Barnt Magazine 13.

Dadaistisches aus der Spielzeugtröte: Barnt offenbart auf Magazine 13. das Poetische im Upoetischen.

DJ-Sets können noch so schön sein. Sie sind flüchtig und schnell vergessen. Nichts lässt sich im Bereich der elektronischen Tanzmusik so unmittelbar in eine Karriere ummünzen wie ein Hit oder besser gleich eine ganze Reihe davon. Aber was macht einen Track zum Hit auf den Tanzflächen? Er muss etwas haben, mit dem niemand rechnet. Weshalb einem Hit nichts so sehr im Weg steht wie die Ambition auf einen Hit, also der Versuch, mit dem Unberechenbaren zu rechnen. Und tatsächlich gibt es kaum etwas Tristeres als kalkulierte, erzwungene Hits – egal, ob sie als psychedelische elektronische Klänge mit humorigem Twist daherkommen oder in Form einer Frauenstimme, die den Tänzern Anweisungen für Yogaübungen gibt.

Kaum einem Musiker der aktuellen Clubmusikszene gelingt es, sich so von Erwartungen und Hoffnungen freizumachen wie dem aus Kiel stammenden, seit 2001 in Köln lebenden Daniel Ansorge alias Barnt, der zur Clique um das kleine, angesehene Label Magazine gehört. Mit seinem Track »Geffen« wurde Barnt im Sommer 2012 schlagartig international bekannt. »Geffen« behauptet sich nicht als Hit, der Track startet mit einem trockenen, zunächst unauffälligen, aber doch insistierenden Minimal-Groove Kölscher Prägung. Was die Tänzer überall auf der Welt aber nicht mehr losließ, war die Melodie des Stücks. Deren Magie ist bis heute kaum zu fassen. Die genretypischen, verheißungsvollen Fanfaren klingen nicht erhaben oder gebieterisch. Sie tönen wie aus einer Spielzeugtröte, und dieses Dadaistische, Ungelenke, Naive machte sie so persönlich und so irisierend. »Geffen« will nichts von einem, das Stück ist in seinen Klängen verloren wie ein Kind in seinem Spiel – und dieses Vergnügen ist äußerst ansteckend. Mit diesem Hit erweiterte sich Barnts Aktionsradius enorm. Jetzt erscheint sein Debütalbum.

Magazine 13. ist ein Epos, das die deutsche Elektroniktradition (Tangerine Dream, Kraftwerk) ebenso in sich trägt wie die Kölner Techno-Schule. Deren Musikverständnis holt Barnt mit einem teilweise an DJ Koze erinnernden Interesse am Offenen und Unformatierten in die Gegenwart. Epos meint hier nicht Monumentalität, sondern Etappenreichtum. Der Groove kommuniziert immer auch mit seinem Gegenteil, dem Stillstand. Genauso kommuniziert das Gefühlvolle mit dem Nüchternen, das Große mit dem Kleinen, die Schönheit mit der Leere.

Barnt will seine Musik nicht mit den Tänzern in einer möglichst effizienten Ursache-Wirkung-Kette verschalten. Seine Musik ist gleichzeitig mehr und weniger. Mehr, weil es in der Bedingungslosigkeit, in der Ungebrochenheit der Klänge etwas wie ein utopisches Versprechen gibt. Weniger, weil selbst die tollsten Klänge bloß Geräusche sind. Barnt führt in den Tracks ein kritisches Bewusstsein mit, das die Gemachtheit der Klänge mitdenkt. Er will diesen Umstand nicht verschleiern oder verstecken, vielmehr findet er oft gerade in der Banalität der Klänge ihre Tiefe, etwa im Scheppern einer Hihat. Sein impliziter Vorwurf an die herrschende Clubmusik: Sie lässt bloß Schönes ein wenig schöner wirken. Barnt wertet um, er entwickelt eine Poetik des Unpoetischen.

Barnt ist ein Humanist der Klänge: Er gestattet jeder Spur, sich zu entfalten. Die Pattern fließen nicht einfach aus dem Perpetuum mobile der elektronischen Instrumente heraus; jede Spur klingt so, als sei eigenes für sie ein Instrument erfunden und ein entsprechendes Bandmitglied trainiert worden; jeder Klang hat eine eigene Persönlichkeit, eine eigene Biografie. Barnt behandelt seine Sounds wie liebevolle Eltern ihre Kinder: Sie brauchen nicht unbedingt Hitpotenzial, um innig geliebt zu werden.

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