Die Fronten im Nahostkonflikt manifestierten sich dieses Jahr auch in der deutschen Musiklandschaft. Aufrufe zum wirtschaftlichen und kulturellen Boykott Israels sorgten international für Aufsehen. Und in Berlin für Konzertabsagen.

Als die BDS-Bewegung Ende Oktober vor der Berliner Max-Schmeling-Halle gegen Nick Caves geplanten Auftritt in Tel Aviv mit Pappschildern demonstrierte, verspürte ich kurz ein wenig Mitleid. Für einen Moment vergaß ich, dass diese Antizionisten auf beängstigende Weise kampagnenfähig sind. BDS steht für Boycott, Divestment and Sanctions, Ziel ist die Isolation Israels auf allen Ebenen. Zur Strategie gehören die Skandalisierung jeder Kooperation mit Israel und öffentlicher Druck auf Prominente, die mit israelischen Firmen und Institutionen zusammenarbeiten und sich nach Ansicht der BDS-Campaigner zu Marionetten einer zionistischen Imagepolitur machen.

Popmusiker von Elvis Costello bis Lauryn Hill haben in der Vergangenheit aufgrund dieses Drucks in Israel geplante Konzerte abgesagt. Andere sind selbst proaktiv, wie die Unterstützer der Initiative Artists For Palestine UK, zu denen Brian Eno, Jarvis Cocker, Matthew Herbert, Kate Tempest und Robert Wyatt zählen. Mit dreistem Geschichtsrelativismus wird Israel hier als „Apartheidstaat“ denunziert. Der Vergleich mit dem rassistischen Südafrika stattet die Boykottunterstützer mit maßloser moralischer Gewissheit aus. „Nick Cave! Bleib dir treu! Spiele nicht für Apartheid!“, stand auf den genannten Pappschildern. Nebenbei lädt der Apartheidvergleich das Engagement mit pophistorischer Nostalgie auf. Wie politisch bedeutsam war Popmusik doch damals, anno 1985, als Joey Ramone, Bobby Womack, Lou Reed und die anderen Artists United Against Apartheid „I ain’t gonna play Sun City!“ sangen und damit ihren Boykott eines Freizeitkomplexes des südafrikanischen Regimes verkündeten.

Der (Pop-)Kulturkampf ist nur ein Element der BDS-Strategie, 2017 geriet er aber ins Zentrum der Debatte. Radiohead-Sänger Thom Yorke wehrte sich mit deftigen Worten gegen den inquisitorischen Dauerdruck, dem er wegen eines Konzerts in Tel Aviv ausgesetzt war. „Some fucking people!“, rief er bei einem Auftritt in Glasgow in Richtung der palästinensische Fahnen schwenkenden BDS-Freunde. In einem Interview beschwerte Yorke sich über die Vereinnahmung. Als ob er komplett verblödet sei und sich nicht eigenständig eine politische Meinung bilden könne.

Wenig später folgte die Kampagne gegen das Berliner Festival Pop-Kultur. Die teilnehmenden Musiker wurden mit E-Mails bombardiert, in denen schamlos gelogen wurde: Der Staat Israel koorganisiere und kofinanziere die Veranstaltung, wurde mit verschwörungstheoretischem Eifer mitgeteilt. Tatsächlich unterstützte die israelische Botschaft die Künstlerin Riff Cohen mit einem Reisekostenzuschuss von 500 Euro und durfte im Gegenzug den Davidstern auf der Festivalwebseite platzieren. Mehrere arabische Acts und die britische Band Young Fathers sagten daraufhin ihre Teilnahme ab. Letztere hatte zuvor einen offenen Brief an Yorke mit unterzeichnet. Die deutschen Medien reagierten entsetzt, linke wie konservative Politiker ebenso. Die oft verpönte „Mitte der Gesellschaft“ demonstrierte klar ihren pro-israelischen Konsens. Wer glaubt, das spezifisch deutsche Framing des Wortes „Boykott“ ignorieren zu können, kann hierzulande kein Diskurspartner sein.

Fans können das kindliche Gefühl von Macht genießen, wenn sie ihren Idolen mit Liebesentzug drohen.

In einem Artikel über Israelboykotte schrieb der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik 2012: „Der nationalsozialistische Boykott gegen jüdische Geschäfte führte nicht ungebrochen in die Gaskammern, wies aber doch in Richtung einer totalen, am Ende mörderischen Extermination.“ Ob die BDS-Leute das interessiert? Eher nicht. Sie gehen darüber hinweg, dass die Gründung des Staates Israel eine Reaktion auf die Shoah war. Sie triggern das jüdische Trauma der Vernichtung und zeigen damit, dass sie kein Interesse an Dialog, geschweige denn an einer Lösung des Nahostkonflikts haben. Die BDS-Forderung nach dem Ende der Besiedelung „allen arabischen Landes“ und einem Rückkehrrecht für alle geflohenen und vertriebenen Palästinenser sowie deren Nachkommen läuft auf die Abschaffung Israels als jüdischer Staat hinaus. Den Palästinensern hilft BDS deswegen kein bisschen.

Warum unterstützen westliche Popmusiker die BDS-Kampagne, wenn ihr jede realpolitische Perspektive fehlt? Niemand will ihnen ihre Empörung über Menschenrechtsverletzungen in den besetzten Gebieten absprechen. Nur warum muss Israel deshalb so absolut delegitimiert und existenziell in Frage gestellt werden? Bei den vielen britischen Künstlern, die ein Problem mit Israel haben, dürfte ein diffuses Schuldgefühl wegen der Rolle der einstigen Mandatsmacht Großbritannien im Nahostkonflikt im Spiel sein. Eine weitere Diagnose könnte lauten: Sich avanciert und irgendwie links dünkende Musiker wollen „politische Künstler“ sein, dabei aber nicht unter Bono-Verdacht geraten – sprich: nicht als gutmenschelnde Weltverbesserer dastehen, sondern kontrovers und radikal wirken. Der Boykott gibt ihnen die Möglichkeit zu einer konkreten Verweigerungsgeste, die Solidarität mit Palästina schmückt ihren politischen Einsatz mit der Aura der Militanz.

Auch für die Fans fällt psychologischer Gewinn ab. Sie können das kindliche Gefühl von Macht genießen, wenn sie ihren Idolen mit Liebesentzug drohen. Ihr Eingriff in die libidinöse Ökonomie der Star-Fan-Beziehung ist damit genauso regressiv wie das Projekt BDS insgesamt. Man kann nur hoffen, dass 2017 das Jahr war, in dem die BDS-Bewegung den Bogen endgültig überspannt und sich wegen ihrer neurotischen Hyperfixierung auf den Judenstaat ins Aus katapultiert hat.

Dieser Text erschien zuerst in SPEX No. 378. Das Heft kann hier versandkostenfrei bestellt werden.

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