Awesome Tapes 2.0

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  Brian Shimkovitz ist noch immer einer jener Menschen, die von einer einzigen Idee angetrieben werden. Für sein Blog AWESOME TAPES FROM AFRICA reist er seit fünf Jahren mehrmals jährlich nach Afrika, um zwischen Casablanca und Kapstadt, Dakar und Nairobi nach in Vergessenheit geratenen Kassettenveröffentlichungen lokaler KünstlerInnen egal welcher Stilrichtung zu suchen. Archiviert und kommentiert, präsentiert er die ungewöhnlichen Klänge dann als Download einer beständig gewachsenen Lesergemeinde im Blog. 2010 spielte er bereits drei DJ-Sets im Rahmen einer kleineren Deutschlandtour, in diesem Jahr ging es u.a. zur Biennale in Venedig, zum Worldwide Festival in Sète und nach Dänemark zum Roskilde Festival. Heute Abend, am 21. September, wird Shimkovitz allerdings in Berlin, im Kater Holzig, beim 15. Geburtstag der Konzeragentur Planet Rock auflegen.

   Im Gepäck hat er dabei das Band, das eine Zäsur im ATFA-Schaffen markiert: Mit La Grande Cantatrice Malienne Vol 3 von Nâ Hawa Doumbia (Cover oben zu sehen) eröffnet der New Yorker demnächst das Label Awesome Tapes from Africa, das von nun an auch mit Re-Issues ausgewählter Tapes auf Vinyl und CD sowie digital die Musik außerhalb ihres Entstehungslandes bekannt machen möchte. Gleichzeitig beginnt damit natürlich die Monetarisierung des Projekts, die Gewinne werden mit den Originalinterpreten und eigentlichen Rechteinhabern aufgeteilt, die dadurch endlich und im Gegensatz zu den Blogposts auch zu Erlösen gelangen. Im nachfolgenden Interview erläutert der Blogger, DJ und frischgebackene Labelvater seinen Schritt und die Inspiration dahinter.

   UPDATE: Das Interview wurde um die zwei kursiv abgebildeten Fragen ergänzt. Außerdem gibt es nun das Albumstück Kungo Sogoni von Nâ Hawa Doumbia zum Download weiter unten. Am Donnerstag, dem 6. Oktober, ist Shimkovitz beim Enjoy Jazz Festival im Karlstorbahnhof, Heidelberg, zu Gast.

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   Brian, in deinem aktuellsten Blogeintrag schreibst du über ein Tape des äthopischen Sängers Ephrem Tamru, »I don't have anything to say, just listen to this and feel good today.« Mehr als fünf Jahre nachdem Beginn von Awesome Tapes from Africa: Wie fühlst du dich derzeit mit dem Projekt? Ist es noch immer das gleiche Level an Interesse und Passion?

BRIAN SHIMKOVITZ    Bei der Energie hinter dem Projekt handelt es sich ganz um Enthusiasmus. Ich bin der festen Überzeugung, dass, obwohl ich Nichts über die Musik weiß, die ich poste, mich doch das starke Interesse an der Diversität der afrikanischen Musik und das Verlangen, mehr und mehr obskure Klänge zu finden, weitermachen lassen werden. Das Blog hat bisher nur einen winzigen Anteil des Auftreibbaren verfügbar gemacht, also werde ich es noch eine ganze Weile fortsetzen.

   Bald wird das Blog zugleich zum Label und du wirst ein Re-Issue der malischen Sängerin Nâ Hawa Doumbia namens La Grande Cantatrice Malienne Vol 3 veröffentlichen. Wie bist du diesmal zu dieser Künstlerin gelangt?

Mir war Doumbia bekannt, seit ich ein paar Tapes von ihr vor ein paar Jahren in Bamako (der Hauptstadt Malis, Anm.d.V.) gefunden hatte. In ihrem Heimatland ist sie recht berühmt. Aber diese besondere Veröffentlichung war für mich viel aufregender als die von mir zuvor Gehörten. Mein guter Freund Simon aus New York machte mich mit den Aufnahmen bekannt. Ich verfiel ihnen auf Anhieb und wusste, dass sie das Beste sein würden, was ich zuerst veröffentlichen könnte, eine Art Einführung in das, was ich mit dem Label Awesome Tapes from Africa zu erreichen versuche.

   Nâ Hawa Doumbia genießt zwar außerhalb Malis keine allzu große Bekanntheit, aber im Gegensatz zum Gros der auf deinem Blog präsentierten KünstlerInnen veröffentlichte sie in den letzten 20 Jahren auch auf französischen Labels wie Cobalt oder trat in Deutschland auf. Warum hast du sie für deine erste Veröffentlichung ausgewählt?

Ich wollte eine Aufnahme von einem Künstler präsentieren, der wirklich nah an der internationalen Anerkennung dran ist. Ich liebe außerdem die Musik Malis, sie liegt mir sehr am Herzen und hatte großen Anteil daran, dass ich das Blog gestartet habe. Das Album erschließt sich vielen unterschiedlichen Hörergruppen, ist also von der richtigen Art, um damit ein Label zu beginnen. Es wird in Zukunft dort ein breites Klangspektrum geben, aber für den Anfang wollte ich etwas wirklich Klares und Simples machen, ein Initialmanifest meiner Mission.

   Die Platte ist um die 30 Minuten lang und enthält »nur« vier unterschiedliche Stücke. Was war ihr ursprüngliches Konzept? Handelt es sich um ein Album im traditionellen Sinne des Formats oder eher um eine Kompilation oder Liedsammlung?

Ich habe es so verstanden, dass sie einen Musikwettbewerb in den späten 70ern gewonnen hat und dadurch die Chance bekam, ein paar Aufnahmen zu machen. Sie nahm dann eine Reihe von drei Alben auf und dieses ist eines von ihnen. Es ist keine Sammlung, obwohl anschließende Kassettenveröffentlichungen davon noch weitere Lieder als Füller enthielten. Es ist aber ein kraftvolles Album, kurz und gut.

   Nâ Hawa Doumbia wird die Hälfte aller Einnahmen, nach Abzug der Ausgaben, erhalten. Wie bist du mit ihr in Kontakt gekommen und wie hat sie auf deine Pläne erstmals reagiert?

Ich hatte das große Glück, mit einem Amerikaner in Kontakt zu stehen, der die Hälfte jedes Jahres in Bamako verbringt und mit Nâ Hawa verbunden ist. Er half, alles zu arrangieren und überbrückte die Sprachbarriere für mich. Sie war sehr erfreut, die Chance zu erhalten, ihre Musik einem breiteren Publikum präsentieren zu können. Ich denke nicht, dass ihr das Blog bekannt war, aber man erklärte ihr, dass es eine andere Art Musikveröffentlichung ist, die möglicherweise zu mehr Gelegenheiten weltweit führt. Teil dieses Projekts zu sein, scheint sie sehr zu begeistern und ich freue mich wahnsinnig, mit ihr zusammenarbeiten zu können!

    Wirst du von jetzt an regelmäßig Platten veröffentlichen?

Mein Plan ist es, beständig Platte zu veröffentlichen, um einen Katalog wirklich interessanter Musik, die mensch nirgendwo sonst finden kann, aufzubauen. Der schwierigste Teil dieses Prozesses ist dabei das eigentliche Ausfindigmachen der Künstler, und einen offiziellen Vertrag mit ihnen aufzusetzen. Hoffentlich kann ich da noch weitere organisieren, sodass es in den nächsten paar Jahren einige wundervolle Sachen zu hören geben wird.

   Versuchst du immer den ursprünglichen Interpreten bzw. die ursprüngliche Interpretin ausfindig zu machen, sobald du ein interessantes Tape gefunden hast?

Für gewöhnlich habe ich leider nicht die Chance, die Künstler, die ich liebe, ausfindig zu machen, denn ziemlich viele von ihnen sind recht schwer zu finden. Aber die meiste Zeit, die ich bisher für dieses Label aufgewendet habe, gehörte der Suche nach bzw. dem Kontakt mit lediglich einer kleinen Handvoll Leuten. Das hat sich tatsächlich als der schwierigste Arbeitsteil erwiesen, da ich nicht in Afrika lebe.

   Sind dir irgendwelche Rückmeldungen (Tourbuchungen, Verträge etc.) bekannt, die die auf Awesome Tapes from Africa – The Blog vertretenen KünstlerInnen durch ihre Erwähnung außerhalb Afrikas erhalten haben?

Ich habe vor Kurzem beim Roskilde Festival in Dänemark nebst Jagwa Music aus Tansania (Livevideo unten) gespielt, deren Musik ich gepostet hatte. Ich denke nicht, dass das Blog irgendeinen direkten Einfluss auf die Karriere dieser Künstler hat, aber es hat sicherlich geholfen, ihre breitere Attraktivität aufzuzeigen.

    Es gibt ein paar weitere sogenannte »Crate Diggers« (Kistendurchwühler) wie dich, zum Beispiel den Deutschen Samy Ben Redjeb, der aus Tunesien stammt und das Label Analog Africa betreibt. Wird es immer schwerer, an gute Bänder oder Platten zu gelangen, der afrikanische Markt an manchen Stellen vielleicht bald ähnlich leergekauft sein wie der jamaikanische?

Tapes sind noch immer sehr häufig in Afrika vorzufinden und, soweit ich das erkennen kann, werden Mp3s und CDs ebenso mehr und mehr erschwinglich bzw. zugänglich für den Durchschnittshörer dort. Es gibt allerdings nicht eine derartige Sammlerszene für Tapes wie für Vinyl, weshalb ich wohl nicht jene Probleme der »Crate Diggers« in diesem Sinne haben werde. Derzeit habe ich viel mehr Tapes als Zeit, sie mir anzuhören, deshalb ist soweit alles ganz gut für mich.

    Redjeb erzählte vor Kurzem dem Magazin brand eins, dass die ungewöhnlichste Fundstelle von Platten für ihn eine alte Minenstadt in der simbabwischen Provinz mit einem eigenen Plattenladen war. Welche ähnlichen Erfahrungen hast du gemacht?

Ich hatte ein tolles Erlebnis in Nordghana, wo ich Tapes von einem alten Mann in einem kaputten kleinen Kiosk am Rande der Straße bekam. Er verkaufte überspielte Kopien von Kirchenmusik mit reduziertem Gesang und allerhand Perkussion, aber sehr wenigen Informationen dazu und extremen Lo-Fi-Klang.

    In den westlichen Medien werden fast ausschließlich europäische oder US-amerikanische Vertreter dieser Szene thematisiert. Gibt es denn keine »Crate Diggers«, Blogger oder Labelgründer aus bzw. in den afrikanischen Staaten selbst, die die vergessen geratene Musik ihrer Heimat wieder verfügbar machen?

Das ist eine gute Frage. Ich bin mir nicht wirklich sicher. Das kommt wahrscheinlich eher in den Exilantengemeinden vor, wo eine Handvoll Leute die Aufnahmen von zu Hause wieder für ihre Leute auflegen.

    Einer deiner Lieblingskünstler ist Souley Kanté. Was fasziniert dich beispielsweise an ihm so besonders?

Ehrlich gesagt, ich habe nur dieses eine Album Bi Magni von Souley Kanté gehört, aber es ist einfach eine meiner Lieblingsaufnahmen von Anfang bis Ende. Es hat starke elektronische Rhythmen, angeführt von Kantés hochfliegender Stimme, nebst einigen traditionellen Instrumenten. Es ist ein wildes Album, das mich jedes Mal zum Tanzen bringt.

    Im Januar wurdest du in einem Artikel der New York Times erwähnt, der sich mit der derzeitig verstärkten Rezeption afrikanischer Musiker in der westlichen alternativen Musik auseinandersetzt. Das Album After Robots der südafrikanischen Band BLK JKS war etwa 2009 die »Platte der Ausgabe« im Spex-Heft 323. Gehören afrikanische Klänge, deines Erachtens, mittlerweile zum festen Bestand des modernen Popkanons?

Ich bin wirklich sehr begeistert von dem aktuellen Interesse an der Musik in so vielen verschiedenen Kreis. Ich bin mir jedoch noch nicht sicher, ob das nicht doch ein vorübergehender Trend ist. Aber ich werde das auch noch weiterverfolgen, wenn sich jeder bereits mehr für samoanischen No-Wave-Dub oder was auch immer interessiert.

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VIDEO: Jagwa Music Live at Roskilde Festival 2011

DOWNLOAD: Nâ Hawa Doumbia Kungo Sogoni

STREAM: Nâ Hawa Doumbia Kuruni – Das Stück ist nicht auf der Re-Issue enthalten!

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AWESOME TAPES FROM AFRICA DJ-SETS:
21.09. Berlin – Kater Holzig
06.10. Heidelberg – Karlstorbahnhof

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