Bear Hands Distraction

Gibt es Musik, die direkt für eine Converse- oder Smartphone-Werbung komponiert wird? Also nicht von Aufttragsmusikarbeitern, sondern von genuinen Indiebands, die bereits beim Schreiben auf einen lukrativen Deal abzielen? Wahrscheinlich gibt es sie nicht. Bei Distraction, dem zweiten Album der Brooklyner Band Bear Hands, hält sich der Verdacht aber hartnäckig.

Das Quartett hat zweifellos eine Hand für eingängige Gitarrenhooks. Distraction bietet deshalb mindestens vier Semi-Hits, die sich sofort oben einnisten. Dabei ist man keinesfalls wählerisch: Die historischen Nachbarviertel dieser Musik tragen so unterschiedliche Namen wie Blink 182, One-Hit-Wonder Rooney, die Antidotes-Foals und ja, manchmal sogar Radiohead oder M83. Und mittendrin steht city boy Dylan Rau, der verzweifelt die Verständigung mit einem suburb girl sucht, das alle seine Lieblingsserien und -Platten ablehnt.

Das wirkt oft arg kalkuliert, bisweilen eben aber auch unbestechlich. Wie Diedrich Diederichsen allerdings neulich einmal feststellte, ist eine Haltung »wichtiger als ein Akkord«. Und so platt und unreflektiert wie Rau hier über die Liebe singt und dabei immer wieder verloren um Orientierung im Zwischenmenschlichen ringt, so singt er auch über die Politik. Wenn er in »Party Hats« derart plump politische Ereignisse und Verschwörungsstichworte aneinanderreiht und dann auch noch mit Liebessymbolik durchsetzt, dann verkürzt sich beim Hören das Rückenmark um vier Zentimeter, mindestens. Die allgemeine Devise lautet: Kurzes Fingerdraufzeigen, dann weiter im Konsum, äh, Text, der hier ein inhaltsleeres, jedoch cooles Straßenleben beschreibt. Und man muss nicht einmal den passenden Little Britain-Sketch kennen, um zu merken, dass Spielchen wie »I know you love / but I’m loving you more« (»Giant«s) kindlicher Kitsch sind.

Ihre beiden Mitstreiter haben sich die Bandköpfe Dylan Rau und Ted Feldman übrigens nach eigenen Aussagen intrigant aus anderen Bands ausgespannt. Faszinierenderweise echauffiert sich Dylan Rau dann in einem gleichnamigen Track über einen »Bad Friend« und seine Methoden.

Ja, die Doppelmoral trieft förmlich aus diesem Poprock zum Cupcakes-Backen. Typen, die sich wegen hübscher Mädchen ab und an mal im Sommer auf Demonstrationen verirren, haben diese Musik allerdings bestimmt längst illegal auf ihr Smartphone gezogen. Alle anderen Menschen wird »Agora«, »Giants«, »Sleeping On The Floor« oder »Peacekeeper« wahrscheinlich dann irgendwo per Beschallung aufgezwungen.

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