Bat For Lashes »The Bride« / Review

Die einzelnen Stationen von The Bride hätten Novalis und Co. sicher stolz gemacht. Wer aber glaubt, das Album sei eine weitere Aufbereitung eines tausendfach verhandelten Themas, hat nur halb recht.

Natasha Khan ist eine visuelle Person. Das zeigt sich zum Beispiel an ihren stets ausgefeilten Albumcovern, ihrer Frühling-Sommer-Kollektion für das Modehaus YMC aus dem Jahr 2014 und an ihrem Kurzfilm I Do, der beim diesjährigen Tribeca Film Festival Premiere feierte. Den Soundtrack dazu hat die Britin an eine frühere Bandkollegin abgegeben, um sich auf Regie und Visuals konzentrieren zu können. Hier nimmt das Konzeptkunstwerk von Bat For Lashes’ The Bride seinen Anfang: Die namenlose Braut erwacht am Morgen ihrer Hochzeit mit unguten Vorahnungen, die sich bestätigen, als sie einen leeren Traualtar vorfindet. Der Bräutigam ist auf dem Weg in die Kirche tödlich verunglückt. Auf diese Nachricht flieht die Braut vor der Hochzeitsgesellschaft allein in die Flitterwochen. Ein Roadtrip beginnt. Endstation: Sehnsucht.

Ein Roadtrip beginnt. Endstation: Sehnsucht.

Khans Texte kreisen auf The Bride um »lightning in his black leather«, »empty seat by my side« und »fire« – letzteres Wort wiederholt sie in bedrohlichen Höhen gefühlte 20 Mal. Das tut schön weh. Ein nicht wörtlicher, sondern stimmungsvoller Surrealismus manifestiert sich in verschwommenen Gitarren und unheilvollen Drones, die Welt der kaputten Romantik und zerbrochenen Herzen in schwül-gruseligen Wild-At-Heart– und Lost-Highway-Analogien. Überhaupt ist das in der düsteren Popmusik vielgenutzte Lynch-Kolorit omnipräsent auf The Bride. Einen Teil der Einnahmen aus Konzerten, die Khan als Hochzeiten in US-amerikanischen und englischen Kirchen inszenierte, stiftete sie der David-Lynch-Foundation, die Trauma- und Stresspatienten durch transzendentale Meditation zum easy living verhilft.

Apropos Transzendenz: Die vorherrschende Konsensidee der Hochzeit – ein von allerlei patriarchalen Bräuchen und seltsamen Traditionen überladenes Konstrukt – hat ja mit der ursprünglichen Definition der romantischen Liebe wenig zu tun. Die einzelnen Stationen von The Bride hingegen hätten Novalis und Co. sicher stolz gemacht: hoffnungsvoller Beginn mit lieblicher Harfenbegleitung (»I Do«), Visionen (»Joe’s Dream«), Konfrontation mit dem Tod (»In God’s House«), Kontakt zum Göttlichen (»Never Forgive The Angels«), Todessehnsucht und Selbsterkenntnis (»Widow’s Peak«) und – Achtung, Spoiler! – Wiedersehen mit dem Geliebten im Jenseits beziehungsweise im Traum zu Klangzerhacktem (»Close Encounters«). Wer glaubt, The Bride sei eine weitere Aufbereitung eines tausendfach verhandelten Themas, hat deshalb nur halb recht. Auf dem Albumcover trägt Khan ein Vintage-Hochzeitskleid und großzügigen türkisfarbenen Lidschatten. Welche konventionelle Braut würde das schon tun?

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