Barbara Morgenstern „Unschuld und Verwüstung“ / Review

Cover: Barbara Morgenstern „Unschuld und Verwüstung“

Barbara Morgenstern – Berliner Keyboarderin, Sängerin, Komponistin, und ja, man darf sagen Lyrikerin – hatte noch nie große Probleme, die passenden Worte zu finden. Worte gegen das, was ihr zuwider läuft. Auf Unschuld und Verwüstung, ihrem neuen Album mit dem so ambigen Titel, ist das der Leistungsdruck von außen. Was sie nach Resignation und Anarchie, aber vor allem nach mind fuck klingen lässt. Im eindeutig positiven Sinne. 

Barbara Morgenstern zitiert auf ihrem neuen Album R.E.M. und AC/DC. Beide spielen mittlerweile Konzerte, auf denen das Bier fast so teuer ist wie ein halber Quadratmeter Wohnraum in Berlin. Wo die Autodidaktin zuletzt umsonst spielte. In der Lausitzer Straße 10 und 11, wo Immobilienspekulation die Arbeitsräume von rund 150 Freischaffenden gefährdet.

Auch wenn die elf Stücke auf Unschuld und Verwüstung wenig mit der Problematik urbaner Verdrängung zu tun haben, könnten sie als latenter Soundtrack für den Widerstand dagegen taugen. Im Wissen nämlich, dass alles „schlechter als besser“ werden könnte, formuliert die gebürtige Hagenerin auf ihrem zehnten Album den schüchternen Wunsch, sich von Leistungsdruck und Expertenwissen nicht mürbe machen zu lassen. Und formuliert dabei inmitten kryptisch anmutender Passagen gelegentlich sogar ein paar hoffnungsvolle Zeilen. Etwa im starken „Live Fast, Die Young!“: „Ich bin all das, was ich mit Leidenschaft tu“, heißt es da. An anderer Stelle schmeißt sie die „Karriereleiter“ der Selbstoptimierung um und erinnert sich mit entrücktem Gesang an den Rat ihres Vaters: Tu nur das, was dich glücklich macht.

„Dieser Weg wird lang“. Kurze Kunstpause. „Und beschissen“

Klanglich folgt Unschuld und Verwüstung dabei erneut einem experimentellen Ansatz, rührt ein widerborstiges Amalgam aus pulsierender Electronica, enigmatischen Chansons und verwaschenen Saxofoneinspielern. Die Gesamtstimmung ist düsterer als auf dem Vorgänger Doppelstern, schon den Opener „Michael Stripe“ zieht es streckenweise in Richtung Drone, während „Brainfuck“ mit hypnotischen Sounds hantiert, deren Aura die Chorleiterin Morgenstern oft mit bestechend einfacher Poesie konterkariert. Um einmal aus der konzertant wirkenden Pianoballade „Angel’s Whisper“ zu zitieren: „Dieser Weg wird lang“. Kurze Kunstpause. „Und beschissen“. Am Ende ist man sich mindestens zweier Dinge gewiss: Robert Wyatt wird weiter Fan bleiben. Und in einer gerechteren Welt hieße die popkulturell bekannteste Person aus Hagen nicht Nena – sondern Barbara Morgenstern.

Diese Albumkritik wird auch in SPEX No. 383 erscheinen. Das Heft ist ab dem 25. Oktober versandkostenfrei im Onlineshop bestellbar.

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