Bass: Planet Mu

PLanet Mu: 200Stößchen, Mike Paradinas! Als µ- Ziq hatte der Typ längst den arkadischen Breakbeat-Techno miterfunden, als ihm 1995 ausgerechnet Virgin Records ein eigenes Label anbot. Planet Mu wurde lustigerweise als Unter-Unterlabel konzipiert: Denn Paradinas berichtete, wie es so schön auf BWL-Deutsch heisst, nicht an den Chef von Virgin, sondern an den des BritPop-Imprints Hut. Hier wurden Gitarrenbands wie Suede groß gemacht. Umso weniger überrascht der weitere Verlauf der Geschichte. Die erste Planet Mu-Compilation erschien 1997 voller smartem Neuronen-Techno von Produzenten wie unter anderem AFX und diversen Pseudonymen Paradinas'. Die Kritiken: blendend, der Verkauf: für Paradinas erfreulich, für Virgin nicht. Also verabschiedete sich der 1971 im poshen Wimbledon geborene Paradinas von Virgin, und das Label nahm er einfach mit.

    Jetzt wird gefeiert. Gleich zwei Doppel-Compilations feiern das Erblühen von Planet Mu, die Katalognummer zweihundert ist erreicht. Auf »200« (Planet Mu / Neuton / NTT)  kompiliert der Labelchef noch selbst; das ganze Spektrum schmeisst 'ne Party. Jahrelang garantierte Planet Mu erschütternde Bollerbeats in den Subsubsub-Disziplinen Breakcore, Splatter Glitch oder Zappelpop. All das wird hier vertreten von den Adepten des Ultrahörens. The Gasman – surrealer Dada-Gabba, Neil Landstrumm – Neo-Ursuppen-Rave, Duran Duran Duran – Pop mal Pop mal Pop, und die Geschwindigkeit wird immer schön mit multipliziert. Von Julian Fane taucht wie aus dem Nichts  einmal ein Popsong auf, mit Strophen und Refrains und zartem Gesang. Dieser Moment irritiert erst so richtig. Circa ein Drittel der Tracks schließlich kommt von der neueren Schule: Längst repräsentiert Planet Mu auch Dubstep. Mit Benga, Pinch und Darqwan gehören drei große Raver zum Label-Stamm, und einer der Hits der  vergangenen 12 Monate überhaupt, hier ist er nochmal: »Fallen« von Distance, und zwar in jenem Remix, in dem Vex'd alles gegeben hat an Schärfe, und Kick, und der Sequenzierung geistlicher Gesänge.

Diverse – 200
Label: Planet Mu / Neuton | Vertrieb: NTT | VÖ: 08.10.2007

Planet Mu: 10 Tones HeavyWieviel Paradinas und seine kleine Crew derzeit von Dubstep halten, das zeigt der Umstand, dass zum Jubiläum eine weitere Doppel-CD veröffentlicht wird. Der Londoner Kiss FM-DJ Hatcha mixt sich durch die Slowbass-Regionen der Mu-Veröffentlichungen auf  »10 Tons Heavy« (Planet Mu / Neuton / NTT), und die Roughness regiert mit Milanese, Pinchs harschem »Qawwali« und Distance, Vex'd, Boxcutter.

Diverse – 10 Tons Heavy
Label: Planet Mu / Neuton | Vertrieb: NTT | VÖ: 15.10.2007

Boxcutter: GlyphicHinter diesem Boxcutter verbirgt sich Barry Lynn aus Irland, und auf seinem ebenfalls auf Planet Mu erscheinenden Album »Glyphic« (Planet Mu / Neuton / NTT) gefriert er Bassmusik ein, um dann helle Lichter drauf zu werfen. Das strahlt! Samples zelebrieren den Jazz der Sternreisenden, und wobbeln tun hier nicht die Subsequenzen, sondern metallene Panflöten. So mag ich meinen Autoren-Dubstep.

Boxcutter – Glyphic
Label: Planet Mu / Neuton | Vertrieb: NTT | VÖ: 26.10.2007

Space And TimeScuba mag ihn auch. Der Londoner Hotflush-Macher hat Boxcutter deshalb auch als tragende Stütze für die Label-Compilation »Space And Time« (Hotflush) eingeladen; mit zwei Solo-Tracks und einem Remix finde ich ihn hier ebenso wieder wie Vex'd, der mit einem Remix von Toastys »The Knowledge« zeigt, dass er mit dem Material der Anderen mindestens so gut umgehen kannn wie mit seinem eigenen, und das kommt sehr, sehr selten vor. Größtenteils strahlt die Compilation mit den Tracks von insbesondere Vaccine, der Produzentin aus Australien, und denen von Scuba selbst eine angenehme Ausgeschlafenheit aus.

Diverse – Space And Time
Label: Hotflush | Vertrieb: Import | VÖ: 18.10.2007

Basic ReplayNoch langsamer zerdehnen die Tracks von Basic Replay meine Zeit. Das Label schlägt die Brücke Berlin, Basic Channel nach London, Honest Jon's. Gemeinsam kümmern sich die beiden Labels mit Basic Replay um Wiederveröffentlichungen von Dancehall und Dub. Die erste Compilation featured mit Keith Hudson jenen  Sänger, dessen Album »Playing It Cool« vor zwei, drei Jahren wiederveröffentlicht wurde und die Label-Gründung mit einem lauten Knall begleitete. Ich höre es immer, immer wieder. Auf »Basic Replay 1« nun finden sich sowohl Originale wie auch Versions aus der ewigen Geschichte des Dub Allmächtig. Wie manieriert Prince Jazzbo die Frequenzen manipuliert! Jackie Mittoo, what did you do, dass deine Synthies so regenbogenbunt erstrahlen?

Diverse – Basic Replay 1
Label: Basic Replay | Vertrieb: Indigo | VÖ: 09.11.2007

Box Of Dub 2Wann immer ich Kode 9 höre, tauchen ähnliche Fragen auf. Mit »Magnetic City« belieferte der Chetheoretiker des Dubstep die erste »Box Of Dub« einen tatsächlich magnetischen Mitternachtstrack, nun baut er selbst einen Rewind ein in seinen schnellen Stepper »Stung«. Ja, »Box Of Dub« Part zwei ist da, kaum ein halbes Jahr nach der ersten. Klingt wieder super, klingt wieder gut, vor allem belegt sie meine Vermutung, wonach The Bug exzellent mit Stimmen umgehen kann. Seine Zusammenarbeit mit dem Space Ape bringt die reinste »Wickedness« hervor und heisst deshalb auch so. Wie immer malt The Bug hier eine Geister City. Wo die aber in seiner Kooperation mit Sänger Roger Robinson als King Midas Sound eher besänftigen, flößen The Bug und Space Ape unter dem Pseudonym The Cult Of The 13th Hour doch ziemlich Furcht ein. Der Rest, wie er auftaucht in exklusiven Tracks von Skream, Burial, Ramadanman oder den Digital Mystikz, erzählt sich schnell: »Box Of Dub 2« handelt wieder genau von jenen Bass-Fiktionen, deren Tiefenfrequenztum gepaart mit innerstädtischen Nachtgeschichten jeden Beton und jeden Stahl in weiche, dehnbare Umwelten transformiert.


Diverse – Box Of Dub 2 – Dubstep and Future Dub
Label: Soul Jazz Records | Vertrieb: Indigo | VÖ: 16.11.2007

 

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