Bass: Roots

Studio One Roots Vol. 3

Es ist schon wieder eine Souljazz Compilation, und es ist nach 2001 und 2005 die bereits dritte, die sich ganz auf Roots-Musik konzentriert. Egal, denn »Studio One Roots Vol. 3« (Souljazz/ RTD) gehört zu den Compilations jener Sorte, die den Atem für einen Moment nehmen. Jennifer Lara ist mit »A Change Is Gonna Come« mit dabei, und auch »What A Situation« von den Nightinggales gehört zu den Hits aus Coxsone Dodds Studio in Kingston. Wie sehr es sich aber weiterhin lohnt, die bis dato auch noch unbekannteren Rasta-Songs auszugraben, zeigt sich auf eigentlich jedem Stück. Mit ihren Jah-Preisungen und Alltags-Szenarien zeichnet die Compilation auch unweigerlich ein Gesellschaftsbild der frühen 70er Jahre auf Jamaika, jener Zeit vager Hoffnungen auf der Insel. Bob Marley war gerade zu einem Weltstar geworden; der Besuch von Haile Selassie 1966 hatte besonders die Musiker unter den Rastafarians glückselig zurück gelassen; und doch war die allgemeine soziopolitische Lage noch ziemlich unstatbil. Bass und Rhythmus-Sektionen spielen hier jedoch das Immer-Weiter des Alltags, sie produzieren ihre eigene Tiefe, ihre eigene Zeit. Das hat die Studio One-Produktionen ja schon immer so ausgemacht.

    Aus ungefähr der gleichen Zeit kommen auch die Stücke auf der 2-CD-Compilation »Down In A Tenement Yard«(Trojan/ RTD), deren Untertitel bereits einen spezifischeren Fokus andeutet: »Sufferation And Love In The Ghetto 1973 – 1980«. Weit davon entfernt, einfach die größten Hits des sozialbewussten Reggae-Songs zu verwerten, klingt hier super, was auch sozialhistorische Einsichten bringt. That's Infotainment – und wenn Universal heute vermeldet, dass Sanctuary nach dem Aufkauf als eigenständiges Label geschlossen, der Katalog (zu dem Trojan gehört) allerdings weiter vermarktet werden soll, dann drücke ich beide Daumen für das Reggae-Label. Auf ihm erscheint übrigens auch das neue »Trojan Country Reggae Box Set« – die 3-CD-Compilation wird auf spex.de gesondert besprochen.

    Mit der »The Peng EP« (Crater/ Import) setzt der oder die mir unbekannte F1 die Betonung der Beatlücke und die Langsamkeit der Roots- und Dancehall-Produktionen fort. Die Stücke swingen simpel und klingen so schön einfach, wie's der Rave in der frühen Nacht gebrauchen kann. Auch auf Skream kann ich gar nicht oft  genug hinweisen, selbst wenn es sich wie im Fall von »Sub Island« (Souljazz/ RTD) nur um eine 12-Inch handelt, deren A-Seite schon von der »Box Of Dub« bekannt sein dürfte. Doch: das Stück ragt selbst dort heraus mit seinen Blue Notes und mit Hallfahnen umwickelten Melodikas. Außerdem klingt auch die Rückseite »Pass The Red Stripe« verqueer gut  – cheape Reggae-Bläser-Sounds, diese typischen Subbässe und dazu noch aufgeplatzte Becken.   

 

Various Production    Wegen solcher Tracks bleibt Dubstep aufregend, und, wir baden gerade unsere Hände drin: Es gibt Neues von Various Production. Die anonymen Producer, die erst mit einer Reihe von 7-Inches, zu Beginn dieses Jahres dann mit ihrem folky Dubstep-Pop-Album »The World Is Gone« berühmt, gehypet, geliebt wurden. Jetzt kommen sie zurück mit »Limbs« (XL/Indigo), einer voller Klangfarbenkontraste gehaltenen Rave-Hymne, einmal mit soulgewandtem Popgesang, einmal ohne. Und das ist nur ihr Vinyl. Seit dem 28. August haut das gesichtslose Team eine Reihe von 12 digitalen Downloads raus. Sie variieren zwischen weirdem Folk und beinharter Abfahrt, sind allerdings beschränkt auf www.junorecords.de, www.i-tunes.co.uk und www.roughtradedigital.com. Ebenso wie Various Production lieben die nicht mit einem Begriff zu beschreibenden musikalischen Regionen zwei weitere Producer, mit denen ich langsam ins energieintensive Finale münde: »World Dubbing« (Mojuba/ Wordandsound) von Nick Sole ist ein Bad in Deep House; die A-Seite eine fluffige Butterwolke, einmal umgedreht, treibt die verdubbte Bassdrum vorwärts immer und rückwärts nimmer.

Kassem Mosse    Auch Kassem Mosse, die oder der von sich behauptet, in einer »nighttime world somewhere on the egde of time« zu leben, geht auf der B-Seite der selbstbetitelten EP (Workshop/ Hardwax) direkt in die perkussionsgesteuerte House-Hypnose. Die A dagegen tanz Breakbeat mit Vierviertel-Anmutung und durchstreift dabei historische Maschinenparks. An die schließt sich die alte Breakbeat-Wundertüte Oliver Greschke alias Magnum 38 lässig an. Mit »Old Europe Strikes Back« (Musick/ MDM) hat er ein ganzes Album voller gnarzender Breakbeats, Powerbässen und hüpfenden Snares programmiert. Ja, es ist wieder Zeit zum Pogen, Bollern, Fetzen: wer könnte da noch besser einen drauf setzen als Shitmat. Mit seinem Album »Grooverider« (Planet Mu/ RTD) versucht er überraschenderweise nicht, seine Breakcore-Exzesse aus älteren Tagen zu übertrumpfen. Es geht hier um eine Aktualisierung von Jungle, und die kommt.

µ- Ziq    Ebenso hat Mike Paradinas als  µ- Ziq wieder etwas Neues in die Welt geworfen: Ich darf Ambient Techno dazu sagen, und es klingt so gut. Anfang der 90er hat Paradinas diesen Sound ja ebenso geprägt wie The Black Dog oder Aphex Twin, und heute klingt »Duntisbourne Soulmate Devastation Technique« (Planet Mu/ RTD) nicht nur nach den Träumen schlafender Maschinen, sondern schlicht aktuell. So geht das schon gut, mit den Roots.

 

 

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.