Babyfather »BBF Hosted By DJ Escrow« / Review

Auf BBF Hosted By DJ Escrow durchläuft der Protagonist einen Entwicklungsroman-ähnlichen Reifeprozess hin zum politischen Bewusstsein. Ob Dean Blunt das ernst meint?

Schon länger her, dass der Union Jack in popmusikalischen Zusammenhängen wehte. Ist ja auch immer heikel, das Spiel mit nationalen Symbolen. Dean Blunt kann davon ein Lied singen und tut es mit maliziösem Genuss. Auf dem Cover seines neuen Albums unter dem Pseudonym Babyfather (über dessen Mitglieder inklusive dem im Titel genannten DJ Escrow nichts bekannt ist, außer dass Produzenten-Genie Arca an einigen Stücken beteiligt war), sticht erst mal ein feistes E-Board im britischen Design ins Auge. Es steht auf dem Dach eines Hauses in Privatbesitz (denn nur auf Privatgrundstücken ist im UK der Gebrauch von E-Boards erlaubt), im Hintergrund das postmoderne London samt Shard (Westeuropas höchster Wolkenkratzer) im frühabendlichen Lichterglanz. Die Sonne geht gerade unter.

Es ist ein tolles, Brechreiz förderndes Bild für den Exzess von Neoliberalismus und Privatisierung in England, das der erste Track aufgreift: Der Satz »This makes me proud to be British« läuft im Loop, samt neoklassischer Dudelunterlage, bis irgendwann Polizeisirenen das Mantra beenden. Danach führt uns Babyfather in die Realitäten der Straße jenseits ihrer Glanzlichter ein. In der Dramaturgie eines Mixtapes aus G-Funk, Reggae-Vibes, Grime, Noise und allerlei exquisiten Samples entfaltet sich ein Gangsta Rap-Drama mit zahlreichen HipHop-typischen Skits. Babyfather verkündet, disst und reflektiert, macht auf dicke Hose, zelebriert knowledge. Wie im echten Leben werden alle Äußerungen und die Musik andauernd durch nerviges Handyklingeln unterbrochen. Oder eher: strukturiert.

Der Zeiger steht auf Meta.

Dabei durchläuft der Protagonist einen Entwicklungsroman-ähnlichen Reifeprozess, an dessen Ende das Erwachen eines politischen Bewusstseins steht – was abschließend wieder der Loop »This makes me proud to be British« kommentiert. Keine Ahnung, ob Blunt das sarkastisch oder an dieser Stelle tatsächlich ernst meint. Für sein provokantes Jonglieren mit Signifikanten ist er ja bekannt. Eins wird aber deutlich: Gewann auf seinem letzten Album Black Metal (2014) noch Musik-Musik die Oberhand, steht der Zeiger nun auf Meta. Seit dem Commercial Album der Residents zu Beginn der Achtziger ist niemand so verschwenderisch mit tollen Ideen und geilen Entwürfen umgegangen. In ausformulierter Form hätten sie fünf bis acht Hits abwerfen können, hier fristen sie ein Dasein als Skizze. Eigentlich auch toll, wie Blunt dem Kulinarischen trotzt, um seinen unbedingten Kunstwillen voranzutreiben.

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