, wie das damals war. Dafür liebte sie ihr berühmtester Fan Kurt Cobain, der sich deswegen das Logo von Calvin Johnsons Label K Records auf den linken Vorderarm tätowieren ließ: »To try and remind me to stay a child.« Was ein bisschen aberwitzig war. Denn die Hardcore-Punk-Szene der Achtziger war not amused über Beat Happening. Bei Konzerten wurden die DIY-Nerds nach eigenen Aussagen sogar mit Gewalt bedroht. Nicht wenige der Protagonisten dieser Zeit definierten sich über Machogesten und virtuoses Spiel.

Die Grunge-Kids mit ihren zerrissenen, aus dem Paradies vertriebenen Kinderseelen hingegen liebten diese Band für ihre ungebrochene kindliche Energie. So machte Nostalgie ausnahmsweise Spaß! Beat Happening und K Records beeinflussten deshalb nicht unmaßgeblich die Ästhetik von Grunge und Riot Grrrl, wo einem fortan abgerissene Puppenköpfe und kaputte Teddys auf handgekritzeltem Artwork entgegenblickten. Denn natürlich kennt man Calvin Johnson vor allem für sein Label: Auffangbecken für die von den Ausschlussmechanismen von Punk und Alternative ebenfalls enttäuschten »anderen« Außenseiterinnen und Außenseiter: Beck, Bikini Kill, Mecca Normal, Modest Mouse, The Gossip und etliche mehr. Da ist es nur gerecht, dass mit Look Around jetzt endlich auch eine Werkschau von Johnsons eigener Band erscheint.

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