Bass: Last Saloon Swagger

In der Kolumne »Bass« thematisiert Christoph Braun einmal im Monat die Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit des Dub. Diesmal mit dem Novelty Hit »Last Saloon Swagger« des Produzenten Forsaken, neuen Perlon-Veröffentlichungen von A Guy Called Gerald und Ricardo Villalobos, dem »Township Funk« DJ Mujavas, Notting Hill Carnival von Ghislain Poirier sowie der Pole-Wiederveröffentlichungen.

ForsakenDarauf einen Twang. Forsaken, aufstrebendes Gesicht aus Bristol, der als Resident-DJ der Byte-Partyies und als unermüdlicher Studio-Hexer in den letzten Monaten zu immer neuen, vor allem unerwarteten Taten schreitet, hat es geschafft: Nach »Boat Noodles« im Dezember des vergangenen Jahres baut er zum zweiten Mal das Teil des Monats der Bass-Kolumne. Der »Last Saloon Swagger« setzt dabei die Titel-Assoziationen um. Zwei ausgedehnte A-Seiten klingen darauf wie eine von unsichtbarer Hand angestimmte Weite. Es ist eine Lässigkeit neuer Art, denn die Selbstverständlichkeit, mit der Forsaken hier die Offbeats und Bässe des Dubstep als reine Matrix einsetzt, erinnert an das Jamaika der sechziger Jahre.

    Dort wurden nach dem Siegeszug des halben Zähltaktes und des langsamen Schmoove des Reggaes, dank der Beseeltheit von Studiomusikern und Leuten hinter dem Mischpult auch auf einmal alle möglichen Stile zu Reggae, zu Dub, ob Country- oder Soul-Hits. Jede Frage nach der Aufgesetztheit der Idee, Veranda-Blues aus den US-Südstaaten mit der Ästhetik des Hardcore Continuum zu konfrontieren, erübrigen sich damit. »Last Saloon Swagger« ist ein Novelty Hit und öffnet tausend Türen.

Forsaken – Last Saloon Swagger
Label: Soul Motive | Vertrieb: Import | VÖ: bereits erschienen

A Guy Called GeraldIns Reden über die Matrix schaltet sich derzeit auch Perlon aus Berlin wieder verstärkt ein. Hier vernäht etwa Ricardo Villalobos immer wieder verschiedenartig kolorierte Trommelhäute zu halluzinogenen Endlosschleifen. Mit dem in Berlin lebenden Future Funk-Impersonator A Guy Called Gerald hat sich das Minimal-Label eine Überraschung auf die Palette gesetzt. Der bedankt sich wenige Monate nach der neu gemasterten Digital- und CD-Veröffentlichung seines Ambient Fiction-Werkes »Black Secret Technology« (agcg Records) seinerseits mit einem Captain’s Dinner. »In Ya Head« setzt auf Repetition, reduzierte Variation und Ausdauer und verneigt sich somit akustisch vor der von Perlon so beredt praktizierten Ästhetik. Und das auf beiden Seiten.

A Guy Called Gerald – In Ya Head
Label: Perlon | Vertrieb: Neuton | VÖ: bereits erschienen

DJ MujavaNatürlich: der (berechtigte) Hit des Moments. Die ganze Geschichte steht im Magazin-Artikel von Eric Mandel auf dieser Website. Wobei ich die Gelegenheit ergreifen möchte, auf den digital bereits veröffentlichten Remix von DJ Nonsense hinzuweisen. Der macht eigentlich kaum mehr, als ein paar runtergedimmte, männliche Stimmen zu einem Geisterchor zu arrangieren, der aus dem Geklöppel auftaucht und verschwindet, seinen Kopf zeigt und abhaut. Doch dieser Effekt heizt.

DJ Mujava – Township Funk
Label: Warp Records | Vertrieb: Rough Trade | VÖ: bereits erschienen

Fortsetzung mit Ghislain Poirier, Ricardo Villalobos und Pole auf Seite 2 (vor)

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Ghislain PoirierGhislain Poirier hat sich in den vergangenen Jahren zunächst einen Namen als Erbauer subtilen, elektronisch gestützten Hiphops gemacht. Seit Mitte dieses Jahrzehnts aber geht der Montréaler Richtung booty. Was er jetzt auf Ninja Tune veröffentlicht, hat damit kaum noch etwas zu tun. Auf »Go Ballistic« schmeißt er eine Socca Party, so als würde der Notting Hill Carnival in London noch anstehen, so als herrsche gerade Hochsaison auf Trinidad. Lässt sich im Original Mix zu jedem Gipfel der Ekstase rufen, egal, ob als Instrumenal oder ver-emceete Version.

Ghislain Poirier – Go Ballistic
Label: Ninja Tune | Vertrieb: Rough Trade | VÖ: bereits erschienen

Ricardo VillalobosNachdem Teil 1 und Teil 2 der Vasco-EP auf Vinyl inklusive Remixes von zum Beispiel Shackleton und Baby Ford erschienen sind, veröffentlicht Ricardo Villalobos nun abschließend CD- und Digital-Versionen der EPs. Es handelt sich dabei um vier Stücke: Einen nun 30-minütigen Mix von »Minimoonstar«, dazu die bereits bekannten Tracks »Electronic Water« und »Amazordrum« sowie das bisher inveröffentlichte »Skinfummel«. Ein endloses Baden im Klickern und Klackern aus hochkomplexer Beatforschung und totaler Dröhnung.

Ricardo Villalobos – Vasco EP
Label: Perlon | Vertrieb: Neuton | VÖ: bereits erschienen

PoleNoch abschließender, noch abstrakter: Das Frühwerk von Pole. Auch wenn Max Dax bereits im Heft auf die Re-Issues von »1«, »2« und »3« hingewiesen hat, es gehört auch an diesen Ort. Schließllich hat Stefan Betke mit dem Krispeln seines kaputten Filters einen ganzen Zweig elektronischer Musik mitbegründet, und – Rob Young weist darauf in den sehr lesenswerten Linernotes von »1 2 3« hin – es ist aus dieser elektromagnetisch geladenen, langsam schwingenden, atmenden Musik schon die Ästhetik des Dubstep rauszuhören.

Pole – 1 2 3
Label: ˜scape | Vertrieb: Indigo | VÖ: bereits erschienen

Alle im Rahmen dieser Kolumne erschienenen Texte finden sich hier.

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